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Calvisius: Opus Chronologicum

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14 Jahre 8 Monate her #4854 von *CD
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Es gibt in der Geschichte ein „Grossereignis“, das als chronologischer Angelpunkt dienen könnte, da es bei Emmius in allen drei Strängen erwähnt wird: die grosse Pest in Germanien, die gemeinhin in die Zeit von 1348 CHR gelegt wird.

Hier die Datierung dieses Ereignisses in den drei Strängen:

Ost: 2093 OLY (pestis & fames)
HRR: 1312 CHR (pestis)
West: 2101 URB (pestis)

Wenn man die Synochen nach dem Schema von Calvisius aufschlüsselt, dann erhält man folgende Datierungen:

Ost: 1318 CHR
HRR: 1312 CHR
West: 1349 CHR

Wie man sieht, hat sich die „westliche“ Datierung durchgesetzt. Die beiden anderen Stränge erzählen entweder von einem anderen Ereignis, oder es liegt hier ein eklatantes Datierungsproblem vor.

Die Ereignisse in den 1310er Jahren werden heute als Hungersnot infolge einer langjährigen Schlechtwetterphase in Westeuropa gedeutet. Die „grosse Pest“ aber wird heute eindeutig nur mit den seuchenartigen Geschehnissen Ende der 1340er Jahre assoziiert.

Da die Daten bei Emmius noch nicht vollständig konsolidiert sind, d.h. die unterschiedlichen Daten verschiedenen Strängen zugeordnet sind, stellt sich allerdings die Frage, ob vielleicht effektiv doch nur ein Synchronisierungsproblem vorliegt.

Wie sehen denn zu diesem Ereigniskontext die Quellenlage und die Datierungen bei Calvisius aus?
Hier eine Übersicht der grossen Pest- und Hungersnöte auf deutschem Gebiet in den interessierenden Zeitabschnitten bei Calvisius (Datierung in CHR):

1313: „Annal. Suev.“ (fames & pestilentia)
1316: „Fab.“ (fames)
1347: „Chron. Belg. & alij.“ (pestis)
1349: „Trith.“ (pestis)

Laut Calvisius erwähnen die Schwäbischen Annalen für 1313 die interessante Episode, dass Getreide aus Sizilien importiert werden musste, um die Hungersnot in Mitteldeutschland zu bekämpfen; und Fabricius erwähnt für 1316 eine Hungersnot in Thüringen, und dass die Leichen aus den Städten gekarrt wurden, damit dort keine Pest ausbreche...

Die Ereignisse finden somit eindeutig auf dem Gebiet des HRR oder sogar östlich davon statt.

Die Belgische Chronik kann man anderseits ganz klar dem West-Strang bei Emmius zuordnen, und auch Trithemius stammt ja aus dieser Ecke. Die „westlichen“ Quellen scheinen somit vorzugsweise die Pest-Ereignisse der späten 1340er Jahre zu nennen.

Wenn man aber in den genannten Chroniken nachschaut, dann wird man sehen, dass jeweils immer beide Ereigniskontexte schön zeitlich getrennt voneinander genannt werden. So scheint es sich also wirklich um zwei verschiedene Kontexte zu handeln, und der Verdacht, all diese Berichte könnten auf ein einziges Grossereignis zurückzuführen sein, muss vorerst als unbegründet zurückgewiesen werden. Es scheint also reiner Zufall zu sein, dass sich Calvisius‘ Quellenauswahl gerade mit dem Schema von Emmius deckt.

Irritierend ist einzig, dass man in den Chroniken nicht immer das liest, was Calvisius dort zu sehen glaubte... aber das könnte auch damit zu tun haben, dass es noch heute verschiedene Schwäbische und Belgische Chroniken gibt, und welche Ausgaben Calvisius zur Hand hatte (vielleicht eine, die es heute nicht mehr gibt...), wissen wir nicht!

(Fortsetzung folgt)

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14 Jahre 8 Monate her #4864 von *CD
Der Zugang zur Frage, wie die Pestseuchen des 14. Jahrhunderts bezüglich Chronologie und Kausalität einzuordnen sind, ist nicht einfach, weil es nur schon ein grosses Problem mit dem Begriff „pestis“ gibt, von dem eigentlich gar nicht klar ist, was damit konkret gemeint war. Seit Herlihy („Der Schwarze Tod“, 1998) wissen wir wenigstens, dass wir über die mittelalterliche Pest nichts wissen.

Die „Pest“ der 1310er Jahre schien jedenfalls mit Hungersnöten einherzugehen, und es scheint sogar einen Zusammenhang mit der Lepra zu geben, die in dieser Zeit zu allem Übel auch noch grassierte, während es sich bei der Pest ab 1347 offenbar um etwas ganz anderes handeln musste, nämlich um ein beinahe globales Massensterben, das von Indien seinen Ausgang nahm...

Aber eben: Nichts genaues weiss man nicht - ausser vielleicht dies: „schlechte Luft“ scheint irgendwie immer eine Rolle gespielt zu haben!

„Pest“ würde also vielleicht gar nicht eine Krankheit, sondern eher die üblen Gerüche umschreiben, die bei dieser oder jener Gelegenheit auftreten können, etwa in Form eines „b/pestialischen Gestanks“ - z.B. wenn infolge einer Hungersnot die Menschen wie Fliegen wegsterben, und man die Leichen wegschaffen muss, damit wegen des Leichengeruchs keine „pestis“ entsteht. Und so sind die Ereignisse in Thüringen anno 1316 eher in diesem Zusammenhang zu sehen, und nicht etwa weil die Menschen Krankheitsausbrüche fürchteten - denn von Leichen können keine ansteckenden Krankheiten ausgehen, jedoch sehr wohl „verpestete Luft“...

Emmius scheint also den Begriff „pestis“ etwas leichtfertig verwendet zu haben, so dass der Eindruck entstehen könnte, die 1310er und die 1340er Ereignisse seien irgendwie vergleichbar. Woher hatte er die Informationen, und weshalb hat er sie so stark verkürzt? Vom Ereignis 1312 CHR erfahren wir immerhin, dass die Pest in Köln 30‘000 Opfer gefordert hat.

Geschichtsschreibung ist eine unendliche Kaskade des Abschreibens, und im Fall von Emmius kommt noch eine dramatische Ausdünnung des Stoffs dazu, was zu einer Verwischung von wichtigen Spuren führt. Emmius reduziert die Geschichte auf ein sehr schlankes Gerüst, und manchmal ist es so dünn, dass es wegzubrechen droht (wie wir noch sehen werden...). Wenn aber wichtige Details, die zu einer differenzierten Sichtweise führen könnten, einmal verloren sind, dann steht das Tor für wilde und willkürliche Spekulationen und Interpretationen weit offen.

Wenn wir also immer wieder in die finsteren Verliese der Chroniken hinabsteigen, dann tun wir dies auch, um wieder einige verloren gegangene Datensteinchen ans Licht zu bringen, die vielleicht besser ins grosse Geschichtsmosaik passen würden als die über Jahrhunderte dilettantisch zusammengeklebten Kiesel, die uns noch immer den Blick auf das grosse Ganze trüben.

Und oft genug stossen wir auf erstaunliche Funde: So etwa der gute alte Schedel! Die 1310er Ereignisse kennt er gar nicht... und für die Ereignisse um 1350 benennt er die Hauptschuldigen klar und mitsamt Abbildung: Heuschrecken!

Und es passt alles zusammen: Der bestialische Gestank eines Tonnen von Kot hinterlassenden Heuschreckenschwarms. Die Hungersnöte infolge kahlgefressener Felder. Epidemische Infektionskrankheiten, die eine hungernde und geschwächte Bevölkerung noch zusätzlich dezimierten. Das Ausbreitungsmuster der „Krankheit“ (von Indien kommend, und ein Land nach dem andern verheerend).

Die für die 1310er Jahre berichtete Schlechtwetterphase (die das mittelalterliche Klimaoptimum in Europa beendete) war vielleicht sogar der Trigger für die Schwarmbildung. Dann aber wären diese Jahre doch näher zur Mitte des Trecento zu rücken...


(Fortsetzung folgt)

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14 Jahre 7 Monate her #4939 von *CD
Die Darstellung bei Emmius entspricht der sogenannten synchronistischen Darstellung, wie man sie bei vielen Chronologen jener Zeit sehen kann. Verschiedene Geschichtsstränge werden parallel zueinander gestellt, so dass die „Gleichzeitigkeit“ der jeweiligen Ereignisse ersichtlich wird. Normalerweise sind diese Stränge mit entsprechenden Überschriften versehen, damit immer klar ist, welchem kulturellen oder politischen Kontext ein Strang zuzuordnen ist: so etwa „Ecclesiae“, „Imp. Germ.“, „Franc.“, „Hisp.“, „Turc.“ usw.

Bei Emmius fehlen diese expliziten Überschriften, was ein Hinweis darauf sein könnte, dass er die Vielzahl dieser Stränge, die er in seinen Quellen vorfand, auf die drei für ihn wesentlichen konsolidieren wollte, die jeweils auf eine gemeinsame chronologische Basis zurückzuführen waren.

Und immer war zu entscheiden, welche Ereignisse wichtig und würdig genug waren, um „Eingang in die Geschichte“ zu finden, und welche draussen bleiben mussten.

Die synchronistische Darstellung hat ja den Nachteil, dass in ereignisreichen Zeiten der Platz knapp wird, und dass dann die Texte in „falsche Jahre“ hineingreifen oder auch schon mal den Strang wechseln. Emmius löst dieses Problem mit feinen, gepunkteten Strichlein, die vom Text zum richtigen Ort auf der Zeitachse zeigen; manchmal bleibt aber nichts anderes übrig, als den Strang zu wechseln, wenn es für die Texte allzu eng wird.

Und vielleicht muss man auch mal etwas weglassen, was es eigentlich verdient hätte, erwähnt zu werden.

Und hier wird‘s tatsächlich spannend: Man findet bei Emmius kein Wort über die epochalen Entdeckungen der „Neuen Welt“, die ja zu seinen Lebzeiten auch schon einige Jahrzehnte zurücklagen! Kann es denn wirklich sein, dass Emmius die Entdeckung Amerikas für so unbedeutend hielt, dass er glaubte, diesen gewaltigen Vorgang nicht in seinem Canon Chronicus aufnehmen zu müssen?

Möglich wäre es, aber seltsam ist es schon...

(Fortsetzung folgt)

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14 Jahre 7 Monate her #4943 von *CD
Man braucht nicht lange zu suchen, um bei Emmius eine weitere prominente historische Absenz zu vermerken. Auch die Gregorianische Kalenderreform nämlich scheint ihm keine Erwähnung wert gewesen zu sein...

War das für ihn nur eine papistische Marginalie - aber warum, wo doch andere Chronologen seiner Generation ausführlich dazu Stellung nahmen?

Aber bei Emmius kommt alles noch viel schlimmer: Er hat vielleicht besagte Kalenderreform nicht gekannt, weil er offensichtlich den namengebenden Papst gar nicht kannte...!

Julius III (1550-55) ist der letzte Papst in seiner Chronik!

Bis zur Publikation des Emmius‘schen Werkes waren da aber noch ein Dutzend andere Päpste in Amt und Würden, darunter einige nicht ganz unwichtige, die für den weiteren Verlauf der Kirchengeschichte unübersehbare Wegmarken eingeschlagen und entscheidende Weichenstellungen vorgenommen haben. Es waren die Päpste, welche die Gegenreformation eingeleitet und den Katholizismus begründet haben, wie er noch 400 Jahre - bis zum 2. Vaticanum - Bestand haben sollte.

Und es waren die Päpste, die Rom neu gebaut haben!

Wie kann man diese eminenten Persönlichkeiten und ihr einflussreiches Wirken einfach unter den Tisch fallen lassen? Fanden die Nachrichten über die Vorgänge in Rom nicht mehr den Weg nach Groningen?


(Fortsetzung folgt)

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14 Jahre 7 Monate her - 14 Jahre 7 Monate her #4979 von Tuisto

Man braucht nicht lange zu suchen, um bei Emmius eine weitere prominente historische Absenz zu vermerken. Auch die Gregorianische Kalenderreform nämlich scheint ihm keine Erwähnung wert gewesen zu sein...


Für die Nichterwähnung der GKR kann es einen ganz einfachen Grund geben: Emmius war Protestant! Was ging Protestanten die GKR an? Sie rechneten schön brav weiter im JK.
Die GKR war im 17. Jahrhundert wahrlich noch kein wirklich historisches Ereignis, weil ihr kaum jemand folgte. Die nordöstlichen Niederlande auch erst 1700.
Letzte Änderung: 14 Jahre 7 Monate her von Tuisto.

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14 Jahre 7 Monate her #4985 von *CD
Tuisto schrieb einst im Thread "Argumente wider CD´s Thesen":

Ich werde mich künftig aus den Threads von CD enthalten und unter diesem Thread meine Argumente posten, die zeigen sollen, wo CD m.E. irrt.


Tuisto schrieb hier:

Man braucht nicht lange ...


15497 Minuten, um genau zu sein.
Das ist doch ziemlich genau die Halbwertszeit für ein Ehrenwort nach dem Motto: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?
Es hat gewiss auch eine ka-ballistische Bedeutung!
Doch nur Tuisto kann sie für uns entschlüsseln...

Das ist mein letzter Beitrag in diesem Forum.

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