Erfundene Antike. Teil 2

Eugen Gabowitsch

16.06.2009

 

19. Jahrhundert: Berühmtester Erfinder der Antike Poggio Bracciolini wird etlarvt 

Den späten, also humanistischen, Charakter einzelner „antiken“ Werke haben englische, deutsche und französische Historiker des 19. Jh. festgestellt. Sie haben sich überwiegend mit der Entlarvung des berühmten „römischen“ Historikers Tacitus als einen erfundenen Autor beschäftigt und seine Werke als Apokryphen bezeichnet, also Ihn und „seine“ historischen Schriften als ein Produkt der Renaissancezeit. 
Kritische Betrachtung von „Annalen“ und „Geschichte“ von Tacitus begann Voltaire in seinem „Philosophischen Lexikon“. Weitere kritische Stimmen folgten, aber nur am Ende des 19. Jh. begann man ganz offen darüber zu sprechen, dass die Tacituswerke eine Renaissancefälschung darstellen. 1878 veröffentlichte John Wilson Ross (1818-1887) in London das Buch “Tacitus and Bracciolini: the Annals forged in the XVth century“ (Tacitus und Bracciolini: die Annalen wurden im 15. Jh. gefälscht), in welchem er die Beweisführung präsentierte für die Fälschung der Tacituswerke durch den oder nach einer Bestellung von dem berühmten italienischen Humanisten Poggio Bracciolini. 
1890 Franzose P. Hochart, im Buch “De l‘Authenticite des Annales et des Histoires de Tacite” (Authentizität von Annalen und Geschichten von Tacitus) präsentierte einen noch detaillierteren und noch besser begründeten Beweis dafür, dass Poggio die Werke von Tacitus fälschte oder fälschen ließ In einem zusätzlichen Band antwortete er seinen Kritikern und vertiefte noch weiter die Beweisführung. 
1920 Leo Wiener im Buch, “Tacitus‘ Germania and other forgeries” (“Germania von Tacitus und weitere Fälschungen”) präsentierte philologische Untersuchung der Tacituswerke und behauptete, dass auch Araber an dieser Fälschung Teil nahmen.
Alle diese kritischen Arbeiten wurden durch Historiker ignoriert. In Russland wurden sie in mehreren Büchern propagiert. Morozov zitierte ausführlich aus diesen Büchern und benutzte diesen Fälschungsfall für die Begründung seiner totalen Ablehnung der Antike. Auch Fomenko hat in mehreren Büchern den Fall detailliert beschrieben. Die entsprechenden Seiten aus der ersten englischen Übersetzung eines der Fomenko’ Bücher veröffentlichte Günter Lelarge auf der Webseite der Zeitschrift „Zeitensprünge“. Leider wurde dieser Text von der Webseite später entfernt (Herr Illig mag keine Zitate aus Fomenko). Uwe Topper in seiner „Großen Aktion“ beweist die Unechtheit von „Germania“. 
Die Argumentation von Morosov wurde von Postnikov komprimiert und systematisiert präsentiert. Lt. Postnikov kann man die Argumente von Hochart folgendermaßen darstellen: 
1. Die Manuskripte der Tacituswerke sind Zweifel erregend 
2. Umstände der Auffindung der Manuskripte mit Hilfe von Poggio initiieren starke Verdachtsmomente über eine gezielte Fälschungsaktion 
3. Es gibt viele „Informationen“ in „Annalen“ und „Geschichten“, deren Beschreibung unter den Bedingungen „seiner“ Epoche für Tacitus unmöglich war. 
4. Es sind viele Spuren der Renaissancezeit in den Texten von Pseudo-Tacitus. 
5. Hohe Meinung vom klassischen Stil von Tacitus verschwindet beim Vergleich mit anderen Schriftstellern, die der gleichen Epoche zugeordnet sind. 
6. Neigung zur Pornographie, die eine typische Erscheinung des 15. Jh. war, weckt weitere Verdachtsmomente. Übrigens auch die Echtheit von Petronius, der die gleiche Neigung hat und auch von Poggio „gefunden“ wurde, wird aus dem gleichen Grund angezweifelt. 
7. Es herrscht die Meinung, dass verschiedene spätere Historiker wie Flavius, Plutarchos, Svetonius, Tertullianus, u. a. Angaben von Tacitus wiederholen. In Wirklichkeit aber ist es umgekehrt: er hat diese Angaben aus den Schriften dieser Autoren entnommen. 
Zur Person von Poggio Bracciolini (angeblich 1380-1459) schrieb Lelarg, auf seine Fomenko’ Übersetzung stützend, Folgendes in einer Internetdiskussion: 
„Nehmen wir nur den berühmtesten Finder von antiken Dokumenten, der nach der Meinung von Zeitgenossen schreiben konnte wie die Kirchenväter - und auch die bis dahin unbekannte Germania von Tacitus unter mysteriösesten Umständen fand: 
"Der aufwendige Lebensstil Poggio Bracciolini war teuer und bewirkte, daß er immer in Geldnot war. Eine zusätzliche Einnahmequelle war die Suche, die Präparation und die Herausgabe von Manuskript-Kopien antiker Autoren. Es war eine sehr profitable Quelle ... für das 15. Jh." 
Mit Hilfe des Florentinischen Wissenschaftlers und Herausgebers ... Niccolo di‘ Niccoli (angeblich 1363-1437) gründete Poggio Bracciolini so etwas wie eine Werkstatt, um mit antiker Literatur zu handeln und versammelte Mitarbeiter, sehr gelehrt, aber alle mit einer grauen Vergangenheit waren 
Die ersten Fundstücke wurden von Poggio Bracciolini und Bartelomeo die Monte Pulciano zur Zeit des Konstanzer Konzils gemacht. In dem verlassenen feuchten Turm des St. Gallener Klosters, in dem ein Gefangener nicht drei Tage überlebt hätte, hatten sie das Glück, einen ganzen Haufen antiker Manuskripte zu finden, nämlich die Werke von Quintilian, Valerius Flaccus, Asconius Pedianus, Nonius Marcellus, Probus und anderen. 
Diese Entdeckung war nicht nur sensationell, sondern schuf auch eine literarische Epoche." (Fomenko, 247, pp. 363-366). 
Bracciolini "fand" einige Zeit danach Fragmente "von Petronius" und Calpurnius‘ Bucolica (ibid.). 
Die Umstände, unter denen all diese Funde gemacht wurden, wurden durch niemanden und nirgendwo abgeklärt. 
Außer mit den Originalen handelte Bracciolini mit Kopien, die er für enorme Geldsummen verkaufte. 
Zum Beispiel erwarb er nach dem Verkauf einer Kopie von Livius an Alfonso von Aragon eine Villa in Florenz. 
Er verlangte 100 Dukaten vom Herzog von Estais (1.200 Francs) für Eusebius‘ Briefe. Poggios Kunden waren die Medici, Sforza, D‘Estais, aristokratische Familien Englands, das Herzogtum von Burgund, die Kardinäle Orsini und Colonna,so reiche Leute wie Bartelomea di Bardis, Universitäten, welche zu dieser Zeit ... gerade den Grundstock für Büchereien legten oder leidenschaftlich ihren Buchbestand erweiterten. 
Die wichtigsten Kopien von Tacitus‘ ersten und zweiten mediceischen Handschriften wurden in florentinischen Buchläden aufbewahrt, unter deren Direktoren auch Poggio war. 
Laut traditioneller Geschichte, waren diese Kopien die Prototypen aller anderen antiken Manuskripte von Tacitus. Die erste gedruckte Ausgabe wurde 1470 von dem "zweiten" mediceischen Manuskript angefertigt oder von einem anderen Manuskript, das in der venetianischen Libreria Vecchia bei St. Markus verwahrt wird." 
Auch Hochart vermerkt, dass Poggio klare finanzielle Interessen hatte, neue Manuskripte zu „finden“, das er literarische sehr begabt und klassisch gut gebildet war und durchaus imstande war alleine oder mit seinen Mitarbeitern zusammen alle von ihm „gefundenen“ „antiken“ Manuskripte zu fälschen. Die Atmosphäre der Epoche war sehr förderlich für die „Wiederbelebung“ von klassischen Göttern, Künstlern und Schriftstellern. 
 


Antike als eine Erfindung der Renaissance 

Philologisch wurde um 1900 von Robert Baldauf begründet, dass viele mittelalterlichen Werke Früchte des Renaissancegeistes darstellen. Damit rückt „die Antike“ in die unmittelbare Nachbarschaft der Renaissancezeit. Noch mehr: im vierten Tei seines nie vollständig veröffentlichten Buchs „Historie und Kritik. (Einige kritische Bemerkungen), den er als „IV. Das Altertum [Römer und Griechen]“ betitelte und im Eigenverlag 1902 als eine Broschüre veröffentlichte, kommt Baldauf zum folgenden Schluss: 
ziehen wir die Schlüsse: die durch weite Zeiträume getrennten: Homer, Aeschylus, Sophokles, Pindar, Aristoteles sind etwas näher zusammenzurücken. sie sind wohl alle kinder eines Jahrhunderts. ihre heimat ist aber gewiss nicht das alte Hellas, sondern das Italien des 14/15. Jahrhunderts gewesen, unsere Römer und Hellenen waren die italienischen humanisten. 
noch einmal: die auf papyrus und pergament geschriebene geschichte der Griechen und der Römer ist durchweg, die auf erz, stein etc. geschriebene zum grossen teil eine geniale fälschung des italienischen humanismus. der humanismus war es, der verkündete: exegi monumentum aere perennius! (Ich habe mir ein Denkmal, fester als Kupfer, errichtet: erste Zeile aus einer berühmten Ode von Horatius frei übersetzt – E.G.). 
Baldauf sieht diese Fälschung nicht als eine isolierte Aktion, sondern als einen Teil der Fälschung der Geschichte. So schreibt er weiter: 
aber das ist nur die eine seite des humanismus. sein zweites grosses werk ist die aufzeichnung, d. h. fälschung der bibel, des alten wie des neuen testaments — und diese beiden fälschungswerke liessen ein drittes erstehen, die fälschung der ganzen frühmittelalterlichen quellenlitteratur. planmassig, systematisch erdichtet, erfunden ist die ganze geschichte der europäischen Völker von anfang an bis ins 13. Jahrhundert, verfälscht bis in die zeit der reformation. 
der italienische humanismus hat der erde die schriftlich fixierte welt des altertnms und die bibel geschenkt, und im verein mit den humanisten der andern länder die geschichte des frühen mittelalters. 
die periode des humanismus ist keine receptive zeit gelehrten sammeleifers gewesen, sondern eine welt der ureigensten, produktivsten, ungeheuersten geistigen thätigkeit: über ein halbes Jahrtausend ist die bahn gegangen, die er gewiesen hat. 
das Christentum hat bis ans ende des 13. Jahrhunderts nur in der tradition bestanden, in der tradition, die durch die welt germanischen götterglaubens tief beeinflusst war, und aus dieser mit heidnischgermanischen elementen durchsetzten christlichen tradition schöpften die italienischen bibel-schriftsteller. 
diese behauptungen klingen abenteuerlich, mehr als seltsam, aber sie lassen sich beweisen, einige der beweise liegen hier vor. andere werden folgen, sie werden folgen, bis der humanismus in seinem innersten wesen erkannt ist. 
thöricht wäre es, über die vorliegenden thesen „zur tagesordnung überzugehen". 
„es giebt mehr ding‘ im himmel und auf erden, 
als eure schulweisheit sich träumt, Horatio!" 
Diese weiteren Beweise haben die russischen Antikeforscher; wie wir schon teilweise gesehen haben und unten noch ein Mal betonen werden, erbracht. Es ist erstaunlich, wie nah die Folgerungen von diesen an die Schlüsse von Baldauf liegen, obwohl die Russen seine Schriften nicht kannten. 
 

Wilhelm Kammeier und seine Kritik des Mittelalters 

Zwar findet man schon bei Wilhelm Kammeier einige scharfe Bemerkungen über das Wesen der Spätantike, aber zu einem Konzept der erfundenen Antike ist er nicht durchgedrungen. Sein Hauptverdienst ist die Verbreitung der klaren Vorstellung von der Fälschung der mittelalterlichen Geschichte. Hier einige seiner Beobachtungen, die unseren geschichtlichen Vorstellungen widersprechen: 
• Die Stadt Rom existiert erst seit dem 15. Jh.. Im 14. Jh. war Rom nur ein Dorf mit ein Paar unbedeutenden Ruinen. 
• Die römisch-katholische Kirche und das Papsttum konnten nur im ausgehenden 14. Jh. entstehen 
• Die Vorstellung von einem großen Schisma der christlichen Kirche im 14. Jh. ist eine große Lüge 
• 1300 existierten noch keine Universalkirche und kein universal-kirchliches Dogma. 
Also sehen wir bei Kammeier die gleiche Verschiebung der Geschichte um ca. 11 Jahrhunderte, wie bei Fomenko, wenn auch ohne einer klaren Verallgemeinerung chronologischer Art. 
Etwas mehr mit der Erfindung der Antike hat seine scharfe Beobachtung zu tun, dass auf eine sehr geheimnisvolle Art von allen wichtigsten Werken der Antike ins Mittelalter je ein Exemplar gerettet wurde. Fast nie mehrere Exemplare, sondern fast immer genau ein einziger Exemplar. Die so erhaltenen Exemplare gehörten ins 5. bis 9. Jh. Er kommt zum Schluss, dass dies von einer Fälschung der antiken Werke spricht, sieht aber die Existenz der Antike dadurch nicht gefährdet, sonder folgert daraus die Existenz einer großen Verschwörung. 
Kammeier hat ein Kapitel der Verfälschung der Germania von Tacitus gewidmet und dabei auch den Bericht Caesars über den Gallischen Krieg als verfälscht angesehen. Er zweifelt aber nicht an der Existenz von Caesar und Tacitus und auch nicht an der ursprünglicher Autorschaft dieser beiden, sondern er ist überzeugt, dass diese Werke uns in einer verfälschten Form vorliegen.
 

Der grobe Schwindel oder die erfundene Antike 

Im deutschsprachigen Raum beschäftigte sich mit dem Thema der Antikeerfindung Dr. Roman Landau (Hamburg), Historiker, Journalist, Photograph und Herausgeber von geschichtskritischen Büchern. Er und seine Autoren, die aber noch nie anders, als „Papiertiger“ in Erscheinung getreten sind, haben etwa 10 Bücher veröffentlicht und einige davon behandeln das Thema dieses Artikels. Man kann durchaus vermuten, dass hinter der ganzen „Hamburger Neuen Historischen Schule“ nur der Mentor selbst sich verbirg und damit einen Bourbaki mit der Innenseite nach außen spiel (bei Bourbaki veröffentlichen zahlreiche Mathematiker verschiedene Bücher unter diesem einen Künstlernamen). Hinter dieser nett aussehenden Zurückhaltung verbirgt sich ein originell denkender und scharfsinniger Kritiker, der neue Bilder der Vergangenheit gut beschreibt, aber leider nichts von der viel weiter gehenden russischen kritischen Forschung weiß. 
Der Erfindung der Antike widmeten die „Hamburger Schüler“ zwei Bücher: von Lucas Brasi, was ein Pseudonym von Ralph Davidson sein soll (das Buch hieß 1995 „Der grobe Schwindel“ und 2005 „Die erfundene Antike“), sowie „Der Zivilisationsprozess“ von Ralph Davidson, zu welchem Hanna Eisler eine Einführung schrieb. Im Vorwort zur zweiten Auflage schrieb er folgendes: 
„Diese Arbeit ist die überarbeitete Version von „Der große Schwindel", der 1995 erschien und bei vielen kritischen Historikern auf großes Interesse gestoßen ist. Heribert Illlig schrieb z.B. im Juni 1994, daß er diesen Text mit dem größten Vergnügen gelesen habe (vermutlich noch als Manuskript – E.G.) und erstaunt war, wie zwei Menschen aneinander vorbei forschen und zu vielen ähnlichen Problemstellungen finden wie im Falle von uns beiden. Insbesondere die Gleichsetzung von Tyrus und Troia fand er nachdenkenswert, aber auch bei den Ethnien und Völkern fand er meine Argumentation sehr überzeugend.“ 
Noch ein Zitat: 
„Es ist erstaunlich, daß die griechisch-römische Antike heute immer noch für eine Realität gehalten wird. Und daß sich so viele intelligente Menschen an der Ausschmückung dieser Fiktion beteiligen. Wie ist das möglich? Vermutlich hängt es damit zusammen, daß jeder Gelehrte nur einen kleinen Teil der Fiktion überblickt. Und daß die historischen Wissenschaften so hochgradig arbeitsteilig sind, daß der Einzelne überfordert wäre, das Gesamtbild kritisch zu hinterfragen. Möglich wäre natürlich auch das, was Matthias Hone (DIE WELT) kürzlich festgestellt hat: daß wir einfach zu blöd sind und laufend an unserer eigenen Blödheit scheitern.“ 
Das seine Kollegen Historiker eine Mafia darstellen, die mit aller Gewalt und mit ihrer Herrschaft in den Massenmedien die Menschheit absichtlich zwingen, an die von dieser Mafia ausgedachten Märchen zu glauben, lässt er nicht zu. Noch mehr: er selber hat noch vor kurzem vielen Märchen seiner Zunftgenossen Glauben geschenkt: 
„Die eigentliche Schwäche des Textes, die sich erst im Laufe der Jahre herauskristallisierte, bestand aber darin, daß ich noch zu vieles aus der herrschenden Lehre für wahr erachtet hatte. (Weitere Studien, vor allem aber intensives Nachdenken, führten dann zu dem Text „Der Zivilisationsprozeß", der den vorliegenden Text in gewisserweise im Hegelschen Sinne „aufhebt".) Heute halte ich die griechisch-römische Antike in einem noch größerem Maße für ein Produkt der mittelalterlichen Geschichtsklitterung als damals.“ 
Ob diese Deklaration mit dem Titel „Die erfundene Antike“ voll übereinstimmt, bleibt dem Leser enthalten: ist doch das Buch mit der alten Ausgabe fast identisch. Auch hat der in Mailand geborene und in München und London studierende Brasi, der als freier Schriftsteller 1995 in Lausanne lebte, in diesen Jahren nicht geschafft, die englische Übersetzung von Fomenko zu lesen (auch Kammeier und Baldauf scheint er nicht zu kennen). Die chronologischen Erkenntnisse von Fomenko, die die ganze Antike in die spätmittelalterliche Epoche katapultieren, lassen ihn völlig kalt (übrigens er versucht seine ganze Kritik, ohne das Wort Chronologie nur zu erwähnen, durchzuziehen). 
Trotzdem gibt er zu, „daß Platon (als Mensch) natürlich erstens nie existiert hat und die (also „seine“ – E.G.) Texte zweitens im Mittelalter geschrieben worden sind“. Weil der so überlieferte Platon viele Fehler enthält, die sich „erstaunlicherweise auch in antiken Platonzitaten, vor allem bei Schriftstellern der Kaiserzeit, finden“, kommt Brasi zum Schluss, dass auch die antiken Schriftsteller der Kaiserzeit sehr verdächtig sind. 
„Hätte man Platon in Athen gelesen und verwirklicht, dann hätte es die griechische Antike nämlich nicht geben dürfen: „Hätte er als Gesetzgeber das Hellenentum beherrscht, dann wäre damals durch ihn nahezu die gesamte wissenschaftliche und schöngeistige Literatur der griechischen Antike öffentlich verbrannt worden." (156, Orthbandt)“ 
Dass Kritiker Brasi keinesfalls die Antike radikal streicht, sondern diese nur im Rang etwas herunter schiebt, zeigt sein Reklametext auf dem Buchumschlag: 
Die Geschichte der griechisch-römischen Antike ist voller Ungereimtheiten, die von der offiziösen Historiographie zwar nicht geleugnet werden, über die man aber nur höchst ungern spricht. Um diese Ungereimtheiten aufzulösen, analysiert [...] Brasi die wichtigsten Quellen der Antike. Aus der sich daraus ergebenden Indizienkette wird deutlich, daß unser Bild von der Antike eine Fiktion ist. Athen und Rom waren keine Zentren der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Macht, sondern Randgebiete der orientalischen Hochkulturen. Alexander der Große war ebensowenig ein Europäer wie Aristoteles. Unser Bild von der Antike, das wir hauptsächlich den (militaristischen) Staats-Historikern des 19. Jhds. verdanken, ist sowohl mit den Quellen-Texten als auch mit den Fakten der Hilfswissenschaften unvereinbar.“ 
Gut und schön, aber der Antikekritiker Brasi vergisst, dass die „orientalischen Hochkulturen“ auch nur ein Märchen der Historiker sind, die auf der falschen Chronologie und Verdoppelung und Vervielfachung der späteren vorderasiatischen Kulturen des Mittelalters basiert sind. Die Notwendigkeit einer vollständigen Streichung der Antike aus der konventionellen Chronologie folgt lt. Morosov, Postnikov und Fomenko auch aus der Analyse und genaueren Datierung mit Hilfe der retrospektiven Berechnungen der astronomischen Angaben in den „antiken“ Schriften. 
 

Antike als Spätmittelalter 

Anatoli Fomenko, ein Schüler von Postnikov, was die Geschichtskritik anbetrifft, setzte die Kritik von Morozov fort und errichte ganz klare Vorstellungen von der Fälschung der Antike. Seine sehr detaillierte Theorie, in der er für viele historische Persönlichkeiten der Antike (insbesondere der römischen) ganz klar die mittelalterlichen Prototypen nennt, wurde in zahlreichen Büchern nach und nach entwickelt und im Buch aus der Literaturliste zu diesem Artikel 2005 eine vorläufige Vollendung fand. Dieses dicke Buch, in dem nur das Hauptheil ohne Anlagen ca. 650 S. hat, kann hier leider nur stichwortartig beschrieben werden. 
Die griechische Antike betrachtet Fomenko als ein Abbild der mittelalterlichen Geschichte Griechenlands in den 11.-16. Jh. was eine chronologische Verschiebung um etwa 1800 Jahre bedeutet. Dazu einige Stichworte und Gleichsetzungen (bei allen ist die chronologische Verschiebung etwa 1750-1820 Jahre lang): 
Berühmter Perserkönig Darius I = Friedrich II, König von Sizilien seit 1198, der letzte der großen Stauferkaiser seit 1220 (gest. 1250) 
Perserkönig Kyros = Karl I von Anjou (König 1265-1285) 
Homer – Dichter Saint Homer aus dem Homer (oder Omer)-Geschlecht, Vertreter von welchem am Krieg in Italien (=Großgriechenland) Teil nahmen, in dem der siegreiche Karl I von Anjou ein Ende der Stauferdynastie im Reich erzwang. Den Krieg hält Fomenko für den Prototyp des Troyakrieges. 
Perserkönig Kambyses = Karl II von Anjou (König von Neapel 1285-1209) 
300 Spartaner von Leonidas = 300 gut bewaffnete mittelalterliche Ritter des Herzogs Jean de la Roche, die 1275 in der Nähe der Thermopylen eine riesige Armee der Türken; Griechen und Kumanen besiegte. 
Peloponesischer Krieg = Krieg in Griechenland in den Jahren 1374-1387 zwischen dem Herzogtum Athen und den Navarresen-Armee am Halbinsel Peloponnes 
Sparta der griechischen Antike = mittelalterlicher Despotat von Mistra (1348-1460) 
Der antike Platon = mittelalterlicher Philosoph Plethon (gest. 1450 oder 1452) 
Phillip II = Sultan Mechmet II (1432-1484) 
Ende der klassischen Periode in Griechenland = Eroberung des Byzantinischen Kaiserreichs durch die Osmanen (15. Jh.) 
Die Identifizierung der römischen Kaiserzeit mit der Zeit der Staufer, die Fomenko detailliert begründet, versetzt die ganze Antike in das Spätmittelalter. Es muss aber keinesfalls bedeuten, dass wir der konventionellen Beschreibung des Spätmittelalters für besonders glaubwürdig halten sollten. Diese Gleichsetzung ist eine Gleichsetzung der Beschreibungen, nichts mehr. 
 

Geschichte der Musik: Antike = Mittelalter 

Eine sehr starke Unterstützung bekamen Kritiker des Antike-Phantoms von einer völlig unerwarteten Seite. Professioneller Historiker der Musik, russischer Wissenschaftler, Professor des Konservatoriums in St.-Petersburg und Autor zahlreicher Bücher, Forschungsartikel und Beiträge in verschiedenen Enzyklopädien Eugen Herzmann (Russisch Gerzman) veröffentlichte ein dickes Buch (mit Abbildungen fast 600 S.), in dem er Ergebnisse seiner 21 Bücher, Lehrbücher und Broschüren, seiner 47 Forschungsartikel und mehrerer Vorträge zusammenfasste. Der Autor ist ein habilitierter Historiker und ein führender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Russischen Institut für Kunstgeschichte in St.-Petersburg. 
Im Buch wurden fast 300 musikalische Manuskripte analysiert. Und der Autor hat eine vollständige Liste aller bekannten Musiker des Altertums zusammengestellt, sowie aller musikalischen Traktate, und die entsprechenden chronologischen Daten unter die Lupe genommen. Er versuchte auch herauszufinden, wie diese Daten entstanden sind. Sein Schluss ist niederschmetternd: praktisch für kein altes Manuskript (er fand nur eine Ausnahme aus dieser Regel) ist es möglich, die Zeit der Entstehung sicher festzulegen. 
Geschichte der alten Musik wurde in den letzten vier Jahrhunderten entwickelt. Die gängige Datierung wurde auf Grund der konventionellen Chronologie der Weltgeschichte produziert. Wenn in einem Manuskript solche Namen wie Aristoteles, Euklides, Plutarchos, Ptolemäos, Kassiodor etc. vorkamen oder wenn man diese bekannten historischen Persönlichkeiten für Autoren dieser Werke hielt, dann wurden auch die Manuskripte in die entsprechende Epoche datiert. Wenn aber ein Autor keine Spuren in der Geschichte hinterließ, was oft vorkommt, dann wurden die Traktate sehr willkürlich und ungefähr datiert. Leider hat man diese Datierungen mit der Zeit immer mehr für absolut richtig gehalten. Wenn aber eine Datierung von Anfang an sehr ungenau war (z. B. „am Anfang unserer Jahreszählung“), dann hat jeder Forscher sich frei gefühlt, ein ihm passendes Jahrhundert auszuwählen, was auch praktisch geschah und zu Schwankungen in Rahmen von einigen Jahrhunderten führte. 
Trotzdem war die allgemeine Meinung die gleiche, wie in der Chronologie der Weltgeschichte: die Chronologie der Musik ist abgeschlossen und gut bekannt. Lange stellte keiner, z.B.; die Frage, ob ein Autor Euklides auch wirklich mit dem Mathematiker Euklides unbedingt identisch sein muss (oder war). Und als man doch zum Schluss kam, dass es ein Pseudo-Euklides war, wusste man nichts über die Datierung seines Lebens. Trotzdem blieb man bei der alten Datierung nach Lebensjahren des Mathematikers. 
Wichtig sind viele Bemerkungen allgemeiner Natur, die das Buch beinhaltet. So ist der Autor der Meinung, dass jede neue Generation der Wissenschaftler unbedingt die Grundlagen ihres Wissensgebiets hinterfragen soll. Wenn man ganz sicher ist, dass mit dem Basis der Kenntnisse alles in Ordnung ist, kann man zur eigenen Forschung übergehen. Das diese Hinterfragung eine sehr schwierige, oft fast unmögliche Sache ist, erfuhr er aus seiner eigenen Forschungsarbeit: sehr lange hatte er keinen Zweifel an der Richtigkeit der Musikchronologie gehabt und ruhig im Rahmen der traditionellen Vorstellungen von der Geschichte der Musik gearbeitet. Man muss den Mut aufbringen, um Fragen auch über die „ganz klaren“ Aspekte einer Theorie zu stellen und auch die kleinsten Diskrepanzen detailliert zu erforschen. Nur die Wissenschaftler waren wirklich erfolgreich, die gegen den mainstream der Wissenschaft zu agieren wagten. Und man muss immer in Erinnerung halten, dass „die einzige Garantie (für die Richtigkeit unserer historischen Vorstellungen – E.G.) die Autorität der heutigen Wissenschaft in Form der angenommenen historischen Chronologie ist, und keine andere Garantie, wie scheint, existiert“. 
Herzmann kommt zum Schluss, dass die vorhandenen Kenntnisse über die Musik in den Jahrhunderten 13. vor Chr. bis 5. nach Chr. (das sind insgesamt 18 Jahrhunderte) nur für die Belegung von zehn Jahrhunderten der Musik in dieser Periode ausreichen. Acht Jahrhunderte sind überflüssig. Auch in der byzantinischen Geschichte kann man aus 11 Jahrhunderten nur sechs letzte mühsam belegen. Noch eine unerklärliche Tatsache stellt die ganze Chronologie der Antike unter die Frage: nur in den Jahrhunderten 5 und 4 vor Chr. ist eine Entwicklung der Musik vorhanden, in der ganzen Zeit vorher und nachher bleibt die Musik plötzlich stehen und entwickelt sich überhaupt nicht mehr weiter. Aus seiner Expertensicht ist so etwas absolut unmöglich: Musik ist eine lebendige Kunst und hat sich immer sehr schnell weiterentwickelt. 
Auch in der byzantinischen Musik ist die Lage sehr rätselhaft. Kirchliche Dokumentation berichtet ständig über die musikalische Seite der Liturgie, die mehrere Male neu geordnet wird, aber keine Manuskripte oder Bücher mit den entsprechenden Texten sind vorhanden. In den Jahrhunderten 5-10 nach Chr. sind Namen von Dichtern bekannt, aber kein einziger von einem Komponisten. Dann bis zum 13. Jh. verschwinden auch die Poeten. Und erst im 13.-15. Jh. sind die Namen von Dichtern wie auch von Komponisten vorhanden. 
Auch die musikalische Theorie und die Philosophie der Musik bewegen sich sehr komisch. Nach einer gewissen Entwicklung kommt der Stillstand und nach einigen Jahrhunderten beginnt die alte Entwicklung der Theorie vom gleichen Ausgangspunk wieder. Und das wiederholt sich mehrere Male. So hat, z.B., eine Diskussion darüber, ob die Musik die Mut und Tapferkeit erziehen kann, lt. konventioneller Chronologie in so einem Zickzack Kurs 10 Jahrhunderte gedauert. Dazu schreibt Herzmann 
„Nur ein Grund zwingt uns zu glauben, dass die alte Musikgeschichte (und überhaupt die ganze alte Geschichte) so langsam und passiv verlief: die konventionelle chronologisch-historische Konzeption. Und was, wenn sie nicht richtig ist? 
[...] Jetzt ist es absolut klar, dass das Bild der Geschichte der alten Musik in der Musikwissenschat ist primitiv, falsch und nicht nur entspricht keinesfalls vielen festgestellten Gesetzmäßigkeiten des musikalisch-historischen Prozesses, sondern oft auch der elementaren Logik. Noch mehr, es ist in vielen Aspekten widersprüchlich ...“ 
Am Ende des Buchs kommt der Autor zu folgenden Schlüssen (S. 521 ff.): 
• Die Geschichte der alten Musik ist viel kürzer, als man bis heute annimmt: aus 28 Jahrhunderten sind höchstens 16 durch das vorhandene Material belegt, mindestens 12 müssen gestrichen werden 
• Die Unterscheidung der alten griechischen und byzantinischen Musik ist praktisch unmöglich, weil nur im 13. Jh. erste Unterschiede entstehen. (Wir würden sagen: die altgriechische Musik ist die byzantinische Musik vor dem 13. Jh.) 
• Nur ab den 12. Jh. kann man eine christliche Richtung in der überwiegend heidnischen Musik ausmachen, die sich dann langsam entwickelt 
• Ein sehr großer Teil der altgriechischen Musik ist praktisch identisch mit der byzantinischen des 10.-12. Jh. 
• Erst im 10.-12. Jh. wird die Verwendung der altgriechischen musikalischen Notation langsam durch die neue byzantinische ersetzt. 
 

Schlussfolgerungen und Literasturliste., 26 Jul. 2006 15:14


Antike ist ein Kopfprodukt der Humanisten, die ihre unreifen chronologischen Vorstellungen durch immer neue Imitationen von Werken, die sie dem Altertum zuschrieben, zum Dehnen zwangen, auf über 1000 Jahren streckten und letztendlich in die 1000-2000 Jahre entfernte Vergangenheit abschickten. In Wirklichkeit aber war die einzige echte Antike in den an die Renaissancezeit unmittelbar grenzenden Jahrhunderten ab ca. 1200 n. Chr. Sie trägt heute sogar einige Züge der Renaissanceepoche selbst. Die so erfundene Antike wurde dann zwischen ca. 1600-1800 von zahlreichen Historikern durch weitere Beschreibungen zu einer historischen Selbstverständlichkeit stilisiert und wird bis heute weiter untermauert. Kritische Forschung – in erster Linie in Deutschland und in Russland – hat die Mechanismen dieser großen Mystifikation entlarvt und damit einen wichtigen Beitrag zur Korrektur unserer Vergangenheitsvorstellungen erbracht. 



Literatur 
Henrici Cornelii Agrippae. Ungewißheit und Eitelkeit aller Künste und Wissenschaften, Cölln 1713 
Agrippa v. Nettesheim. Die Eitelkeit und Unsicherheit der Wissenschaften und die Verteidigungsschrift. Mauthner, Fritz (Hg.). München: Müller, 1913, in 2 B. 
Lucas Brasi, Die erfundene Antike. Einführung in die Quellenkritik, Hamburg, 2004 
Anatoli Fomenko. Antike als Mittelalter, St.-Petersburg, 2005 (Russ.) 
Eugen Herzmann, Geheimnisse der Geschichte der alten Musik, St.-Petersburg, 2004 (Russ.) 
Eugen Gabowitsch, Scaliger, Newton und Hardouin: Wer hatte Recht? EFODON Synesis, Nr. 42, 1999, Heft 6 (November/Dezember), 45-46. 
Ferdinand Gregorovius. Athen und Athenais. Schicksale einer Stadt und einer Kaiserin im byzantinischen Reich. Essen: Emil Vollmer, o.J.A. 
P. HOCHART. De l‘Authenticite des Annales et des Histoires de Tacite, 1880. 
Wilhelm Kammeier. Die Fälschung der Geschichte des Urchristentums, Viöl, 2001. 
Bernt Karger-Decker. Die Geschichte der Medizin von der Antike bis zur Gegenwart, Düsseldorf: Pathmos und Albatros, 2001. 
M.M.Postnikov. Kritische Erforschung der Chronologie des Altertums, Band 1, Antike, Moskau, 2000 (Russ.). 
JOHN WILSON ROSS. TACITUS AND BRACCIOLINI. THE ANNALS FORGED IN THE XVth CENTURY. London,1878. s. auch 
https://library.beau.org/gutenberg/etext05/8tcbr10.txt 
Uwe Topper. Große Aktion, Tübingen, 1998