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Calvisius: Opus Chronologicum

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14 Jahre 8 Monate her #4650 von *CD
Calvisius: Opus Chronologicum wurde erstellt von *CD
Seit ich dieses Werk kenne, bin ich der Überzeugung, dass es sich hierbei um das Schlüsselwerk der modernen „Geschichtsfindung“ handelt. Es ist ohne Zweifel das Werk mit dem weitreichendsten und nachhaltigsten Einfluss auf das Schaffen der Historiker in der frühen Neuzeit, noch vor Scaliger, Petavius und anderen.

Das Werk erreichte bis 1685 insgesamt fünf Neuauflagen in Folio, was auf eine stete Nachfrage schliessen lässt; eine kleinere Ausgabe - etwa für die Schule - scheint es aber nie gegeben zu haben, was wiederum den Schluss zulässt, dass es vor allem „Professionelle“ waren, die mit weniger als der vollständigen und kostspieligen Folio-Ausgabe nicht zufrieden gewesen wären.

Allein die Tatsache, dass Exemplare dieses Werks ständig von Antiquariaten (siehe zvab) angeboten werden und dies auch zu fairen Preisen, zeugt von der einst starken Verbreitung dieses Buchs (zumindest im deutschsprachigen Raum). Man suche demgegenüber mal einen Scaliger (Emendatione) oder Petavius (Doctrina)...

Es dürfte noch weit ins 19. Jh. wohl jede Bibliothek, die etwas auf sich hielt, einen Calvisius im Bestand gehabt haben. Wie kommt es dann aber, dass in den chronologischen Abhandlungen jener Zeit immer nur Scaliger, Petavius, Usher, Riccioli usw. als Standardwerke zitiert werden? Warum ging Calvisius und sein Werk scheinbar schon bald vergessen oder war zumindest nicht zitierwürdig? Eben darum: Weil ihn jeder hatte! Man musste nicht extra darauf hinweisen („Schau im Calvisius nach!“), weil jeder, der sich ernsthaft in die Tiefen der Geschichte aufmachen wollte, ohnehin dort zuerst nachgeschaut hätte.

Der Calvisius war damals so etwas wie der Grosse Ploetz heutzutage. Wenn ich mich wieder mal schlau machen muss, wie das damals war im Hundertjährigen Krieg, dann kann ich den Ploetz konsultieren und werde daraus vielleicht auch ganze Sentenzen abschreiben, und zwar ohne schlechtes Gewissen bzw. ohne überhaupt auf die Idee zu kommen, dass ich den Ploetz als Quelle nennen müsste. Heute kann man „Ploetz“ und ähnliche Standardwerke durch „wikipedia“ ersetzen, womit die freie Verfügbarkeit von kanonisiertem Wissen noch offenkundiger wird.

Was hat den Calvisius so einzigartig und beliebt gemacht? Dieses Buch vermittelt noch heute den Eindruck eines konzisen, nützlichen Nachschlagewerks, das dem Leser die Botschaft vermittelt: „the science is settled“. Calvisius hinterlässt keinen Zweifel: Es wurden alle Quellen befragt, und alles Erwähnenswerte wurde in die richtige Reihenfolge gebracht. Und die technische Chronologie, also das theoretische Fundament jeder Geschichtsschreibung, wird nochmals in kompakter Form erläutert.

Und dann natürlich die Art der Darstellung im Chronik-Teil: Sauberer und übersichtlicher kann man es gar nicht gestalten! Zu Beginn jedes Jahres der chronologische Kontext mit den synchronen Epochen (julianisch 1.1.), dann kurze Textblöcke mit den wesentlichen Informationen (auch innerhalb des Jahres schön chronologisch geordnet), dann zu fast jedem Textblock die Quelle, dazwischen immer mal wieder Daten von astronomischen Beobachtungen aus alter und neuer Zeit, die das ganze auch für Retrokalkulationen hieb- und stichfest machen, und immer auch punktgenau aufgeführt all jene Epochen, die unterjährig beginnen (z.B. ab Hegira). Man findet sich leicht zurecht und man findet auch leicht, was man sucht - natürlich auch dank des Indexes (der aber erhebliche Lücken hat und zwischen den verschieden Ausgaben auch nicht konsistent ist). Der Calvisius ist auch heute noch ein ausserordentlich praktisches Nachschlagewerk - selber Schuld, wer ihn nicht hat(te)! Aber alle, die damals mitreden wollten, hatten ihn...

Calvisius hat nicht selbst Geschichte geschrieben, er hat im wesentlichen nur kompiliert: Von den Inhalten hat er das aus seiner Sicht wichtigste von früheren Chronisten übernommen, die genaue chronologische Einordnung dieser „Geschichtsmeldungen“ war dann teilweise auch eine Eigenleistung von Calvisius, je nachdem, ob er der vorgegebenen Datierung des ursprünglichen Chronisten traute oder nicht.

Interessanterweise hört die Nennung der Quellen nach 1590 auf. Man kann dies wohl damit erklären, dass Calvisius für die zeitgenössische Geschichte nun selbst zum Chronisten werden konnte und nicht mehr auf andere Quellen angewiesen war.

Die übersichtliche und kompakte Darstellung der Chronologie der Geschichte der Menschheit bei Calvisius machte sein Werk zum unverzichtbaren Handbuch im akademischen Umfeld. Dies wird sofort klar, wenn man den Calvisius mit anderen Werken aus dieser Zeit vergleicht: die Vorteile des Calvisius bezüglich Form und Benutzbarkeit sind offensichtlich.

Es war deshalb auch nur logisch, dass ich erst durch dieses Werk zur Synochentheorie angeregt wurde; sie springen einem förmlich ins Auge! Man erkennt sofort, dass hier eine enorme Fehlerquelle für Datierungen verborgen liegt! Man ahnt aber auch, dass die Lust und der Ehrgeiz, diese möglichen Fehler aufzudecken, bei den Epigonen rasant abgenommen haben müssen.

Der Calvisius war zu praktisch und zu beliebt - wer hätte ihn anfechten wollen? Man hätte sich nur unbeliebt und lächerlich gemacht - geschweige von der Arbeit, die man sich damit aufgebürdet hätte! Nein, es war nun in der Geschichtswissenschaft ein angenehmer Zustand eingetreten: „the science is settled“. Und mit dieser sicheren Grundlage konnte man sich nun endlich den wahrhaft akademischen Forschungen und Hahnenkämpfen zuwenden: etwa dem wahren Geburtsdatum von Jesus Christus und ähnlich weltbewegenden Fragen. Es wurden dickleibige Dissertationen zu solchen Themen verfasst.

Aber in Wirklichkeit hat der Calvisius nur die chronologischen Gräben zugeschüttet, damit sich endlich die komfortablen Kutschen des akademischen Mainstreams schneller fortbewegen konnten. Und keiner, der bequem in der Kutsche sitzt, um geschwind vom einen zum andern Universitätspöstchen zu fahren, wird Anweisung geben, dass auf der Strasse vor ihm - zwecks Ergründung der Wahrheit - tiefe Gräben aufzureissen seien...

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14 Jahre 8 Monate her #4651 von Basileus
Das Opus Magnum von Herrn Seth Kalwitz gibt´s natürlich auch online:
www.e-rara.ch/zut/astro-eth/content/titleinfo/85863

Von wem stammt denn nun der Weltenanfang 3950 v.Chr., 188/189 Jahre vor dem Jüdischen 3761 v.Chr., von Scaliger oder von Calvisius ?

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14 Jahre 8 Monate her - 14 Jahre 8 Monate her #4652 von Tuisto
Natürlich von Scaliger, der schrieb 22 Jahre vor Calvisius seine "de emendatione".
Die Korrektur heißt übrigens jüdisch Tikkun.

CD muss ich wiedersprechen.
Es war Scaliger, der alle Epochen sorgfältigst berechnete, auflistete und miteinander verglich. Wenn schon Synochen, (die aber magels Beweise eh mehr Fiction in History denn Fakten zur History sind) dann über Scaliger! Calvisius kann ihm diesbezüglich trotz seines umfangreichen Werkes nicht das Wasser reichen!

Ein Fachmann benötigt grundsätzlich keine Propyläen Weltgeschichte und keinen Ploetz, wenn er sich auf Recherche begibt. Er hat Zugang zu den Originalen. Insofern braucht er auch keinen Calvisius, im Gegensatz zum Schüler und Laien, aber an Scaliger kommt er für chronologische Studien nicht vorbei.

Das Problem liegt aber darin:
Die mathematisch meist einfach strukturierten Historiker wollen gerne labern und umfangreiche Stories schreiben, haben aber keine Lust, sich in die komplizierte, komputistisch abgesicherte Chronologie hineinzuarbeiten.

Für einen Historiker spielt es nämlich keine allzugroße Rolle, wann etwas vor langer Zeit geschehen ist, Hauptsache, dass es geschehen ist. Ein Chronologe sieht dies ganz anders!
Der von oben ernannte Chronologe ist zudem zuständig für den Heilsplan, nicht der Schwätzer, auch nicht der begnadete Erzähler namens Historiker.

Ebensowenig interessiert sich übrigens die große Mehrheit der Historiker für eigenständige Mofi/Sofi-Berechnungen. Pfister ist so ein beliebiges Beispiel hier im Forum, der glaubt, die reale Geschichte kurzerhand mit ein paar dogmatischen Aussagen hinwegfegen zu können. Nach CD´s Hinweisen soll es auch in der Schweiz gute Sanatorien geben.

Wenn detaillierte Sofi-Berechnungen erst seit Newtons Mathematik möglich sind, fragt man sich als Laie, wie denn Scaliger, Nostradamus oder Calvisius so präzise rechnen konnten.
Letzte Änderung: 14 Jahre 8 Monate her von Tuisto.

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14 Jahre 8 Monate her #4653 von *CD
Basileus schrieb:

Von wem stammt denn nun der Weltenanfang 3950 v.Chr., 188/189 Jahre vor dem Jüdischen 3761 v.Chr., von Scaliger oder von Calvisius ?


Ich sehe die Relevanz dieser Frage nicht, und schon gar nicht im Zusammenhang meines Beitrags.

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14 Jahre 8 Monate her #4654 von *CD
Tuisto schrieb:

CD muss ich wiedersprechen.
Es war Scaliger, der alle Epochen sorgfältigst berechnete, auflistete und miteinander verglich.


Wo habe ich geschrieben, dass Calvisius irgendwelche Epochen definierte? Dass Calvisius auf Scaligers chronologischem System aufsetzte, dürfte in Fachkreisen allgemein bekannt sein, zumindest seitdem ich es in meinem Nostradamus-Buch explizit erwähnte...

Lesen Sie doch bitte meinen Beitrag nochmals sorgfältig durch und versuchen Sie zu verstehen, was ich damit aussagen wollte...
Danke!

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14 Jahre 8 Monate her - 14 Jahre 8 Monate her #4655 von Tuisto
Wer Synochen definieren will, muss sich auf Scaliger beziehen (der übrigens die Epochen auch nicht definierte, sondern stringent zusammenfasste) und nicht auf Calvisius.
Wer hat die Epochen, die allesamt vom JK/GK abhängen, definiert?

Auf welche chronologische Vorlage (Urmatrix, wenn man so will) greifen die Renaissancehistoriker zurück? Wo ist diese abgeblieben?

Wer vergangene und zukünftige nostradamische Geschichten, die scheinbar an diese vielfältigen Epochen anknüpfen, im Synochensystem hin- und herschieben möchte, kann das natürlich auch mit Calvisius tun. Es fehlt dann aber leider vielfach an der geforderten archäologischer Evidenz und man landet... tja wo eigentlich?

Schön, dass Sie Calvisius würdigen, aber es bleibt die Frage, wofür stehen Sie eigentlich?
Worauf wollen Sie konkret hinaus?
Letzte Änderung: 14 Jahre 8 Monate her von Tuisto.

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