Kleinstaatlichkeit
D.h., die "nationalen" Könige haben immer eine Geschichtsdeutung nach zentralistischem Muster vorgetäuscht, obwohl in Wirklichkeit dezentrale Strukturen vorherrschten.
Sozusagen, um den Ruhm des Königs/Kaisers von Frankreich, England, Deutschland, Italien usw. zu erhöhen.
Als dann nach den "Napoleonischen Kriegen" nach 1815 Deutschland und Italien kleinstaatlich wurden und ohne gemeinsamen König/Kaiser,
war kein Grund für die Fortsetzung dieser Fälschungen mehr vorhanden.
Daher beschreibt man seitdem beide Länder im Rückblick so, wie sie immer schon waren, und in Wirklichkeit auch die anderen:
dezentral und "kleinstaatlich".
Aber in Wirklichkeit wohl noch dezentraler, als selbst die Provinz-Fürsten es einräumten.
Das müßte man man mal anhand von anderen Quellen als Landkarten verifizieren,
soweit man hier überhaupt Fälschungen von Originalen unterscheiden kann.
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Die Altmark gehörte beispielsweise zur Gänze der Mark Brandenburg an.
Hinsichtlich der kirchlichen Zugehörigkeit verlief mitten hindurch eine Grenze (entlang der Milde / Biese / Aland). Der westliche Teil gehörte zum Bistum Verden, der östliche zum Bistum Magdeburg.
Den Händlern der Hanse interessierte weder lehnsrechtliche noch die Kirchengrenze. Für sie war Lübeck zuständig. Ihr Reich (Handelsraum) reichte von Westphalen über Norddeutschland, Südschweden und Pommern, Preußen bis nach Nowgorod.
Naja - und die wenigen verbliebenen Katholiken und Juden hatten ihren Herrn wieder ganz woanders zu sitzen und würden eine Karte mit anderen Grenzen gezeichnet haben.
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z.B. Johannes Burckhardt: "Deutsche Geschichte in der frühen Neuzeit". Gleich zu Anfang auf Seite 7 schreibt er:
Lange haben die drei Jahrhunderte zwischen den Jahren 1500 und 1800 keine gute Presse gehabt,
und immer noch wird das Reich deutscher Nation als ein nur noch in unzähligen Einzelsouveränitäten zerfallenes Monstrum hingestellt.
Eine Schauerlegende geht um von der deutschen "Kleinstaaterei",
die willige Kartographen des 19. und 20. Jahrhunderts nachträglich als "buntscheckigen Flickenteppich" illustrierten.
Dieses Negativbild vom unaufhaltsamen Niedergang des "Alten Reiches"
sollte als Kontrastfolie den unaufhaltsamen Aufstieg Preußens historisch legitimieren.
Kein Experte kann das mehr so vertreten, aber in Zeitschriften- und Fernsehserien wie in lernunwilligen Kompendien zur deutschen Geschichte
ist von der wissenschaftlichen Generalrevision des deutschen Geschichtsbildes noch nicht viel angekommen.
Siehe hierzu die oben von mir verlinkten Landkarten aus dem 18. Jh., die ein ganz anderes Bild zeigen als heutige historische Landkarten der damaligen Zeit !
Wenn also die Bildung eines Nationalstaates in Deutschland im 15.Jh. weitgehend parallel zu Frankreich, England und Spanien erfolgte,
können die Märchen von mittelalterlichen Wanderkaisern, denen alles gehörte (außer einem eigenen Märchenschloß), und die Kirchen, Klöster und Länder verschenkten,
nun wirklich nicht wahr sein. Ebensowenig natürlich die Märchen vom angeblich mächtigsten Kirchenfürsten der Welt, dem Papst in Rom,
der diese Märchenkaiser von 800-1452 gekrönt haben soll (als Erster wird vom Papst 754 Pippin der Kleine zum König gesalbt),
der aber nicht einmal eine standesgemäße Kathedrale besaß wie jeder Erzbischof dieser Zeit.
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- Berlichinger
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Wenn Sie das von dutzenden regional verschiedenen Dörfern und Städten von den Alpen bis nach Dänemark machen, können Sie leicht die damaligen Herrschaftsverhältnisse rekonstruieren.
Oder drucken Sie sich bei Google-Books die hunderten verschiedenen Hof- und Staats-Handbücher aus, welche JÄHRLICH für alle Kleinstaaten erschienen sind, und deren gesamte mehrtausendköpfige Beamtenschaft enthalten, welche letztere Sie auch bei Überprüfung in den oben genannten handschriftlichen amtlichen Quellen wiederfinden, um sich aufs einfachste zu überzeugen welche Staaten im 18. Jahrhundert wirklich existierten!
Ist Ignoranz und Forschungsabneigung etwa ein Zeichen für historische Wissenschaft? Warum heißt diese Homepage so? Oder spielen wir hier aus Spaß an der Freude alle in dekadenter Weise etwas Lustiges am Computer, wie es uns gerade so einfällt?
Schade, dass die Geschichtskritik der 90er in diese Sackgasse verläuft ...
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Ich nehme einmal an, daß Sie das, was Sie mir empfehlen, nicht selbst getan haben, nämlich die Quellen gesichtet und ausgewertet.
(Sollte ich mich da irren, wäre ich an Ihren Forschungsergebnissen sehr interessiert.)
In diesem Falle hätte es allerdings auch gereicht, die entsprechende Forschungsliteratur der letzten ca. 20 Jahre zu sichten.
Denn darin findet sich der von mir beschriebene Wandel im Geschichtsbild der frühen Neuzeit Deutschlands wieder.
P.S.: Falls Sie - wie mir scheint - überhaupt keie Ahnung haben, worum es hier geht:
Es geht um das Föderalismus-Konzept Deutschlands, das sich unter den Habsburgern seit dem Ende des 15.Jh. entwickelte,
und um die rückwirkende Fälschung der Geschichte nach der Zerschlagung eben dieses Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation in den Napoleonischen Kriegen.
(Frankreich, das ganz Europa mit Krieg überzogen hatte und den Krieg "verlor", hat dabei eigentlich nichts verloren. Es mußte weder Gebiete abtreten noch Reparationen zahlen.
Napoleon bekam sogar noch mit Elba eine eigene insel mit einem all-inclusive-Paket geschenkt, nebst einer Armee von 1000 Mann, und behielt seinen Titel als "Kaiser der Franzosen" !)
Hauptakteure waren die kaiserlos gewordenen Regionalfürsten, insbesondere Preußen, und das spätere Zweite Deutsche Reich.
P.P.S.: Wenn Sie die von Ihnen empfohlene Recherche in den USA oder im heutigen Deutschland durchführen, hoffe ich nicht,
daß Sie z.B. aus der Existenz eines Freistaates Bayern mit eigener Verfassung, eigenen Gesetzen, eigenen Gerichten, einer eigenen Landespolizei,
und einem eigenen gewählten Parlament nebst Staatsregierung, die falschen Schlußfolgerungen ziehen.
Man darf nämlich nicht den Überblick verlieren !
Mir bleibt daher nichts anderes übrig, als Ihnen in folgendem Punkt zuzustimmen:
Ist Ignoranz und Forschungsabneigung etwa ein Zeichen für historische Wissenschaft?
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- Berlichinger
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Der neue Machtfaktor in Europa war Preußen, weil es zufällig mit Wellington am Sieg gegen Napoleaon teilnahm.
Wer sollte hier ein Interesse daran haben, etwas Vergangenes zu fälschen? Die Fronten waren klar, Habsburg und das Russische Reich waren mit "einem blauen Auge" davongekommen. Napoleon wurde nach wie vor von vielen Deutschen verehrt, Nietzsche feiert ihn noch 80 Jahre später als größten Europäer ... Hier musste nirgends gefälscht werden, da alles auf den Schlachtfeldern entschieden wurde, und beim Wiener Kongress wurden dann nach beinahe physikalischen Machtquanten die staatlichen Verhältnisse neu aufgeteilt.
Man vergleiche bloß einen Hof- und Staatskalender von 1790 und einen von 1810 um festzustellen, dass alles beim alten blieb, nur die Staatsoberhäupter zum Teil gewechselt haben.
Und was die Quellen betrifft, ist jede moderne Literatur immer eine Art von Interpretation, allein schon in der Auswahl und der Menge der einzelnen Belege und Urkunden.
Um die alten staatlichen Strukturen wirklich kennenzulernen, empfiehlt es sich irgendein Genealogisches Handbuch um 1900 zu vergleichen, wo hunderte verschiedene gräfliche, freiherrliche oder adelige Familien ihre Genealogien unabhängig voneinander selbst zur Veröffentlichung eingesandt haben, und wo man an allen älteren Stammtafeln und Genealogien die selben Phänomene feststellen kann, wie z.B. das Enden konkreter Datierungen ab einem bestimmten Jahrhundert, das plötzliche Wiederholen immer derselben Vornamen, das völlige Fehlen von zeitlichen Daten bei den Frauen etc. Hundertfach parallel immer dieselben Fakten, ohne dass die Einsender von den Forschungen der anderen wussten.
Ähnliche Forschungen lassen sich durch das Vergleichen von Kirchen- und Bürgerbüchern früherer Jahrhunderte mit davon völlig unabhängigen historisch-politischen Verträgen und Briefen anstellen: alles passt zusammen bis mindestens 1600.
Die geschichtliche Sekundärliteratur auszuwerten ist hingegen die bequemste (faulste?) und billigste Variante, keine Frage: man setzt sich aus den Theorien anderer Denker seine eigene Privattheorie zusammen. Was hat diese aber mit der Geschichte von Millionen Menschen zu tun, die sich kein Exkrement um private Theorien kümmern?
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