Scaliger II

27 Feb. 2007



DIE GESCHICHTE AUF DEM PRÜFSTAND


Eugen Gabowitsch





St.-Peterburg, Verlagshaus "Neva", 472 S., 2005



ISBN: 5-7654-4398-2



erschienen in russischer Sprache (Originaltitel: Istorija pod snakom voprossa)




Autorisierte Übersetzung von Sören Kliem (Dresden)





Kapitel 10: Der geniale Schöpfer der modernen Chronologie: Joseph Justus Scaliger



. Gäbe es keine Chronologie, so müsste man sie erfinden.

. Marx, Karl: Geschichte – Heroin für das Volk.

. Gesammelte Werke, Band 128, S. 27.



Inhalt





Teil 1.

Einleitung

Der Vater der Chronologie: der Wahrsager Scaliger

Scaliger und andere über Scaliger

Diese merkwürdige Autobiographie

Der weise Gelehrte Scaliger (aus Wainstein, S.375-377)

Kritik an und Verherrlichung von Scaliger im Buch von Ideler.


Teil 2.

Scaliger und sein Neuentdecker Fomenko

Moderne Scaligerkunde

Der Weg vom Autodidakten zum Experten

Krieger und Gelehrter

Die Berichtigung des unkorrigierbaren chronologischen Schatzes.


Teil 3.

Chronologiekonstrukteur Scaliger

Mein ergebener Freund Isaac Casaubon

Eine sensationelle „Entdeckung“

Das Rätsel der „alten“ Manuskripte

Schlussfolgerung: Über die Unmöglichkeit des Unmöglichen

Literatur





Teil 2. Fortsetzung des Kapitels 10


Scaliger und sein Neuentdecker Fomenko

Die Unsinnigkeit der Beschäftigung mit chronologischen Systemen ohne Überprüfung ihrer Übereinstimmung mit der realen Vergangenheit ist für jeden einfachen Menschen so offensichtlich (außer einem kleinen Kreis der „Eingeweihten“), dass die ganze Arbeit dieser Autoren in die Sphäre der wissenschaftlich-phantastischen Untersuchungen abgleitet. Sie bleibt eigentlich nur durch ihre zahlreichen Selbstenthüllungen interessant, die allerdings die Autoren selbst nicht bemerken.

Trotz dieser Selbstbeschränkung (oder vielmehr Anerkennung der eigenen Inkompetenz) kommen die Autoren nicht ohne einen Seitenhieb in Richtung des Begründers der modernen Neuen Chronologie aus:

„Es ist anzumerken, dass es trotz einer jahrhundertealten Geschichte der chronologischen Forschungen in diesem Bereich nicht wenige dunkle Stellen und weiße Flecken gibt. Dies dient als Anlass für das Erscheinen unmöglichster chronologischer Auslassungen, deren typisches Beispiel die Arbeiten von A. Fomenko sind.“

Diese rein sowjetische Versicherung des Glaubens an die Prinzipien des Marxismus-Leninismus (Pardon, der Positionen der offiziellen Wissenschaft unter dem Banner der traditionellen Geschichte) geht einher mit der folgenden lächerlichen Erklärung der Autoren:

„Leider ist es der überwiegenden Mehrheit der professionellen Historiker einfach um die Zeit zu schade, die wissenschaftliche Nichthaltbarkeit der phantastischen Konzeptionen von A. Fomenko und seiner Nachfolger zu demonstrieren. In den Fällen, wo die Profis sich zur Kritik herablassen, bleiben ihre Arbeiten dem einfachen Leser unbekannt.“

Was? Fomenko und Co. haben die Verbreitung der Arbeiten der „professionellen Historiker“ verboten? Wahrscheinlich haben sie eine Zensur der historischen und chronologischen Publikationen eingeführt und besitzen das Monopol auf alle Massenmedien. Und was haben die „professionellen Historiker“ von Scaligers Zeiten bis 1990 getan?! Warum haben sie im Verlaufe von vier Jahrhunderten nicht das Verlangen nach phantastischen Konzepten eliminiert?! Warum haben sie ihre Chronologie nicht so ernsthaft begründet, dass bei denkenden Wissenschaftlern das Verlangen nach der Aufklärung der zahlreichen dunklen Stellen und weißen Flecken gar nicht erst entstand?! Eine größere selbstdemütigende Einschätzung der Hilflosigkeit der traditionellen Geschichte im Verteidigen der eigenen Dogmen, im Ausdenken einer wenigstens ansatzweisen Beweisbarkeit der nicht begründeten chronologischen Behauptungen kann man sich schwerlich vorstellen.

Nebenbei gesagt, auf den fast 800 Seiten ihres Buches widmen Saweljeva und Poletaev auch der Dechiffrierung ihres Verständnisses der Rolle des Begründers der modernen (nur der modernen? Ist sie überhaupt modern? Vielleicht, der heute in der Vergangenheit verschwindenden?) Chronologie einige Zeilen (auf S. 192), als den sie Joseph Justus Scaliger anerkennen:

„Das System der Zählung von der Erschaffung der Welt ging indirekt auch in die Arbeiten eines der Begründer der modernen Chronologie (als historische Disziplin) Joseph Scaliger ein. In den Arbeiten „Korrektur der Chronologie“ („Opus novum de emendatione temporum“, 1583), „Hort der Zeit“ (Тesaurus temporum“, 1606) und anderen Werken hat J. Scaliger vorhergehende Untersuchungen christlicher Chronologen gesammelt und systematisiert. Er hat sie mit den Daten astronomischer Beobachtungen verglichen und ein System der Vereinheitlichung der Zählung der Zeit erschaffen, das einen erheblichen Einfluss auf die nachfolgenden wissenschaftlichen Forschungen hatte. Es wird bis heute sehr breit bei astronomischen und chronologischen Berechnungen angewandt.

Dieses System war nicht auf einer Jahreschronologie, sondern auf der Zählung in Tagen ab einem bestimmten festgelegten Datum (1. Januar 4713 v.u.Z.) begründet. Inhaltlich ist das ein Analog zur „Erschaffung der Welt“. Zur Bestimmung dieses Datums verwendete Scaliger genau dieselben 28, 19 und 15jährigen Zyklen, die auch die Begründer der byzantinischen Ära „von der Erschaffung der Welt“ genutzt hatten. Das Produkt 28*19*15=7980 wurde durch ihn „Julianische Periode“ genannt (entweder nach seinem Vater Julius oder wegen seiner Anhänglichkeit am julianischen Kalender und der Ablehnung des gregorianischen). Die komplette Zählung in Tagen vereinfacht den Übergang von einem System der Zeitzählung zum anderen.“


In diesem Zitat kann man deutlich den Versuch erkennen, Scaliger vor begründeten Anschuldigungen bezüglich des Ausdenkens der Chronologie oder zumindest des massiven Hinzudichtens zu schützen: Der Mensch hat eine neue Wissenschaft begründet und basta! Daran gibt es nichts herumzukritteln. Deswegen gibt es in diesem Buch auch keinerlei Hinweise auf die durch Petavius vorgenommenen Berichtigungen der chronologischen Tabellen von Scaliger. Und auch kein Wort darüber, dass genau er es war, der seine Tabellen mit „historischem Material“ gefüllt hat.

Natürlich ist es bewundernswert, dass Scaliger die Zeitrechnung nach Tagen und nicht nach Jahren eingeführt hat. Eine Zählung, von der Autoren anmerken, dass sie in einigen modernen Computerprogrammen Anwendung findet. Aber über die Schaffung der Grundlagen für die modernen – teilweise vielbändigen – chronologischen Tabellen der Weltgeschichte sprechen sie irgendwie verschämt und wie nebenbei: Na, „er hat die vorhergehenden Untersuchungen der christlichen Chronologen gesammelt und systematisiert“.

Aber was die erwähnte indirekte Berücksichtigung des Systems der Zählung historischer Daten von der Erschaffung der Welt betrifft, so spiegelt sich in dem Versuch Scaligers, den Bezugspunkt so weit hinauszuschieben, dass es nur Daten mit positivem Vorzeichen gibt, in erster Linie die Angst, Daten mit negativem Vorzeichen zu erhalten, wider. Mit anderen Worten, noch kurz vor dem Erscheinen der entsprechenden Arbeiten von Petavius, hat selbst der größte Chronologe aller Zeiten und Völker das Rückwärtszählen in der Chronologie so gefürchtet, dass er versucht hat, es für immer aus der Chronologie zu verbannen. Das bekräftigt nochmals meine Vermutung darüber, dass alle Arbeiten der alten Historiker, in denen eine Rückwärtszählung von Christi Geburt enthalten ist, frühestens ins 17. Jahrhundert datiert werden müssen.



Moderne Scaligerkunde

Indem ich mich so ausführlich mit der Einschätzung der Rolle Scaligers für die Chronologie beschäftigt habe, versuchte ich das durch die Historiker-Traditionalisten geschaffene Riesenloch zu stopfen und auf ihre Lügen in dieser Frage zu reagieren Und das nur deswegen, weil sie es nötig haben, den Eindruck zu erzeugen, als sei die Geschichte entstanden, noch bevor die Menschenaffen von den Bäumen der afrikanischen Savanne geklettert sind und sich in Richtung der lichten Zukunft aufrichteten. Die Chronologie haben sie sich ausgedacht, bevor sie „eins“, „zwei“, „viele“ zählen konnten und mit Speeren auf Antilopenjagd gingen, aber sie bevorzugen es, über irgendeinen Scaliger im Zusammenhang mit der Schaffung der Chronologie nicht zu sprechen. Aber er hat doch „nur“ vor 400 Jahren gelebt, und damals gab es nur deshalb noch keine atomgetriebenen Unterseeboote, weil viele führende Geister mit solch wichtigen Fragen, wen man öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrennen und wen man einfach in die Folterkammer stecken sollte, beschäftigt waren.

Gleichzeitig möchte ich zeigen, was für schwierige Figuren an der Wiege der traditionellen Chronologie standen und in welch einer schwierigen Zeit sie tätig waren. Unsere heutigen Kriterien für Ehrlichkeit und Integrität sind sowohl auf diese Epoche als auch auf Scaliger und Co. nicht anwendbar, auf die, die die Chronologie durch Dazuerfinden vervollständigt und das vor ihnen ausgedachte systematisiert haben. Sie bildeten keine Ausnahme aus diesem System der moralischen Vorstellungen, das in dieser Zeit vorherrschte. Der Geist dieser Zeit und dieser Epoche bestimmte sowohl die Grenzen ihres Schaffens als auch den Anteil der Phantasie und die dadurch entwickelten eigenen Ergänzungen in der Kombination mit den Versuchen der Systematisierung und Ordnung dessen, was vor ihnen ausgedacht und hinzugedichtet worden war.

Meine Aufgabe hat sich sehr dadurch vereinfacht, dass sich am Ende des 20. Jahrhunderts, der in Princeton lehrende amerikanische Professor Anthony Grafton, ein hervorragender Wissenschaftler und Historiker der Epoche des Humanismus, sich mit der Erforschung der Epoche Scaligers und dessen Schöpfungen, mit dessen Rolle bei der Schaffung der Chronologie und der Mittäterschaft an der Fälschung der antiken Geschichte beschäftigt hat.

Grafton wurde 1950 in New Haven geboren. Er hat Geschichte an der Universität von Chikago und in Pisa bei Professor Arnaldo Momiliano studiert. Einige der Bücher von Grafton, der übrigens ein sehr schreibfreudiger Autor ist, sind schon ins Deutsche übersetzt worden. Die meisten seiner jüngeren Werke, wie z.B.

• Antony Grafton: Fälscher und Kritiker. Der Betrug in der Wissenschaft, Wagenbach, Berlin, 1991

• Antony Grafton: Cardanos Kosmos, Die Welten und Werke eines Renaissance-Astrologen. 414 S., Berlin, 1999

• Antony Grafton: Leon Batista Alberti. Baumeister der Renaissance, Derlin Verlag, Berlin, 2002

sind der Epoche der Renaissance – der sein Hauptinteresse gilt – gewidmet. Als eines der ersten fällt der Blick auf einen durch ihn und einen weiteren Editor herausgegeben Sammelband einer von ihnen im Jahr 1993 veranstalteten Konferenz in der Universität von Princeton

• Proof and persuasion in history, Ed. by Anthony Grafton and Suzanne L. Marchand, Wesleyan University, Middletown, Conn., 1994

Gleichzeitig ist auch sein der neueren Zeit gewidmetes Buch

• Antony Grafton: Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1998; Original: The Footnote. A Curious History)

übersetzt worden. Es ist ein Buch, in dem ein nicht uninteressantes Kapitel in der Geschichte der Geisteswissenschaften, das vielen Historikern aus dem Gesichtsfeld geraten ist, behandelt wird. Es geht darum, dass die Fußnoten, die in erster Linie eine charakteristische Besonderheit der deutschen (deswegen der Zusatz „deutsch“ bei der Übersetzung des Buches aus dem Englischen) aber auch der allgemeinen akademischen Wissenschaft und speziell ihres geisteswissenschaftlichen Teilbereichs ist, nicht nur dazu da waren, den Leser von der Notwendigkeit zu befreien, langweiliges aber auch beweiskräftigeres Material zu lesen, sondern sie verwandelten sich im Verlaufe der Zeit auch in ein Schlachtfeld für harte intellektuelle Kämpfe.

Speziell im Zusammenhang mit historischen Problemen wurden in den Fußnoten harte und nicht immer korrekte Gefechte zwischen verschiedenen historischen Schulen und auch zwischen Historikern und Geschichtskritikern geführt. Ohne Fußnoten, die für einen Historiker ungefähr die gleiche Rolle wie Tabellen empirischer Daten oder die Beschreibung experimenteller Beobachtungen in den Naturwissenschaften spielen, kann man, so sagt Grafton, historische Thesen loben oder ablehnen, aber nicht beweisen oder widerlegen. Gleichzeitig erreichten einige Schriftsteller genau im Bereich der Fußnoten die Höhen der literarischen Vollendung. Zu diesen zählt Grafton auch Edward Gibbson, den Autor des berühmten und mehrfach verlegten Buches „Decline and Fall of the Roman Empire“. Die neuesten Ausgaben dieses Buches, so z.B. in gekürzter Form in der Redaktion von D.M. Low (Book Club Associates, London, 1979) haben wegen des Weglassens einer großen Anzahl von Fußnoten viel von ihrem Glanz verloren.

Nach meinem Kenntnisstand wurde bisher keines der Bücher von Grafton ins Russische übersetzt. Auch sein Name wird in Russland recht selten erwähnt. Die einzige Erwähnung im Zusammenhang mit der Chronologie fand ich auf der Website von „Gorm“ – eines aktiven Gegners der Neuen Chronologie (Dr. Habil Michail Gorodetskij).

„Ich besitze das Buch von Scaliger. Obwohl ich praktisch kein Latein beherrsche, habe ich mit Hilfe eines Wörterbuches sogar den Inhalt übersetzt. Ich habe auch seine Autobiographie und die Biographie von Bernays gelesen. Aber die wichtigste Quelle ist natürlich die fundamentale Untersuchung der Arbeit Scaligers von Anthony Grafton (Grafton A. Joseph Scaliger, A study in the History of Classical Scholarship, II Historical Chronology. - Oxford: Clarendon press, 1993).“

Ich vermute, dass es sich sowohl im Fall des Buches von Scaliger als auch des Buches von Grafton, genauer gesagt, um den im Zitat genannten zweiten Teil dieses zweibändigen Werkes, um Kopien dieser Bücher handelt, die ich seinerzeit mit einem Teilnehmer unserer Konferenz zur Geschichtskritik nach Moskau geschickt hatte. Seit dieser Zeit sind einige Jahre vergangen, allerdings habe ich auf der genannten Website weder eine Analyse des im Zitat genannten zweiten Teils des Buches von Grafton, der die Unterüberschrift „Historische Chronologie“ trägt, noch dessen russische Zusammenfassung gefunden.

Der erste Band dieses Buches trägt die Unterüberschrift „Kritik und Auslegung von Texten“. Der Autor charakterisiert beide Bände als intellektuelle Biographie von Scaliger. Doch im ersten Band, genauer gesagt, im zweiten Teil desselben, bringt Grafton ab S. 101 die Biographie des jungen Scaliger und analysiert all die Teile seiner intellektuellen Tätigkeit, die nicht unmittelbar mit der historischen Chronologie zu tun haben. Die Rede ist von seiner frühen Tätigkeit als Redakteur und Kommentator klassischer Texte, über die Veränderung des Charakters dieser Tätigkeit unter dem Einfluss der ihn umgebenden sozialen Sphäre und von emotionalen Aspekten (Grafton konstatiert, dass Scaliger Diener und Beherrscher seiner Emotionen war.). Weiterhin geht es um die Reaktion seiner Zeitgenossen und der kurz nachfolgenden Generationen auf seine Arbeiten, um seine Offenbarungen in seinen nicht veröffentlichten Texten. Beginnen wir trotzdem unsere Erzählung mit Graftons Sichtweise der Figur von Scaliger mit dem ersten Band des Buches, der weniger als ein Drittel des Gesamtumfangs von über 1000 Seiten hat.

Die ersten 100 Seiten des Buches sind der Tätigkeit der Humanisten gewidmet, die man zu den Vorläufern von Scaliger Junior zählen kann. Dies sind in ersten Linie Angelo Poliziano (angeblich 1445-94, ein Historiker, florentinischer Meister – und Gründer – der historischen Kritik, Humanist und Poet, aber auch Politiker: Kanzler unter Lorenzo Medici) und die Nichtspezialisten weniger bekannten Vettori und Dorat. Im zweiten Teil des Buches folgt Grafton in weiten Teilen Bernays und den erwähnten letzten Briefen Scaligers.

In der Einführung sagt Grafton, dass sowohl die klassische Philologie als auch die historische Chronologie als Disziplinen im 16. Jahrhundert entstanden sind. Gleichzeitig kann er sich aber nicht von der Vorstellung lösen, dass die Chronologie angeblich schon im „antiken“ Alexandria erfunden wurde. Angeblich haben die Kirchenväter (in Wahrheit komplett erfunden – siehe dazu das Buch von Topper) sie kultiviert. Er schreibt aber selbst, dass die Chronologie über diesen gesamten langen Zeitraum keine eigenständige Wissenschaft war und dass es keine Chronologen gab, die dafür bezahlt wurden, sich mit dieser Disziplin zu befassen. Es existierten keine genauen Vorstellungen über die Arbeit mit den antiken Quellen, wie man aus ihnen historische Informationen „herauspressen“ kann. Nach diesen abfälligen Einschätzungen geht er direkt von der „Antike“ zur Mitte des 15. Jahrhunderts über. Dadurch demonstriert er, dass der allgemeine Hinweis auf eine Chronologie in Alexandria einfach ein Glaubensbekenntnis an die traditionelle Geschichte ist, eine Art Abgabe an die kanonisierte Tradition.

Grafton nennt die Autobiographie Scaligers aus dem Jahre 1594 arrogant. Obwohl er keine systematische Schulbildung erhielt, studierte der junge Scaliger drei Jahre an der berühmten Schule in Gyen (an ihr studierte auch Montene). Dort überraschte er seine Lehrer mit der Fähigkeit, ohne jegliche Vorbereitung lateinische Aufsätze schreiben zu können. Die Schule hat sein Wissen in dieser Sprache nicht sehr vertieft. Seine Kenntnis des Lateins und auch alle anderen erworbenen Fähigkeiten waren Ergebnis des Unterrichts durch seinen Vater, der auch selbst von der Originalität der Gedanken seines Sohnes überrascht war (So klingt es zumindest in der Autobiographie.). Mit 16 Jahren schrieb er auf Lateinisch eine Tragödie, die allerdings nicht erhalten ist.



Der Weg vom Autodidakten zum Experten

Kurz nach dem Tod seines Vaters begann Joseph in Paris allgemeine Vorlesungen zu besuchen und ... bemerkte, dass sein Griechisch zu schlecht war, um folgen zu können. Deswegen konzentrierte sich Scaliger in den nächsten Jahren auf das Erlernen dieser Sprache und er las beginnend mit Homer alle verfügbaren griechischen Werke. Seit 1561 war er in der Lage, Gedichte auf Griechisch zu verfassen, was eine Zeit lang zu seiner Hauptbeschäftigung wurde. Er beginnt, lateinische Klassiker auf Griechisch zu übersetzen. Dadurch versuchte er, griechische Originale von Werken, die nur in der lateinischen Übersetzung erhalten geblieben sind, zu rekonstruieren (Ich schließe nicht aus, dass diese Originale nie existiert haben und die entsprechenden Apokryphen nur auf Lateinisch geschrieben wurden.).

1564 zählte man Scaliger schon als einen Experten in Fragen der griechischen und lateinischen Literatur. In diesem Jahr beendete er und übergab zur Drucklegung seine Kommentare zum Buch von Varro über die lateinische Sprache, in dem er auch seine Kenntnisse in der griechischen Poesie demonstrierte. Nach diesem Buch, ungefähr ab 1565, festigte sich seine Reputation als herausragender Kritiker sowohl der griechischen Poesie als auch lateinischer Texte. In dieser Zeit begann er auch, Texte in diesen zwei Sprachen mit den Sprachen des Nahen Ostens zu vergleichen, wobei er versuchte, etymologische Überlegungen zur Textanalyse einzusetzen. Seine älteren Zeitgenossen bewahrten gegenüber seinen etymologischen Argumenten eine gewisse Skepsis, aber die gleichaltrigen waren davon hingerissen.

Als er begann, seine Textanalyse auch zur Übersetzung von Poesie einzusetzen, war das Verhältnis zu seinen Begründungen sehr gespalten. Seine Übersetzungen machten einen unfertigen Eindruck, obwohl ihr lexikalischer Reichtum außer Frage stand. Er selbst wurde als wichtige Autorität in Fragen des archaischen Lateins und der römischen grammatischen Tradition anerkannt. Seine Reputation war zwar etwas merkwürdig, aber es war die Reputation eines Menschen, an den man sich in allen Streitfragen in diesem Bereich wandte, wie Grafton auf S. 118 schreibt.

Nach 1565 verschlechterte sich das Leben von Scaliger. Die nächsten drei Jahre verbrachte er auf Reisen, die keine regelmäßige Beschäftigung mit Wissenschaft und Literatur zuließen. Als er auf dem Weg nach Neapel und Rom zweimal die Alpen überqueren musste, versuchten er und sein Gönner Louis Chastenet de la Rosposet, der französische Gesandte in Rom, griechische und lateinische Texte zu lesen und zu diskutieren. Die meiste Zeit verbrachten sie in den Städten Norditaliens. Trotz seiner italienischen Herkunft wurde Scaliger als Fremder in diesem Land empfangen. Er hing vollständig von den Kontakten seines Führers Muret ab, der ein Freund seines Vaters gewesen war. Aber er versuchte, Kontakte zu knüpfen, er besichtigte alte Denkmäler und erstellte eine Kollektion von Inschriften, wobei er sich in erster Linie für griechische interessierte. Allerdings hat er nie in Italien aufbewahrte Handschriften verwendet, nur solche aus Frankreich und Deutschland.

Obwohl die Italiener sich freundlich zu dem jungen Franzosen verhielten, gefielen sie ihm nicht, selbst die Gelehrten unter ihnen. In jedem vermutete er einen zu ihm geschickten Mörder, der den letzten Nachfahren der „Fürsten della Scala“ vom Antlitz der Erde entfernen sollte, dies besonders unter den Venedigern, die ja die Heimat seiner „Vorfahren“ okkupiert hatten. Nur in den reichen und durch einen hohen Bildungsstand glänzenden jüdischen Logen Norditaliens, in erster Linie in Mantue und Ferrari, fühlte er sich wohl. Mit Verwunderung stellte er fest, was für Freiheiten die jüdischen Handels-Logen genossen. Die italienischen Juden ihrerseits waren hingerissen von seiner Kenntnis des Altjüdischen (Hebräischen), obwohl sie bemerkten, dass er eine biblische Variante der Sprache nutzte, während in Italien ein anderer Dialekt dominierte. Nebenbei gesagt, auch Scaliger verstand, dass seine Kenntnis des Altjüdischen und Arabischen, die ja auf Selbststudium beruht, in nichts mit seinem Wissen des Griechischen und Lateinischen zu vergleichen ist.

Aus Italien machten sich die Reisenden auf den Weg nach England, wo sie in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen empfangen wurden. Scaliger war von Königin Elisabeth beeindruckt, und zwar nicht von ihrer Schönheit, sondern von ihrem freien Umgang mit vielen Sprachen. Die Freiheit der Sitten (um nicht sexuelle Freizügigkeit zu sagen) der englischen Aristokratie stieß ihn ab. Das Land selbst kam ihm provinziell vor, es hatte nur kleine Handschriftensammlungen in den Bibliotheken (nichts Interessantes!) und es gab eine starke antifranzösische Einstellung. Nach Bernays wurde diese Einschätzung durch die antienglische Erziehung der jungen Franzosen verursacht. Nach Grafton war seine allgemeine Einschätzung: Barbaren und Fanatiker. Dieses Bild Englands befindet sich in schreiendem Widerspruch zu den Märchen, die uns Historiker über die römische Periode der Geschichte erzählen, über eine reiche Klostertradition, über Beda Venerabilis und über die verschiedenen Seiten des intellektuellen Lebens im Mittelalter. Ich meine, dass man der Einschätzung Scaligers glauben kann: die aktive Tätigkeit zur Schaffung einer virtuellen Geschichte hatte im 16. Jahrhundert erst begonnen und bis zum Ende dieses Jahrhunderts lief die Produktion von „antiken“ Handschriften noch nicht auf vollen Touren.



Krieger und Gelehrter

Allerdings war die durch die dreijährige Reise hervorgerufene Ablenkung nur das Vorspiel zu den Jahren des Bürgerkriegs, der Scaliger 1567 veranlasste, den Schreibtisch mit dem Soldatenrock zu tauschen. Scaliger, der im Alter von 22 Jahren Hugenotte geworden war, war einer ihrer bekanntesten Anhänger und Theoretiker in Frankreich, wo die feindliche Haltung seitens der Katholiken allgemein bekannt war. Er schaffte es nicht, die nach den Reisen verfassten Handschriften zu veröffentlichen, des als Erbe erhaltenen Besitzes wurde er beraubt, viele Jugendfreunde kamen um. Nach der Beendigung des Krieges ließ er sich in Valencia nieder, wo er seine Traurigkeit und tiefe Depression bekämpfte, indem er sich intensiv mit römischem Recht befasste und Bekanntschaft mit führenden französischen Juristen schloss, in erster Linie mit dem herausragenden französischen Rechtshistoriker Jacob Cuiacius (Jacques Cujas).

Hier begann Scaliger auch, die verloren gegangenen Fragmente der Arbeit des mittelalterlichen Juristen Africanus zu rekonstruieren (nach eigener Aussage von Scaliger seine wichtigste Arbeit in der Nachkriegsperiode). Cuiacius (angeblich 1522-1590), der Scaliger zu seinem Assistenten gemacht hatte, hat diese in seinen Werken zum römischen Recht in breiter Form verwendet. Die Lobeshymnen des in ganz Frankreich berühmten Gelehrten, der ansonsten sehr selten Lob aussprach, an die Adresse des 20 Jahre jüngeren Scaliger trugen viel zur Begründung von dessen Autorität bei.

Cuiacius gab Scaliger in seinem Haus Unterkunft, führte ihn in den Kreis seiner Korrespondenten und Kollegen ein und erlaubte ihm den Zutritt zu seiner reichen Sammlung alter Handschriften (ungefähr 200 Stück). Scaliger nutzte diese Handschriften sehr intensiv in seiner Arbeit. Die Freundschaft mit Cuiacius dauerte bis zu dessen Tode. Außerdem bekam er in Valencia noch einen weiteren Freund und Helfer: den jungen damals noch Katholiken Jean-Jaques Tou, ein zukünftiger Historiker und Vorsitzender des Parlaments. Auch machte er die Bekanntschaft von Claude Depui, einem führenden Parlamentsvertreter in Paris, der ihn mit seltenen Büchern versorgte, zu verschiedenen Fragen konsultierte und den Kontakt mit den italienischen Humanisten aufrechterhielt.

Die Nachkriegsidylle endete im August 1572. Im Auftrag der Regierung machte er sich als Mitglied einer Delegation des Anwärters auf den polnischen Königsstuhl auf den Weg nach Polen. In Straßburg erreichte ihm die schreckliche Neuigkeit über das Abschlachten der Hugenotten in der Bartholomäusnacht. Damit endete seine Bereitschaft, der französischen Regierung zu Diensten zu sein. Vor möglichen Verfolgungen rettete er sich nach Genf, wo man ihm sofort vorschlug, Professor für Philosophie zu werden. Sein Zögern hing damit zusammen, dass er öffentliche Auftritte verabscheute. Sein ganzes Genie konnte sich nur hinter dem Schreibtisch entfalten, nicht im Hörsaal. Da die Stadtoberen seine schriftstellerische Tätigkeit nicht behinderten, begann er Vorlesungen über Aristoteles und Cicero zu halten, die von den nicht sehr zahlreichen Studenten positiv aufgenommen wurden.

20 Jahre später, war es genau diese Aversion gegen öffentliche Auftritte, die Scaliger davon abhielt, sofort den nach der Abreise von Lipsius verwaisten Lehrstuhl in Leiden zu übernehmen. Er musste sich zu Anfang noch mit der Führung der Universität und der Stadt einigen, dass von ihm keinerlei Vorlesungen gefordert werden können. Aus allen möglichen Auditorien bevorzugte er die, die nur aus einem einzigen Zuhörer oder Gesprächspartner bestanden. Nichtsdestotrotz umringte ihn ständig der wissenschaftliche Nachwuchs und Mangel an Schülern und jungen Zuhörern bestand bei ihm nie.

Trotz des Erfolges seiner kurzen Professorentätigkeit in Genf, kehrte Scaliger im Oktober 1574, als sich die Lage in Frankreich wieder etwas beruhigt hatte, in die Heimat zurück. Er wohnte auf dem Anwesen seines Gönners und Freundes de la Rochepozay. Die nächsten 20 Jahre bis zu seiner Übersiedlung nach Leiden verbrachte Scaliger, der ein südfranzösischer Patriot war, auf verschiedenen Besitztümern seines Gönners und auf Reisen durch französische, hauptsächlich südfranzösische, Städte. So besuchte er 1581 Cuiacius in Bourges, wohin dieser aus Valencia übergesiedelt war, um ihm seine Anteilnahme am Tod seines Sohnes auszudrücken. Dank einer Hinterlassenschaft seiner Mutter und der Großzügigkeit seiner Freunde hatte er niemals finanzielle Probleme auszustehen, und das, obwohl ihm der durch ein Edikt Heinrich III. von 1579 festgelegte königliche Unterhalt in Höhe von jährlich 2000 Franken trotz Bitten seiner einflussreichen Pariser Freunde nicht ein einziges Mal ausgezahlt worden war.

Über Frauen in seinem Leben ist nichts bekannt. Bernays weist nur darauf hin, dass er niemals heiraten wollte. Dank dessen konnte er es sich leisten, 20 seiner besten Jahre der Wissenschaft zu widmen, ohne durch Dienste oder familiäre Verpflichtungen abgelenkt zu werden. Bernays meint, dass sich sein Schaffen genau deswegen durch solch eine Leichtigkeit und Freiheit auszeichnet, die für Leute typisch ist, die niemals unter einer Knute gelebt haben. Dadurch erklärt sich auch die Geschwindigkeit, mit der er die Bücher der lateinischen Klassiker, auf die ich hier nicht näher eingehen werde, in den Druck gab. Sollen die Philologen seine Entdeckungen früher nicht publizierter Texte beschreiben, seine Streitgespräche über dieses und andere philologische Themen mit den italienischen Philologen, den französischen Pedanten und den italienischen Korrektoren. Ich beschränke mich auf die Meinung von Bernays, dass Scaliger sehr viel Weisheit verbreitet hat, um die Wunden auf dem Körper der historischen Philologie zu stillen, die ihr durch die Barbarei des Mittelalterns zugefügt worden waren. Das hört sich zwar schön an, nur ist es schwer zu glauben, es ging doch alles ziemlich flink.



Die Berichtigung des unkorrigierbaren chronologischen Schatzes.

Nachdem er einen gewichtigen Beitrag zur Schaffung der klassischen Philologie geleistet hatte, begann Scaliger seine divinatorischen Talente auf historische Quellen anzuwenden, was mit der Zeit zu seiner Hauptbeschäftigung wurde. Er führte dies bis zur Schaffung der Chronologie als wissenschaftliche Disziplin. Erstes Opfer seiner Manie, die Klassiker im eigenen Sinne umzuschreiben, wurde ein gewisser Marcus Manilius – angeblich ein römischer Astronom der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts u.Z.. Es wird angenommen, dass er zwischen den Jahren 9 und 22 u.Z. das lehrreiche Gedicht „Astronomica“ über Astronomie und Astrologie für den Imperator Tiberius geschrieben hat, das nicht mehr und nicht weniger aus fünf Büchern besteht. Dieses astronomischen Reimschmiedes nahm sich Scaliger nun an, wobei er sofort feststellte, dass Manilius sich mit seiner Aufgabe übernommen und Zeilen (aber vielleicht auch Worte) nicht in der richtigen Reihenfolge angeordnet hatte. Nach den Worten von Bernays verwandelte Scaliger die „Astronomica“ „in das, was dem Ziel entsprach, wofür er es benutzen wollte: in den Faden der Ariadne für die Darstellung der Astronomie des Altertums“. Dies gelang ihm, indem er mit der Reihenfolge der Zeilen spielte und darauf die gesamte Kraft seines inneren Divinators anwandte, ohne sich um die tatsächliche Wiederherstellung des originalen Textes zu bemühen (Bernays, S.47). Diese Arbeit im Jahr 1579 sollte ihm den Weg zu seinem eigenen chronologischen System bahnen.

Es wird angenommen, dass die „Korrektur der Chronologie“ 1583 als sofortige Reaktion auf die gregorianische Kalenderreform erschien. Doch was verwunderlich ist: Bernays bemerkt, dass erstens die Reaktion auf sie sehr verhalten war. Das Werk wurde als etwas Fremdes betrachtet. Man kannte es, man sprach darüber, doch man las es selten und lobte es noch weniger. Etwas Konkretes vermittelt Bernays darüber allerdings nicht, was seiner üblichen Art, für jede Behauptung konkrete Beweise zu präsentieren, widerspricht. Zweitens unterstreicht Bernays, dass Scaliger in diesen Jahren überhaupt keine Streitgespräche über Kalender führte. Allerdings begann er zehn Jahre später in Leiden damit, dies mit der ihm eigenen Energie zu tun. So kann es sein, dass die Vermutung von Pfister richtig ist, dass das Erscheinungsjahr der „Korrektur der Chronologie“ später gefälscht wurde („berichtigt“ und an das Datum der gregorianischen Reform angepasst).

Interessant ist, dass die italienischen Humanisten, wie Bernays auf S. 50 schreibt, Humanisten, die die „antiken“ Werke nicht schlechter kannten als Scaliger, davon überzeugt waren, dass sich aus dem vorhandenen Zahlengewirr, relativen Datierungen, Jahresangaben in verschiedenen Systemen und weiterer noch schlechter datierter historischer Informationen niemals eine widerspruchsfreie Chronologie des Altertums erstellen lässt. Aber möglicherweise hat sie einfach die Natur nicht mit solch reichen divinatorischen Fähigkeiten ausgestattet, wie den Erfinder der Chronologie Scaliger?! Und überhaupt, wenn etwas unmöglich ist, aber man wirklich will, dann geht es auch.

Auf seiner Website, auf der er die Neue Chronologie kritisch betrachtet, hat M.L. Goredetskij (Gorm) im Bereich: „Verleumdung“ das Inhaltsverzeichnis der ersten Ausgabe des Buches „Korrektur der Chronologie“ veröffentlicht. Wie ich schon schrieb, sind fast alle Überschriften verschiedenen Jahresbegriffen und verschiedenen Ären gewidmet, d.h. verschiedenen Kalendertypen. Dabei wird jedes Mal eine Tabelle chronologischer Daten, die sich aus der Untersuchung des jeweiligen Kalenders ergeben, aufgelistet. Auf den Seiten 3 bis 341 sind mehr als 190 Überschriften dieser Art angeführt.

Pfister analysiert genauestens die zweite Ausgabe der „Korrektur“ und merkt an, dass sie einen Umfang von 850 S. hat (nach allgemeiner Aussage von Bernays hatten „die zweiten Ausgaben der Bücher von Scaliger einen Umfang, der doppelt so groß war wie der der ersten Ausgabe“). Er bemerkt nicht nur die Vielzahl der chronologischen Tabellen, sondern auch genaue Verzeichnisse, die deren Verwendung erleichtern. Das Prinzip der Darlegung des angesammelten (oder im Zusammenhang mit diesem Buch dazu erfundenen) Materials ist folgendes: Zuerst wird der jeweilige Kalender an die in scaligerschen (julianischen) Tagen zählende Zeitachse angedockt und danach folgt eine Liste der Herrscher und der historischen Ereignisse, über die angeblich Informationen im Rahmen dieses Kalenders vorliegen. Es ist klar, dass jeder Fehler beim Andocken des Kalenders an die Zeitachse (das Vorhandensein solcher Fehler hat Petavius gezeigt und Ideler unterstrichen) zu zahlreichen Fehlern in der jeweiligen chronologischen Tabelle führt. Weiterführende Fehler muss man in den Herrscherlisten selbst, mit denen sich Scaliger im Wesentlichen beschäftigt hat, und in den historischen Ereignissen, die ihrer Regierungszeit zugeschrieben werden, suchen. Zahlreiche Fehler dieser Art (es wird sich wohl kaum ein Historiker finden, der seine Hand dafür ins Feuer legt, dass die Listen fehlerfrei sind) wurden von Scaliger in seine vielen chronologischen Tabellen übernommen. Und wer wird sich dafür verbürgen, dass nicht all diese jüdischen, babylonischen, persischen und arabischen historischen Persönlichkeiten durch zahlreiche mehr oder weniger glaubhafte Schriftsteller der vergangenen Jahrhunderte erdacht wurden, besonders nach den durch Morosov und Fomenko gefundenen Analogien zwischen den Herrscherlisten verschiedener Epochen und Länder.

Scaliger begründet seine Tabellen auf die durch ihn berichtigten Eusebius und Plutarch, aber auch auf zahlreiche Schriftsteller des Nahen Ostens, die er reichhaltig in altjüdischer und arabischer Sprache zitiert. Natürlich kostet es den normalen Leser nichts, die Zitate und die richtige Weitergabe sämtlicher kalendarischer Informationen durch Scaliger sowie deren Begründung und richtige Interpretation zu überprüfen. Doch im Unterschied zu diesen haben die herausragenden Historiker noch nicht die Zeit gefunden, diese gigantische Arbeit in Angriff zu nehmen.

Pfister merkt an, dass man während der Zeit Scaligers einigen antiken Herrschern deutlich größere Bedeutung einräumte, als es heute der Fall ist. Als Beispiel führt er Herodes an, den man in der damaligen Zeit nicht anders als Herodes den Großen nannte. Weiterhin findet er römische Imperatoren, die Scaliger aus irgendeinem Grund überhaupt nicht erwähnt. Aber all das sind nur Details, die das allgemeine Bild der Erschaffung aus fast nichts (detailliert durch mich im Kapitel über die „Chronik“ von Schedel beschrieben) eines wohlgestalteten jahrhunderte- und selbst jahrtausendelangen chronologisierten Geschichtsbildes nicht verändern.




Geändert von Eino am 27.Feb.2007 12:07

Scaliger III

27 Feb. 2007 



DIE GESCHICHTE AUF DEM PRÜFSTAND


Eugen Gabowitsch





St.-Peterburg, Verlagshaus "Neva", 472 S., 2005



ISBN: 5-7654-4398-2



erschienen in russischer Sprache (Originaltitel: Istorija pod snakom voprossa)




Autorisierte Übersetzung von Sören Kliem (Dresden)





Kapitel 10: Der geniale Schöpfer der modernen Chronologie: Joseph Justus Scaliger



. Gäbe es keine Chronologie, so müsste man sie erfinden.

. Marx, Karl: Geschichte – Heroin für das Volk.

. Gesammelte Werke, Band 128, S. 27.



Inhalt





Teil 1.

Einleitung

Der Vater der Chronologie: der Wahrsager Scaliger

Scaliger und andere über Scaliger

Diese merkwürdige Autobiographie

Der weise Gelehrte Scaliger (aus Wainstein, S.375-377)

Kritik an und Verherrlichung von Scaliger im Buch von Ideler.


Teil 2.

Scaliger und sein Neuentdecker Fomenko

Moderne Scaligerkunde

Der Weg vom Autodidakten zum Experten

Krieger und Gelehrter

Die Berichtigung des unkorrigierbaren chronologischen Schatzes.


Teil 3.

Chronologiekonstrukteur Scaliger

Mein ergebener Freund Isaac Casaubon

Eine sensationelle „Entdeckung“

Das Rätsel der „alten“ Manuskripte

Schlussfolgerung: Über die Unmöglichkeit des Unmöglichen

Literatur





Teil 3. Ende des Kapitels 10.



Chronologiekonstrukteur Scaliger

Bernays begrenzt seine kritischen Bemerkungen an die Adresse der „Korrektur“ auf Vorwürfe, die beim Leser auftauchen können. Die Ziele und Neigungen des Wissenschaftlers, so schreibt er, veranlassten Scaliger oft, zu vergessen, dass diese den Wunsch hatten, ein solches Buch als Lehrbuch der Chronologie und als Nachschlagewerk, und nicht als wissenschaftliche Abhandlung zu verwenden (S. 100).

Über das zweite Buch Scaligers zur Chronologie schreibt Wainstein folgendes (S. 377):

Scaliger, der sich in Holland, wo er den Posten eines Professors der Universität in Leiden innehatte und sich durch die moralische und materielle Unterstützung der bürgerlichen Regierung völlig sicher fühlte, lud sich im Alter eine neue ungeheuer große Arbeit auf - „Hort der Zeit“ („Thesaurus temporum“, 1606), das entsprechend der Absicht des Autors, streng überprüftes Daten- und Faktenmaterial für die Schaffung einer „wirklich wissenschaftlichen“ Weltgeschichte liefern sollte. Hier werden Systeme der Zählung der Zeit eingeführt, die bei allen im 16. Jahrhundert bekannten Völkern (z.B. bei den mexikanischen Indianern, bei den Völkern Ostasiens, u.a.) Anwendung fanden, wobei die chronologischen Daten dem Autor „nicht nur einfach zur Anordnung historischer Fakten“ dienten, sondern auch als Material für die Geschichte antiker Kulturen. Scaliger zeigte in seinem letzten Werk, dass man mit Hilfe der Untersuchung chronologischer Systeme verloren gegangene historische Fakten wiederherstellen kann. Die Chronologie verwandelte sich in den Händen des Forschers in eine „historische Heuristik“. Selbstredend ist diese Methode nur für die Perioden der Geschichte des Altertums von Bedeutung, über die nur wenige Informationen vorliegen. Mit großem Erfolg wurde sie von Scaliger auch auf die Wiederherstellung des verloren gegangenen Originals der „Chronik“ von Eusebius nach der ungenauen Übersetzung von Hieronymus und zur Überprüfung der darin enthaltenen historischen Daten angewandt.

Ich möchte hier nur hervorheben, dass unter den Herrscherlisten solche wie die von Mazedonien, Attika und Peloponnes und auch zahlreicher kleinerer „altgriechischer“ Stadtstaaten waren, die Scaliger aus dem von seinem Freund Casaubon „gefundenen“ antiken Manuskript übernahm (siehe dazu weiter unten). Diese Daten erlaubten ihm, die durch ihn früher nach dem Verzeichnis von Manetho erstellten Dynastietabellen wenigstens mit irgendeinem historischen Inhalt zu füllen, da der „Fund“ von Casaubon auch „Informationen“ über assyrische, altjüdische, persische und römische Herrscher enthielt.

Bernays schreibt in diesem Zusammenhang (S. 97), dass dieser Teil seiner Arbeiten unter der allgemeinen Überschrift „Olympische Liste“, benannt nach einer von Casaubon zur Verfügung gestellten Liste, bekannt ist. Weiterhin führt er aus, dass sie aus der schöpferischen Stimmung entstand, die Scaliger seit seiner divinatorischen Bearbeitung der verlorenen Texte von Eusebius erfasst hatte. Er beklagt sich darüber, dass der Text von Scaliger in seiner Form so an ein antikes Werk erinnert, dass beim Leser, ungeachtet der zahlreichen gegenteiligen Beteuerungen Scaligers, der Eindruck entstehen konnte, dass Scaliger hier einen aufgefundenen antiken Text als seinen eigenen ausgibt.

Für Bernays ist dieses Werk ein Seitenhieb in Richtung der italienischen Humanisten, die dem raffinierten Stil von Cicero allzu großen Glauben schenkten und so verschiedenen Geschichtsfälschern auf den Leim gingen. An anderer Stelle spricht er darüber, dass Scaliger das Latein erneuert hat, indem er den viele Nachahmungen hervorrufenden Stil von Cicero überwand. Zeitgenossen und Vorgänger auf die Sprünge helfen kann und muss man natürlich, eine Sprache verbessern, die angeblich schon 2000 Jahre alt ist, dazu ist jeder Scaliger einfach verpflichtet, aber wie daraus die Schlussfolgerung von Bernays folgt, dass Scaliger mit seiner „Olympischen Liste“ eine absolut wahre Darlegung der Geschichte, die völlig frei von irgendwelchen Fälschungen ist, geschaffen hat, bleibt mir, ehrlich gesagt, völlig unklar.

Über den zweiten Teil des „Hortes“ schreibt Bernays, dass Scaliger bei der darin dargestellten Rekonstruktion des Eusebius sehr große Fehler unterliefen, deren ganzes Ausmaß man erst im 19. Jahrhundert erkannte, als die auf armenisch erhalten gebliebenen Werke von Eusebius übersetzt wurden. Diesen Teil des Buches bezeichnet Bernays als absolut unannehmbar. Aber die Kommentare zu Eusebius schätzt er weiterhin sehr hoch ein, hat doch Scaliger in ihnen zahlreiche chronologische Korrekturen vorgenommen. Ob man nach all dem Eusebius weiterhin als Quelle bezeichnen kann, ist schon eine ganz andere Frage. Im zweiten Teil bringt Scaliger auch eine stark überarbeitete Variante der „Korrektur“, die durch ihn endlich in ein Lehrbuch und Nachschlagewerk für Historiker umgewandelt wurde, die sich nicht mit solchen langweiligen Sachen (genau – E. G.) wie Nachdenken und Erörtern herumschlagen wollten: Los her mit dem Ergebnis in Form chronologischer Tabellen und basta.

Im zweiten Buch von Grafton trifft man oft die Beschreibung darüber, auf welche Art und Weise Scaliger entschieden hat, ob der eine oder andere Text glaubwürdig ist, ob man chronologische Informationen aus ihm übernehmen kann. Teilweise gibt er ehrlich zu, dass er nicht weiß, auf welcher Grundlage – teilweise in völligen Widerspruch zu seinen eigenen Prinzipien der Quellenkritik - Scaliger entschieden hat, die Listen von Herrschern und ihre Regierungszeiten, an denen er selbst anfänglich zweifelte, zu übernehmen. Grafton ist der Meinung, dass Scaliger seine Entscheidungen nicht immer logisch sondern intuitiv auf der Basis seiner reichen Erfahrung in der Arbeit mit Fälschungen und der Kenntnis der Techniken, derer sich Erfinder von Geschichte bedienten, und der Fehler, die ihnen dabei unterliefen, fällte. Oft trifft man bei Grafton auf die Wendung „Scaliger sah etwas als die wahrscheinlichste Lösung des betrachteten Problems an“.

Ich wiederum denke, dass unter der größten Wahrscheinlichkeit das Streben Scaligers danach zu verstehen ist, die weißen Flecken im Vergangenheitsmodell, die auf Grund der künstlich verlängerten Geschichte entstanden sind, zu entfernen. Alles, was diesem Ziel nützte, wurde auch verwendet, selbst dann, wenn ihm klar war, dass es sich um eine Fälschung handelte. Bei seiner Bildung kostete es ihn nichts, seine weniger gebildeten Zeitgenossen davon zu überzeugen, dass die eine oder andere Fälschung überhaupt keine Fälschung ist, sondern ein fast wahrheitsgetreues Abbild der Vergangenheit. Und wenn er schon seine Zeitgenossen überzeugt hat, dann kostet es auch nichts, sich selbst davon zu überzeugen, dass er die wahrscheinlichste Lösung des Problems, wie man chronologische Löcher flickt, gefunden hat.



Mein ergebener Freund Isaac Casaubon.

Isaak Casaubon wird im zweiten Buch von Grafton auf 54 verschiedenen Seiten erwähnt, öfter als jeder beliebige antike Autor, deren Daten Scaliger in seine chronologischen Bücher aufnahm, oder einer seiner Zeitgenossen. Zum Vergleich nennen wir die entsprechenden Zahlen für Berossos (gr. Berosos, lat. Berossus, Berosus) – 33, Censorin (lat. Censorinus)– 48, Cicero – 23 (plus zweimal Pseudo-Cicero), Diodorus Sikul – 19, Dionysios von Halikarnassos – 20, Eratosthenes – 22, Eusebius – 36, Flavius Josephus – 30, Plinius der Ältere – 12 und Plutarch – 39. Das sind die, die am häufigsten von Scaliger verwendet wurden.

Der antike Autor Censorin zählt zu den reichsten Quellen astronomischer, kalendarischer und historischer Informationen (Scaliger las seine Bücher in der Ausgabe, die angeblich 1568 erschien, wobei er seit 1497 mehrfach in verschiedenen verbesserten Auflagen neu herausgegeben wurde: die Klassiker muss man doch von Zeit zu Zeit verbessern und in Übereinstimmung mit den neuesten Erkenntnissen bringen!).

Diodorus hält man für einen antiken Historiker, der im 1. Jahrhundert v.u.Z. auf Sizilien und in Rom lebte und der eine Weltgeschichte in 40 Büchern verfasst hat. Aus dieser „Bibliothek“ haben sich 15 Bücher bis in die heutige Zeit erhalten (mit den Nummern 1-5 und 11-20). Eine Vorstellung über die anderen geben uns erhalten gebliebene Fragmente. Es wird gesagt, dass er ein unkritischer Sammler war und sich nur dadurch auszeichnete, dass er antike historische Angaben für die Zukunft erhalten hat.

Ein anderer Zeitgenosse, der Professor der Mathematik und Astronomie der Jenaer Universität Raul Crusius, dessen Buch Scaliger für seine astronomischen Berechnungen und Untersuchungen nutzte, wird auf 23 Seiten erwähnt.

Die ganze Zeit verweist Grafton auf den veröffentlichten Briefwechsel von Scaliger mit seinem Freund Casaubon und auf die Diskussionen, die sie miteinander führten. Natürlich waren sie nicht immer in allen Einzelheiten einer Meinung, aber Casaubon erlaubte sich nie, Scaliger ernsthaft zu kritisieren, und wenn er es tat, dann in äußerst höflicher Form. So schreibt Grafton z.B. auf S. 306 über die Reaktion von Casaubon, der damals noch in Montpellier wohnte, auf die zweite Ausgabe der „Korrektur der Chronologie“ im Jahr 1598. Casaubon bringt seine Verwunderung über das Fehlen der Begründung für eine der Herrscherlisten zum Ausdruck und charakterisiert diese Stelle im Buch als divinatorisch, d.h. erstellt aus Vermutungen ohne Begründung und echtes Wissen.

Das Wort „lügt“ hat Casaubon in diesem Zusammenhang nicht verwendet, obwohl Scaliger sich hier sehr stark an Berossos orientiert, den Casaubon später als Fälschung entlarvt. Nebenbei gesagt, die divinatorischen Fähigkeiten von Scaliger erwähnt Casaubon nicht nur einmal und nicht immer als versteckte Kritik, teilweise auch als Ausdruck echter Bewunderung, so z.B. über die Seiten der „Korrektur der Chronologie“, auf denen Scaliger die Einzelheiten des abessinischen Kalenders rekonstruiert.

Auf S. 311 schreibt Grafton: „Nicht alle Argumente von Scaliger waren gleich gut“ und erzählt darüber, dass Casaubon, den dieser den sympathischsten seiner Zeitgenossen nannte, mit einigen etymologischen Begründungen und linguistischen Argumenten Scaligers nicht einverstanden war. Nebenbei gesagt nahm Scaliger, der auf Kritik äußerst empfindlich reagierte, diese von Casaubon ruhig an und folgte nicht selten seinem Rat, als er die zweite Ausgabe der „Korrektur“ vorbereitete.

Einer der bekanntesten Fälle der fruchtbaren Zusammenarbeit von Scaliger und Casaubon hängt mit der „Entdeckung“ der Liste der antiken Herrscher, die mit den griechischen Olympiaden verbunden ist, durch letzteren zusammen. Scaliger war der Meinung, dass solch eine Liste Bestandteil des nicht erhalten gebliebenen Teils der Arbeiten von Eusebius sein müsste, an dessen „Rekonstruktion“ er so lange arbeitete. Aber in seiner „Korrektur der Chronologie“ sah er sich gezwungen, nur Vermutungen über die Existenz dieser Liste in der Antike und den Inhalt derselben anzustellen. Diese wertvollen zielführenden Hinweise wurden von Casaubon als Bedienungsanleitung aufgefasst, und er verbrachte viel Zeit damit, selbst kleinsten Hinweisen über Herrscher, deren Lebenszeit in die Epoche der Zeitzählung nach den Olympiaden fiel, nachzuspüren.



Eine sensationelle „Entdeckung“

Das Resultat dieser Arbeiten war ein aus mehreren Teilen bestehendes langes Verzeichnis, das Casaubon angeblich in der Königlichen Pariser Bibliothek gefunden hat (Es lag dort seit der Antike vor sich hin, legte sich selbst lange vor der Gründung der Bibliothek auf ein Regal, und als Scaliger es brauchte, da stach es ungeachtet der dicken Schicht nachantiken Staubes seinem besten Freund ins Auge!):

• Verzeichnis der griechischen Herrscher dieser Zeit

• Verzeichnis der nichtgriechischen antiken Herrscher

• Verzeichnis aller Sieger der Olympiaden bis zur 249.

• Ein umfangreiches Zitat des Philosophen Porfirius über die Zeit der Diadochen (erstes Herrschergeschlecht nach Alexander dem Großen, denen die so genannten Epigonen folgten)

Interessant ist, dass ungefähr 200 Jahre lang niemand diese Handschrift (Bernays nennt sie den Gemischten Kodex oder ganz einfach Sammelsurium) in der Pariser Bibliothek finden konnte, bis dies in der Mitte des 19. Jahrhunderts einem Engländer namens Kramer gelang. Bernays schreibt, dass Kramer sehr vorsichtig davon sprach, fast wie über eine Vermutung, dass der Kodex echt sein könnte. Es ist natürlich klar, dass das Papier seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts Zeit hatte zu vergilben. Kramer schreibt weiter, dass die Veröffentlichung von Scaliger nicht gewissenhaft genug war, aber diese Einschätzung wird von Bernays als ungelenke Formulierung abgetan. Bernays ist der Meinung, dass Scaliger einfach eine ganze Menge Verbesserungen vorgenommen hat, ohne der Welt in aller Bescheidenheit zu sagen, dass er ihr eine verbesserte Version schenkt. Bernays unterstreicht, dass Scaliger dies auch früher getan hat, so z.B. bei der Herausgabe der Arbeiten eines gewissen Sinzellius. Aber es ist auch wahr, dass Bernays das Vorhandensein von groben Fehlern bei Scaliger zugibt, die jedoch nach seiner Meinung auf das Konto des Schreibgehilfen gingen.

Seinen Fund nannte Casaubon „Ausgewählte Abschnitte“. Darin folgte er dem Beispiel Scaligers, der kurz zuvor als Anlage zu seinem „Hort der Zeit“ einen gewissen Idacius veröffentlichte, der angeblich Ergänzungen zu Eusebius verfasst hatte. Dabei nutzte er ein durch Friedrich Lindenborg erstelltes Verzeichnis, das angeblich eine Kopie eines Kodexes, zu dem auch der Text von Idacius gehört, sein soll. Schon nach dem Tod von Scaliger gab der französische Jesuit Sirmond eine vervollständigte Variante des Textes von Idacius heraus. In die Neuausgabe des „Hortes der Zeit“ im Jahr 1629 wurde die Variante von Sirmond aufgenommen.

Bernays bringt nicht wenige Beispiele der Veröffentlichung verschiedener anderer antiker und byzantinischer Chronologen durch Scaliger. Lassen wir ihm die Begeisterung über diese gigantische Arbeit, erlauben uns aber, daran zu zweifeln, dass all diese zahlreichen Werke über Jahrhunderte und Jahrtausende erhalten geblieben und zum geeigneten Zeitpunkt in die Hände ihres Redakteurs, Korrektors und Verlegers Scaliger fielen. Wenn man seine divinatorischen Fähigkeiten und Neigungen in Betracht zieht, ist es dann nicht natürlicher anzunehmen, dass Scaliger – zumindest in einigen Fällen – diese Werke an Stelle der antiken und byzantinischen Autoren, die dies in ihrer Zeit nicht geschafft hatten, einfach selbst geschrieben und dabei irgendwelche Fragmente verwendet hat, die andere schon vor ihm für verschiedene Zwecke verfasst hatten.

Casaubon informierte Scaliger über seine „Entdeckung“ kurz bevor dieser sein zweites chronologisches Buch vollendete. Scaliger war außer sich vor Freude, dass sein Plan langsam Wirklichkeit wurde und verlangte, dass ihm schnellstens Kopien zugesandt wurden, was auch getan wurde. Casaubon schrieb, dass er auf einen Codex gestoßen war, der griechischen Text ohne Titelblatt und ohne Anfang enthielt, darin enthalten die drei genannten Listen. Scaliger schaffte es, diese Listen als Anhang zu seinem „Hort der Zeit“ auf 24 Blättern zu veröffentlichen.

Doch kehren wir zu der von Casaubon gefundenen Liste zurück. Mit den Herrschern – habe sie Gott selig – werde ich mich nicht beschäftigen, sie haben wahrscheinlich eine so kleine Spur in der Geschichte hinterlassen, wenn man ihre Liste schon in der Königlichen Bibliothek im Frankreich des 17. Jahrhunderts suchen muss. Aber die Liste mit den Siegern der Olympiaden interessiert mich (eine Tradition, die sich 1000 Jahre gehalten hat: 1000 Jahre ist so eine verdammt lange Zeit!) und ich begann alles zu lesen, was ich über die antiken olympischen Spiele in die Finger bekam. Nirgends fand ich ein Wort über diese Liste. Meist werden einzelne Namen der bekanntesten Athleten aufgeführt, aber über eine Liste mit hunderten von Namen – kein Wort. Die ganze Zeit geht es um Listen, in die die Sieger eingetragen wurden, aber irgendetwas Konkretes ist nie dabei und die oben genannte Liste erwähnt überhaupt niemand.

Hier haben wir das reich illustrierte deutsche Buch von Werner Rudolf „Olympische Spiele in der Antike“ (Urania, DDR, 1975). Ausführlich wird über die verschiedenen Sportarten berichtet, wann in welcher Disziplin Wettkämpfe abgehalten wurden (es scheint, dass die olympischen Spiele lange Zeit jeweils nur in einer bestimmten Disziplin durchgeführt wurden), die Namen einzelner Sieger sind aufgeführt, der Name von Casaubon allerdings taucht, genau wie seine Liste, nirgends auf. Ich blättere in dem noch dickeren Fachbuch von Heinz Schöbel „Olympia und seine Spiele“, das in viele Sprachen übersetzt wurde und als historisches Standardwerk der modernen olympischen Spiele gilt, und erfahre nur, dass für die Spiele mit den Nummern 265 – 286 die Namen der Sieger nicht überliefert sind und dass nicht klar ist, ob diese Spiele überhaupt stattfanden. Dafür kann aus den Siegerlisten der Jahre 146 – 80 v.u.Z. geschlussfolgert werden, dass die Spiele in diesen Jahren nur lokale Bedeutung hatten. Doch über die Entdeckung der Liste aller Sieger und über Casaubon wird kein Wort verloren. Beides fehlt auch in der „Kulturgeschichte der Antike: Griechenland“ (Akademie-Verlag, Berlin, 1977). Überflüssig zu erwähnen, dass der Name von Scaliger, der diese Liste veröffentlicht hat, auch nirgends auftaucht.

Niemand erinnert sich an die „Ausgewählten Abschnitte“ von Casaubon und an ihre Korrektur durch Scaliger. Nachdem ich einige Dutzend Bücher durchgeblättert hatte, wandte ich mich an den besten Freund der Schüler und Studenten – das Internet. Mit den Schlüsselwörtern „ Antike Olympiaden Sieger“ fand ich 123 Verweise auf unterschiedliches Material, aber in keinem wurde Casaubon erwähnt. Neun Seiten waren den Siegerlisten gewidmet, aber über unsere großen Chronologen enthielten sie kein Wort. Dafür erfuhr ich – sowohl aus dem Internet als auch aus den Büchern – dass sogar das Datum der ersten Spiele (angeblich 776 v.u.Z.) nicht sehr verlässlich ist, es wurde mit einigen Zweifeln aus der Siegerliste, die Hippius aus Ellis angeblich um 400 v.u.Z. erstellt hat, rekonstruiert. Es erweist sich, dass die Historiker vermuten, dass die olympischen Spiele schon hunderte von Jahren vor den ersten Spielen durchgeführt wurden. Sie schreiben sogar Genossen Herakles den Siegerkranz für deren Erfindung zu. Nur weiß man nicht so genau, in welchem Jahrhundert diese historische Persönlichkeit gelebt hat. Schöbel ist der Meinung, dass in Olympia die Tradition der Heraklesverehrung seit dem 13. Jahrhundert v.u.Z. existiert hat.

Aber jetzt kehren wir zur Geschichte der Auffindung der Handschrift in der Königlichen Bibliothek zurück und fragen uns, was das überhaupt bedeutet, dass das Manuskript gefunden wurde (oder dass Casaubon auf es gestoßen ist). Wir erinnern daran, dass Casaubon, der seit 1600 in Paris lebte und zweifellos schon in der Königlichen Bibliothek arbeitete, nicht allzu lange davor, nämlich im Jahr 1604, zu deren Bibliothekar wurde. Wenn sich diese Handschrift zuvor schon in den Archiven der Bibliothek befunden hätte, so hätte Casaubon, der mindestens seit 1598 wusste, dass Scaliger auf der Suche nach der Liste der Olympiasieger war, es in den Bibliothekskatalogen suchen können. Und auch im Jahr 1605 hat er es nicht in den Katalogen gefunden, er ist auf es „gestoßen“. Das Wort „gestoßen“ kann man auf verschiedene Weise interpretieren, aber eines ist klar, es geht nicht um eine Handschrift, die regelgerecht in einer großen Bibliothek aufbewahrt wurde. Immerhin teilt er im Brief an Scaliger nicht mit, wie man es in den Archiven der Bibliothek finden kann. Wahrscheinlich war es noch nicht in den Archiven registriert, und auch in den nächsten Monaten. bis zu seiner Abreise nach England, hat er es wahrscheinlich nicht geschafft, die Handschrift in die Kataloge einzutragen. Nur dadurch ist zu erklären, warum sie im Verlaufe von ungefähr 200 Jahren niemand finden konnte. Er hat wohl die Handschrift, nachdem er sie geschrieben hat, auf irgendein Regal in der entsprechenden Abteilung abgelegt, damit sie sich entwickeln (altern, vergilben) kann. In den Katalog hat er sie nicht eingetragen, damit sie niemandem in der nächsten Zeit in die Hände fallen konnte, d.h. in einem Zustand, der eine kürzliche Herstellung nahe legen würde.



Das Rätsel der „alten“ Manuskripte

Ich kann mir gut vorstellen, wie sich die traditionellen Historiker beim Lesen dieser Zeilen die Hände reiben. Aha, jetzt haben wir ihn, den Verschwörungstheoretiker! Verleumdet einen großartigen Menschen und bringt nicht den geringsten Beweis, nur Vermutungen und Mutmaßungen. Es stimmt, ich war bei dieser ganzen Geschichte nicht dabei (nicht wie die traditionellen Historiker, die alles mit eigenen Augen gesehen haben und deshalb von jeder ihrer Fantasien, von jedem Detail, dass sich jemand für seine Zwecke ausgedacht hat, absolut überzeugt sind). Einverstanden, ich habe hier meine Hypothese dargelegt, meine Sicht der Ereignisse. Möglicherweise habe ich ein paar Einzelheiten nicht richtig verstanden. Aber bin ich weit von der Wahrheit entfernt? Meine Hypothese fußt schließlich auf den jahrelangen Beobachtungen der Art und Weise, wie uns Werke „antiker“ Autoren präsentiert werden.

Deshalb wende ich mich mit der Bitte an meine Leser, zuhause oder in der Bibliothek die Bücher antiker Autoren zu suchen und nachzusehen, wie konkret und überzeugend in ihnen (im Vor-, im Nachwort oder in den Kommentaren) die Geschichte der Rekonstruktion dieser Werke dargelegt ist. Am häufigsten werden Sie überhaupt nichts finden, kein Wort zu diesem Thema. Im Prinzip müssen wir– die Leser – ja auch überhaupt nichts darüber wissen oder unsere Gedanken in die falsche Richtung schweifen lassen. Es geht doch gerade mal um 2000 Jahre, was soll das alles. Versuchen Sie nicht, Probleme zu sehen, wo keine sind. Lesen Sie die großartigen Werke und erfreuen Sie sich an ihnen.

Und wenn Sie sehr, sehr viel Glück haben, und es gibt in dem Buch Informationen über die Handschrift, so wird es Ihnen kurz und bündig ohne überflüssige Details erzählt. Niemals erlangen Sie ein vollständiges Bild davon, welcher Weg vom Original bis zu den Handschriften durchlaufen wurde, aus denen das jeweilige Buch dann erstellt wurde. Niemals! Niemand sagt Ihnen, welche Handschriften auf Papyrus, welche auf Tierhäuten vorlagen, wo sie aufbewahrt wurden, wie man sie beschafft hat, in den Katalogen welcher Klosterbibliotheken sie registriert waren und wo diese Aufzeichnungen bis heute geblieben sind. Im Allgemeinen schreibt man über dieses Thema – wenn überhaupt - einige allgemeine Worte, ein Minimum an Informationen, damit erst überhaupt keine überflüssigen Fragen entstehen. Als wenn die Autoren dieser Kommentare gar nicht auf die Idee kämen, dass uns solche zweitrangigen technischen Details interessieren könnten. Vertiefen Sie sich in die gefundenen Zeilen und versuchen Sie den Wahrheitsgehalt des geschriebenen einzuschätzen. Vergegenwärtigen Sie sich, wie heute, da die Bibliotheken Jahr für Jahr tausende und zehntausende von Büchern bekommen, über jedes einzelne von ihnen Buch geführt wird: wo gekauft, für wie viel, wohin gestellt, welche Kärtchen angelegt u.s.w., und dass, wo heute ein mittleres Buch ungefähr soviel wie ein Kilogramm Fleisch kostet. Hat man wirklich in früherer Zeit, als eine Handschrift mit Gold aufgewogen wurde, als in fast jeder Klosterbibliothek kaum mehr Bücher als heute in einem mittleren Haushalt vorhanden waren, keinerlei Aufzeichnungen über die Aufnahme von Handschriften und deren Vorgeschichte geführt?

Entscheiden Sie selbst, ob unser Verdacht, dass all diese Handschriften in Wirklichkeit erst in der Renaissance kurz vor der Veröffentlichung der entsprechenden Bücher angefertigt wurden (auch die Handschrift von Casaubon wurde ein Jahr später von Scaliger veröffentlicht), und dass die Handschriftenfragmente von den schon gedruckten Büchern durch Leute angefertigt wurden, die sich das für die Mehrzahl der potentiellen Käufer zu teure Buch nicht leisten konnten, eine Verschwörungstheorie oder eine Arbeitshypothese ist, die viel erklären kann, was die traditionellen Historiker nicht können. Es ist eine Arbeitshypothese, die sehr glaubwürdig und überzeugend ist.

Die Historiker können nicht erklären, warum die Handschriften aller in der Renaissance und in der Neuzeit herausgegebenen Werke antiker Autoren verschwunden sind, warum es bei deren Nichtvorhandensein eine Fülle an Fragmenten gibt, die praktisch niemals den gesamten Text enthalten, warum plötzlich in der Renaissance wie aus dem Nichts massenweise relativ lange Werke antiker Autoren auftauchen, die eintausend bis zweitausend Jahre vor dieser Epoche gelebt haben. Wenn diese Bücher wirklich auf der Grundlage von Handschriften angefertigt wurden, die auch nur im Entferntesten an antike Handschriften erinnerten, so hätten die pragmatischen und die Antike über Alles schätzenden Humanisten diese unschätzbaren Handschriften gesammelt und mit ihnen gehandelt. Jeder von ihnen wäre ein reicher Mensch geworden, und Reichtum verabscheuten die Humanisten schließlich nicht. Doch die Imitationen der Werke der „antiken“ römischen und griechischen Autoren sahen so vordergründig wie soeben geschrieben aus, dass die wahren Autoren (Humanisten) es vorgezogen haben, diese nach der Drucklegung sofort zu vernichten, um nicht durch neidische Konkurrenten oder andere Missgünstlinge entlarvt zu werden.

Nebenbei gesagt, kannte Scaligers Freude aus Anlass der durch Casaubon „gefundenen“ „Ausgewählten Abschnitte“ keine Grenzen. Nach den Worten von Bernays vollführte er sogar stundenlange Freudensprünge. Danach machte er sich daran, Nutzen aus der neuen „Quelle“ zu ziehen. Er konnte dadurch seine chronologischen Tabellen entscheidend erweitern und er nahm sie in detaillierter Form in sein Werk „Hort der Zeit“ auf, das er kurz danach veröffentlichte. Es entsteht der Eindruck, dass er die Hilfe von Casaubon erwartet hatte, dass er so fest davon überzeugt war, das Werk auf den Tisch zu bekommen, dass er die Veröffentlichung des fast fertigen Buches bis zum Eintreten dieses freudigen und hilfreichen Ereignisses immer wieder verschob.



Schlussfolgerung: Über die Unmöglichkeit des Unmöglichen.

Scaliger war zweifellos eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Mehr noch, er war genial, da der durch ihn erschaffene Koloss auf zu langen Beinen – die chronologischen Tabellen der antiken Geschichte - vier Jahrhunderte stand, schwankend zwar, und noch nicht endgültig umgefallen ist. Tatsächlich, es brauchte eines Genies vom Schlage Scaligers, um an die Möglichkeit einer vieltausendjährigen Chronologie zu glauben, deren Unmöglichkeit den italienischen Humanisten und vor ihnen den byzantinischen Chronologen offensichtlich war. Es brauchte eines Genies vom Schlage Scaligers, um diesen Traum zu verwirklichen und unüberwindbare Hindernisse zu überwinden. Es brauchte eines Genies vom Schlage Scaligers, um die Flicken zu besorgen, die auf die riesigen schwarzen Löcher, für die zu keiner Zeit chronologische Informationen existiert hatten, aufgebracht wurden.

Aber auch Genies irren sich. Und auch Wissenschaften durchlaufen Erschütterungen und Revolutionen. Der Fehler Scaligers war nicht die Erschaffung der wissenschaftlichen Chronologie, diesen Verdienst macht ihm niemand streitig. Viele der durch ihn entwickelten Methoden müssten heute reanimiert und unter Berücksichtigung neuer chronologischer Informationen weiter verwendet werden. Sein Fehler bestand darin, dass er durch und durch ein Mensch seiner Epoche war, bis ins Innerste durchsetzt von ihrer Moral, ihren Irrtümern, ihrem Denken und den entsprechenden Zielen. Die durch ihn geschaffene Chronologie erwies sich als Träger aller dieser Nachteile und Irrtümer.

Sie ist kein Modell der realen Vergangenheit, sondern nur ein gewisses virtuelles Bild, das dazu dient, unsere Unkenntnis über der Vergangenheit zu verdecken. Sie ist ein Spiegelbild der primitiven Vorstellungen über die Zeitmaßstäbe der Entwicklung der menschlichen Zivilisation. Der Koeffizient der Verzerrung der antiken Geschichte ist ungefähr so groß wie der Fehler, den die Menschheit wahrscheinlich beim Übergang vom Jahr, das vier Mondphasen entspricht, zum um einiges längeren Sonnenjahr gemacht hat. Wir erinnern daran, dass „bei den Chaldäern und bei den Ägyptern das Jahr zu Anfang nicht mehr als ein Monat war“. Warum sollen die zahlreichen europäischen Völker schlechter als die Ägypter und Chaldäer sein?! Wahrscheinlich haben auch sie noch bis kurz vor der gregorianischen Reform die Jahre wie Monate gezählt.

So wie Scaliger sich irrte, als er dachte, dass er das Problem der Quadratur des Kreises gelöst hat, wie er reagierte, wenn man ihn auf Fehler in seinen Ausführungen hinwies (heute ist theoretisch und logisch streng bewiesen, dass dieses Problem keine Lösung besitzt), so irrte er auch, als er dachte, dass man die falschen Vorstellungen der früheren Generationen über die Vergangenheit durch ein paar divinatorische Tricks auf Basis dieser falschen Vorstellungen in Ordnung bringen und dadurch ein widerspruchsfreies chronologisches Modell derselben erstellen könnte. Wie wir auf der Grundlage der Untersuchungen von Isaac Newton wissen, ist die Erstellung eines widerspruchfreien Modells der Vergangenheit auf der Basis so genannter Quellen prinzipiell nicht möglich.





Literatur

Anonym: Scaliger, Enzyklopädisches Wörterbuch, Bd. XXX, Herausgeber: Brockhaus & Efron, St.-Peterburg, 1900, S. 169 (auf Russisch).

Bernays, Jacob: Joseph Justus Scaliger, Berlin, 1855 (Reprint Osnabrück, Otto Zeller, 1965).

Bikerman, E.: Chronologie der antiken Welt, Moskau, 1976 (auf Russisch).

Brockhaus: Petavius, Enzyklopädisches Wörterbuch, Bd. XXIII, Herausgeber: Brockhaus & Efron, St.-Peterburg, 1898, S. 434 (auf Russisch).

Einhard: Das Leben Karls des Großen, in: Historiker der Epoche der Karolinger, Moskau, 1999, S.5-36 (auf Russisch).

Grafton, Antony: Fälscher und Kritiker. Der Betrug in der Wissenschaft, Wagenbach, Berlin, 1991.

Grafton A.: Joseph Scaliger, A study in the History of Classical Scholarship, Vol. I, Textual Criticism and Exegesis, Oxford, 1993.

Grafton A.: Joseph Scaliger, A study in the History of Classical Scholarship, Vol. II, Historical Chronlogy, Oxford, 1993.

Grafton, Antony; Marchand, Suzanne L. (ed.): Proof and persuasion in history, Wesleyan University, Middletown, Conn., 1994.

Grafton, Antony: Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1998 (Original: The Footnote. A Curious History).

Grafton, Antony: Cardanos Kosmos, Die Welten und Werke eines Renaissance-Astrologen. 414 S., Berlin, 1999.

Grafton, Antony: Leon Battista Alberti. Baumeister der Renaissance, Berlin Verlag, Berlin, 2002(Original: Leon Battista Alberti. Master Builder of the Italian Renaissance, 2000).

Ideler, Ludwig: Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie, Berlin, Band 1, 1825, Band 2, 1826.

Mischtschenko, O.: Scaliger, Enzyklopädisches Wörterbuch, Bd. XXX, Herausgeber: Brockhaus & Efron, St.-Peterburg, 1900, S. 168-169 (auf Russisch).

Morison, James Cotter.: Isaac Casaubon; by Mark Pattison. A review of this work on the classical scholar. An article extracted from the Fortnightly Review, 1875., 1875. Octavo. 14 pages.

Müller, Reimar (Hrgb.): Kulturgeschichte der Antike - Band 1: Griechenland, Akademie-Verlag, Berlin, 1977.

NAZELLE L.-J.: ISAAC CASAUBON, SA VIE ET SON TEMPS, 1559-1614. (SLATKIN REPRINT.1897). (ISBN: 3600120130303)

Pattison, Mark: Isaac Casaubon 1559-1614. London: Longmans, Green, and Co., 1875.

Pfister, Christoph: Die Matrix der alten Geschichte. Analyse einer religiösen Geschichtserfindung, Dillum, Fribourg, 2004.

Robinson, George W.: Autobiography of Joseph Scaliger, Cambridge, Harvard University Press, 1927.

Russell, C.W.: Pattinson‘s Life of the classical scholar, Isaac Casaubon. A brief biographical summary with excerpts from the text. An article extracted from the Edinburgh Review, 1876., 33 pages.

Saweljeva I.M. und Poletaev F.I.: Geschichte und Zeit. Auf der Suche nach dem Verlorenen, Die Sprachen der russischen Kultur, Moskau, 1997 (auf Russisch)..

Schedel, H.: La Chronique Universelle. 1493. L’edition de Nurenberg, coloriée et commentée. Taschen, Köln, 2003.

Stryjkowski, Maciej: Chronika polska, litewska, żmudska, ruska. Warszaea, 1845.

Wainstein, O. L.: Westeuropäische mittelalterliche Historiographie, M.-L. Nauka, 1964 (auf Russisch).

Werner, Rudolph: Olympische Spiele in der Antike, Urania, Leipzig-Jena-Berlin, 1975.



Geändert von Eino am 27.Feb.2007 12:08

Scaliger I

27 Feb. 2007 11:33


DIE GESCHICHTE AUF DEM PRÜFSTAND


Eugen Gabowitsch





St.-Peterburg, Verlagshaus "Neva", 472 S., 2005



ISBN: 5-7654-4398-2



erschienen in russischer Sprache (Originaltitel: Istorija pod snakom voprossa)




Autorisierte Übersetzung von Sören Kliem (Dresden)





Kapitel 10: Der geniale Schöpfer der modernen Chronologie: Joseph Justus Scaliger



. Gäbe es keine Chronologie, so müsste man sie erfinden.

. Marx, Karl: Geschichte – Heroin für das Volk.

. Gesammelte Werke, Band 128, S. 27.



Inhalt





Teil 1.

Einleitung

Der Vater der Chronologie: der Wahrsager Scaliger

Scaliger und andere über Scaliger

Diese merkwürdige Autobiographie

Der weise Gelehrte Scaliger (aus Wainstein, S.375-377)

Kritik an und Verherrlichung von Scaliger im Buch von Ideler.


Teil 2.

Scaliger und sein Neuentdecker Fomenko

Moderne Scaligerkunde

Der Weg vom Autodidakten zum Experten

Krieger und Gelehrter

Die Berichtigung des unkorrigierbaren chronologischen Schatzes.


Teil 3.

Chronologiekonstrukteur Scaliger

Mein ergebener Freund Isaac Casaubon

Eine sensationelle „Entdeckung“

Das Rätsel der „alten“ Manuskripte

Schlussfolgerung: Über die Unmöglichkeit des Unmöglichen

Literatur





Teil 1.

Die Historiker erzählen liebend gerne über angebliche sporadische Fälle der Verwendung von Daten ab Christi Geburt im sechsten (Dionysius Exiguus), am Anfang des siebten (angeblich in Papstdokumenten) und von 965 bis 972 (angeblich während der Zeit von Papst Johannes XIII.). Aber die Existenz der Päpste und selbst der katholischen Religion in diesen fernen Zeiten wird von der Geschichtsanalytik in Zweifel gezogen.

Auch die Behauptung der Historiker, dass beginnend mit dem Jahr 1431 unter Papst Eugen IV. in der päpstlichen Kanzlei die reguläre Verwendung der „christlichen“ Jahreszählung begonnen wurde, ist wenig wahrscheinlich. Höchstwahrscheinlich wurden die entsprechenden Dokumente nachträglich geschrieben oder datiert, als das System der Jahreszählung sich wirklich zu verbreiten begann.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass dessen tatsächliches Erscheinen mit der gregorianischen Kalenderreform verbunden ist und dass es nach dieser, die angeblich im Jahr 1582 stattfand, noch sehr lange Zeit gedauert hat (Jahrzehnte), bis die Verwendung dieser Jahreszählung zumindest bei den Katholiken durchgesetzt wurde. Einige westliche Autoren, so z.B. Pfister, zweifeln weiter an der Richtigkeit der Datierung der gregorianischen Kalenderreform und meinen auch, dass unsere Vorstellungen über sie in einer späteren Zeit ausgedacht wurden.

Wenn die Katholiken wirklich Daten u.Z. seit 1431 verwendet hätten, so wäre ihnen sehr bald aufgefallen, dass nicht alle historischen Daten Ereignissen entsprechen, die nach Christi Geburt stattgefunden haben. Das betrifft praktisch alle Ereignisse, die im Alten Testament – dem heiligen Buch der Katholiken – beschrieben sind. Aber die Historiker sind davon überzeugt, dass Daten vor Christi Geburt erst seit 1627 verwendet werden. Daraus folgt, dass entweder die Katholiken im 15., im 16. und selbst im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts das Alte Testament noch nicht kannten (einige deutsche Autoren der Geschichtsanalytik halten dies für möglich) oder dass das System der Jahreszählung ab Christi Geburt bis 1627 praktisch noch nicht verwendet wurde.

Das Vorhandensein solcher Daten in der berühmten „Weltchronik“ von Hartmann Schedel aus dem Jahr 1493 widerspricht scheinbar der zweiten Schlussfolgerung. Aber meine Zweifel bezüglich der richtigen Datierung des Erscheinens dieser „Chronik“ habe ich im vorhergehenden Kapitel dargelegt.



Der Vater der Chronologie: der Wahrsager Scaliger

An den Anfängen der modernen Chronologie stand nicht irgendein unbekannter Scholastiker, sondern ein führender Wissenschaftler vom Endes des 16. und Beginn des 17.Jahrhunderts. Es war Joseph Justus Scaliger (angeblich 1540-1609), der letzte große Vertreter der Renaissance, wie man ihn nach seinem Tod nannte. Scaliger war der Sohn eines anderen berühmten „Humanisten“, des italienischen Arztes, Philologen und Kritikers Julius (Kai Julius) Cäsar della Scala (angeblich 1484-1558). Im Verlauf von einhundert Jahren bestimmten erst der Vater und dann sein Sohn das Denken ihrer Zeitgenossen in Westeuropa.

Der italienische Namenszusatz „della“ ist dem deutschen „von“ gleichwertig und soll auf die adlige Herkunft der Scaligers hinweisen: das Geschlecht der „Scala“ gehörte zu den bedeutendsten Adelsfamilien Italiens. Dieses Geschlecht hat in seiner Zeit Verona regiert. Auf dem Gedenkstein für Scaliger, der an der Stelle seiner Umbettung in Pieterskerk im Jahr 1819 aufgestellt wurde, steht geschrieben, dass er ein Nachkomme der Herrscher von Verona ist. In Wahrheit allerdings standen die Scaligers in keinerlei Beziehung zum Geschlecht der Scala. Sie stammten nach Gerüchten aus einer verarmten Adelsfamilie von Bourdon (nach anderen Informationen kann die Familie aus Bordeaux und hieß italienisch Bordoni). In einem Brief an seinen Freund Casaubon im Jahr 1597 beschwert sich Scaliger darüber, dass viele an seiner adligen Herkunft zweifeln.

Später hat Scaliger Junior behauptet, dass das Märchen über die Abstammung von den Veroner Fürsten habe sein Vater erfunden. Er hat angeblich an seine aristokratische Vergangenheit geglaubt und hat sich immer bemüht, sich entsprechend diesen Vorstellungen zu verhalten. Im Allgemeinen führte das zu Hochmut und Arroganz, aber auch zu hahnenkampfartigen Angriffen auf Gegner.

Der freie Umgang mit der Wahrheit über die eigene Herkunft war die erste, aber bei weitem nicht die letzte Ungenauigkeit in der Geschichte dieser Wissenschaftlerfamilie. Nebenbei gesagt, diese und auch ihre weiteren Erfindungen entsprachen völlig dem Zeitgeist: der Humanismus der Renaissance anerkannte in erster Linie eine extrem humane Einstellung zu allen Umänderungen, die zum eigenen Vorteil gereichten. Scaliger behauptete in seiner Autobiographie, dass weder er noch sein Vater jemals fremde Gedanken wiederholt hätten. Grafton bringt zahlreiche Beispiele des mehr als freien Umgangs mit fremden Texten.

Julius Cäsar Scaliger (Scaliger Senior) „der ein umfangreiches Wissen über die klassische Antike besaß“ [Anonym], lebte angeblich zuerst in Venedig oder Padua ehe er nach Frankreich übersiedelte, wo er die zweite Hälfte seines bewussten Lebens verbrachte. Hier in Frankreich wurde dem über 50jährigen Julius Cäsar sein 10. Sohn Josef Justus geboren, der jüngste der fünf überlebenden. Mit elf wurde er zu einer lateinischen Schule geschickt. Einige Jahre später übernahm sein Vater selber seine Ausbildung. Täglich sollte Josef Justus eine lateinische Rede zum vorgegebenen Thema schreiben. Der Vater tat viel dafür, seinem Sohn eigene Kenntnisse der klassischen und östlichen Sprachen weiterzugeben. Joseph Scaliger, der in den Universitäten von Paris und Bordeaux studierte, beherrschte diese Sprachen mehr oder weniger frei.

Im Alter von 22 Jahren trat Joseph Justus der Reformationskirche bei. Er nahm an zwei Kriegen auf Seiten der Hugenotten teil und flüchtete nach der Bartholomäusnacht nach Genf (dort lebte er bis 1574, wobei er die letzten zwei Jahre eine Professur innehatte). Den Endrest seines Lebens verbrachte er im lutheranischen Leiden, nachdem er letztendlich 1593 schon im für die damalige Zeit recht fortgeschrittenen Alter (heutzutage werden in Deutschland Professoren in der Regel nur bis zu einem Alter von 53 Jahren berufen) eine Professur erhielt. Aber dafür was für eine! Es war der Lehrstuhl des berühmten Lipsius.

Zwischenzeitlich lebte er in verschiedenen Ländern, u.a. in Frankreich, wo er aktiv an theologischen Disputen zwischen Katholiken und Lutheranern teilnahm. Er zeichnete sich durch wissenschaftliche Arroganz und einer Leidenschaft für Dispute aus: „Die Gegner der Reformationskirche konnte er durch ungewöhnlich umfangreiches und fundiertes Wissen einschüchtern und besiegen.“, wie uns ein russischer Autor am Ende des 19. Jahrhunderts mitteilt [Mischtschenko].

Damit endet aber die Verherrlichung der Persönlichkeit des großen Gelehrten und Humanisten durch Mischtschenko noch nicht:

„Seine Biographie als genialer Wissenschaftler und unermüdlicher Kämpfer für Gewissensfreiheit und Freiheit der Forschung ist eng verwoben mit den Ereignissen der Religionskriege, mit den Erfolgen der Wissenschaften und mit den damals die ganze christliche Welt bewegenden Fragen von Theologie und Jahreszählung. ... Durch Scaliger befreiten sich die europäischen Wissenschaften von der Bevormundung durch die Wissenschaften der alten Griechen. Die Gelehrtheit von Scaliger ließ das Wissen und die Methoden der Gelehrten Alexandrias weit hinter sich.“

Es wird klar, wie viel Glück die Wissenschaft der Chronologie hatte, dass an ihren Anfängen so ein großartiger und vielseitiger Mensch stand. Denn genau er hat sie zu einer wissenschaftlichen Disziplin (selbstverständlich nach den Vorstellungen dieser Zeit) gemacht. Er führte auch die bis dahin fehlende Systematik ein. Nebenbei gesagt sollte man nicht vergessen, dass auch große Leute manchmal schummeln oder sich zumindest irren, besonders wenn sie eine wissenschaftliche Arroganz besitzen. Schon gar nicht davon zu sprechen, dass wir alle mal Fehler machen...

„Er war der Erfinder der wissenschaftlichen Chronologie, er verjagte den Nebel aus Vorurteilen und scholastischen Winkelzügen aus den historischen Wissenschaften. Er zeigte die Überlegenheit von vorurteilsfreien genauen Untersuchungen. Der Einfluss Scaligers erstreckte sich weit über die Grenzen Frankreichs und Hollands hinaus; seine wissenschaftliche Autorität wurde überall anerkannt. [...] Seine Fähigkeiten, seine wundersamen Kenntnisse der Sprachen, der Geschichte vieler westlicher und östlicher Völker, aber auch seine mathematischen, astronomischen und theologischen Kenntnisse traten in ihrer ganzen Pracht in seinem Werk „Korrektur der Zeit“ («De emendatione temporum», 1593; die beste Ausgabe: Genf, 1609) hervor. Im „Hort der Zeit“ (Thesaurus temporum, Leiden, 1606; zweite Ausgabe: Amsterdam, 1629) vervollständigte er diese Arbeit und brachte Korrekturen an. [...] Vor Scaliger herrschten nahezu ausschließlich mittelalterliche Methoden der Zeitrechnung nach den Kalendern der Heiligen und dem Kirchenkalender, die sehr unvollkommen und nicht verlässlich waren. Fast die gesamte Chronologie besaß die ausschließliche Aufgabe, die Daten für Ostern, Pfingsten u.s.w. zu bestimmen. Die Zeitrechnung bezog sich auf einige wenige Ereignisse in der Vergangenheit.“ [Anonym]

Ich habe dieses ausführliche Zitat gebracht, um zu zeigen, wie hoch der Beitrag von Scaliger-Junior zur Schaffung der modernen Chronologie noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingeschätzt wurde und wie man den Zustand dieser Wissenschaft vor ihm charakterisierte. Aber auch die Details über den Zustand der Chronologie vor Scaliger sind hochinteressant.

„Zur Grundlage der Chronologie machte Scaliger die chronologischen Aufsätze von Eusebius, seines Vorgängers Julius Africanus und seiner Nachfolger Hieronymus und Idacius. Alle diese Arbeiten schließen an die astronomischen und chronologischen Forschungen der Gelehrten Alexandrias an. Nach den Texten der alten Chronologen, deren Wiederherstellung ein Wunder divinatorischer Kritik waren, ließ Scaliger die „Bemerkungen zur Chronik von Eusebius“ folgen: hier werden alle Mittel der wissenschaftlichen Analyse der gegenseitigen Beziehungen der Völker des Altertums vorgestellt, und die biblische Geschichte wird auf Basis zahlreicher Quellen beleuchtet. Den „Bemerkungen“ folgte eine systematische Darlegung der Grundlagen der Chronologie mit Berechnungstabellen, bestätigenden Dokumenten und ähnlichem. Durch die Kraft der Eingebung (beide Hervorhebungen durch mich - E.G.) und auf Basis genauen Wissens hat Scaliger das Zeitgerüst der Weltgeschichte errichtet. Er ordnete ihr Material den Völkern zu, verteilte Ereignisse auf Perioden vom Beginn des assyrischen Reiches bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts u.Z.“ [Mischtschenko]

Hinter dieser Lobeshymne steht eine – möglicherweise unbewusste - Kritik, die sich in ihrem ganzen Ausmaß nur den heutigen Chronologieskeptikern erschließt. Das aus der Mode gekommene Adjektiv „divinatorisch“ (durch Einbildungskraft, durch Vorhersehen zukünftiger Ereignisse, durch Vermutungen, göttlich) spricht für sich. Durch die Verwendung in der seltsamen Kombination mit dem Substantiv „Kritik“ spricht Mischtschenko offen darüber, dass Scaliger die Chronologie auf der Grundlage von Annahmen, Vermutungen und künstlichen Konstrukten, und nicht auf der Basis genauer historischer Informationen erstellt hat. Genauer werden wir über die wundervollen Vermutungen und die reiche Einbildungskraft von Scaliger weiter unten sprechen.



Scaliger und andere über Scaliger

Nebenbei gesagt, mit der Erschaffung der Chronologie und der Wiederherstellung der historischen Quellen durch die Kraft der Eingebung endet die Liste der Verdienste von Scaliger für die Geschichte noch nicht. 1606 gab er den Aufsatz „Über Münzen“ heraus, in dem „er die Wichtigkeit der Münzen für die historischen Wissenschaften herausarbeitete“ [Anonym]. Es ist auch wichtig, auf folgendes interessante Detail hinzuweisen: trotz der durch niemanden bestrittenen Rolle (die allerdings unseren zeitgenössischen Historiker völlig unbekannt ist) des Begründers der Chronologie der Weltgeschichte, sind seine Werke – auch die wichtigsten davon – in keine moderne Sprache übersetzt worden.

Die einzige Ausnahme bilden hier seine Autobiographie und einzelne Briefe. Der größte Teil der Autobiographie wurde 1873 in die französische Sprache übersetzt. Die Briefe von Scaliger wurden im Jahr nach seinem Tod veröffentlicht. Ihre vollständigste Ausgabe erschien 1627 und wurde im Jahr darauf erneut verlegt. In den nächsten zwei Jahrhunderten wurden in verschiedenen Ausgaben die Briefe veröffentlicht, die nicht Bestandteil der ersten Kollektion waren.

Natürlich müssen Leute, die sich für die Grundlagen der Chronologie interessieren, Sprachen kennen. Dazu zählt selbstverständlich auch die heute tote Sprache Latein, in der Scaliger hauptsächlich schrieb. Aber auch die „römischen“ Klassiker sollte man besser im „Original“ lesen. Aber praktisch alle führenden Autoren des „antiken“ Roms und auch des Mittelalters, die auf lateinisch schrieben, sind in alle großen Sprachen der Welt übersetzt worden. So kann sie ein gebildeter Mensch lesen, selbst wenn er des Lateinischen nicht mächtig ist.

Aber unseren Scaliger liest besser niemand! Interessant, warum wohl? Vielleicht entstehen durch das Lesen seiner Arbeiten beim Leser zu viele „unrichtige“ Vorstellungen über die Anfänge dieser Wissenschaft. Vielleicht beginnt der Leser an der Stichhaltigkeit der Erörterungen und Resultate unseres großen Chronografen zu zweifeln. Oder er bemerkt mit Erstaunen, dass in der Mehrzahl der Fälle Erörterungen und kritische Analysen der historischen Daten bei Scaliger komplett fehlen und er nur Hinweise auf durch ihn divinatorisch korrigierte „antike“ Autoren, d.h. Autoritäten findet.

Interessanterweise findet man im Buch „Die Geschichte der Kultur der westeuropäischen Staaten in der Renaissance“, das unter der Redaktion von L.M. Bragina verfasst wurde, keinen einzigen Hinweis auf Scaliger. Dieses Buch ist durch das entsprechende Ministerium als Lehrbuch für Hochschulstudenten in Geisteswissenschaften zugelassen worden. Obwohl es im Kapitel „Die Kultur Frankreichs vom Ende des 15. bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts“ einen Abschnitt „Die Entstehung der Geschichte“ gibt, findet man dort über ihn kein Wort. Ach ja, zu dieser Zeit war Scaliger schon nach Leiden übergesiedelt. Aber er wird weder im entsprechenden Kapitel über den Humanismus in den Niederlanden noch im Abschnitt über Justus Lipsius und in den Kapiteln „Wissenschaft“ und „Literatur“ erwähnt.

Dieses totale Verschweigen eines genialen Gelehrten, des Gründers einer ganzen Reihe von neuen wissenschaftlichen Disziplinen und des glänzendsten Humanisten seiner Epoche spricht Bände. Nebenbei gesagt, beim Vergleich dieses Buches mit dem Buch von Wainstein fiel mir auf, dass praktisch alle Hinweise auf die Aufdeckung historischer Fälschungen im Buch von Bragina fehlen, während das Buch von Wainstein damit gespickt ist. Dieses Thema wird aktiv verschwiegen. Eine Ausnahme bildet ein kurzer Hinweis auf die Chronik des polnischen Autors M. Stryjkowski (1582), in dem gesagt wird, dass auf Grund von historischer Unkenntnis die blühende Phantasie des Autors Eingang in die Chronik fand (ich sehe überhaupt keinen Grund, dies nur Stryjkowski vorzuwerfen: War das nicht charakteristisch für alle historischen Arbeiten des Humanismus?). Ist nicht diese schreiende Art des Verschweigens von Scaliger eine spezifische – und völlig hilflose – Form der ideologischen Reaktion auf die Entstehung der Neuen Chronologie in Russland.

Autoren, die auf lateinisch geschrieben haben, werden natürlich auch in die russische Sprache übersetzt. Vor kurzem erschien „Das Leben Karl des Großen“ von seinem angeblichen Zeitgenossen Einhard (Einhard, sage mal, hat man Karl schon zu Lebzeiten den Großen genannt?) unter der allgemeinen Überschrift „Historiker der Epoche der Karolinger“ zusammen mit einigen recht zweifelhaften historischen Arbeiten (Moskau, 1999). Zweifelhaft sind sie in dem Sinne, dass die durch sie beschriebene Epoche aller Wahrscheinlichkeit nach genauso wenig existiert hat (die erfundene Epoche der Karolinger) wie die „Historiker“, denen die übersetzten Chroniken zugeschrieben wurden.

Aber was ist mit den Arbeiten von Scaliger? Er hat doch wenigstens mal irgendwann real existiert! Kürzlich wurde auch die „Methode des leichten Verstehens der Geschichte“ (Moskau, Nauka, 2000) von Jean Boden (angeblich 1539 – 1596) auf Russisch übersetzt. Dessen Beitrag zur Schaffung der Chronologie ist eindeutig kleiner als der von Scaliger. Schauen wir, ob man in den nächsten Jahren wenigstens die grundlegenden chronologischen Arbeiten von Scaliger übersetzt.



Diese merkwürdige Autobiographie

Die Biographie von Scaliger war wenigstens seinen Zeitgenossen und den nachfolgenden Generationen bekannt. Er hinterließ eine kurze aber sehr informative Autobiographie (siehe [Scaliger3]). Sie umfasst allerdings nicht die letzten 15 Jahre seines Lebens. Weiterhin sind sein Testament und zwei Reden von Schülern und Kollegen, die auf seiner Beerdigung verlesen wurden, bekannt. Diese Texte existierten allerdings auch hunderte von Jahren nur auf lateinisch. Erstmalig wurde ihre englische Übersetzung 1927 in [Robinson] veröffentlicht.

Im Vorwort zu diesem Buch wird Scaliger durch den Herausgeber und Übersetzer George Robinson zum größten Gelehrten aller Zeiten erklärt und die Frage gestellt, ob er diesen Titel mit Aristoteles teilen soll oder nicht. In jedem Fall, so unterstreicht Robinson, kann keiner der Gelehrten der Neuzeit (eine Definition dieses Begriffs wird nicht gegeben, aber es scheint um die letzten fünf bis sechs Jahrhunderte zu gehen) mit ihm konkurrieren. Der Phönix von Europa, der Leuchtstrahl der Welt, der unendliche Ozean der Wissenschaft, der Allwissende, der unermüdliche Verfasser von Briefen, das höchste Werk und Wunder der Natur, der Sieger über die Zeit – das sind einige der Attribute und Charakteristiken, mit denen man Scaliger zu Lebzeiten und nach dem Tode ausgezeichnet hat.

Robinson versucht zu erklären, warum sich trotz allem – bis zum Erscheinen seines eigenen Buches mit der Autobiographie – niemand ernsthaft an die Aufgabe gemacht hat, eine ausführliche Biographie dieses großen Gelehrten zu verfassen. Er stellt die Behauptung auf, dass solch einer Aufgabe nur ein zweiter Scaliger gewachsen sei. Marc Pattison versuchte, diese grandiose Idee in die Tat umzusetzen, indem er eine ausführliche Betrachtung des Buches [Bernays] verfasste. Leider starb Pattison, bevor er die begonnene Sache zu Ende führen konnte. Robinson ist der Meinung, dass diese Aufgabe kaum vollständig umsetzbar ist, und so können wir uns glücklich schätzen, dass uns wenigstens das relativ kleine Buch von Bernays einen Eindruck vom Leben und Wirken Scaligers vermittelt. Robinson zählt auch eine Reihe von Aufsätzen über Scaliger auf, die in Enzyklopädien und speziellen Sammelbänden veröffentlicht sind.

Ganz bescheiden hat Scaliger seine Autobiographie 15 Jahre vor seinem Tod verfasst (in weiser Voraussicht, dass nach seinem Tod niemand mit dieser Aufgabe fertig werden würde). Er veröffentlichte sie 1594, genau in dem Jahr, in dem er die Leitung des Lehrstuhls in Leiden übernahm. Vor Robinson stand die schwierige Aufgabe, aus der großen Zahl der Briefe Scaligers die auszuwählen, die seinen letzten Lebensabschnitt am besten charakterisieren.

Bücher über Scaliger gibt es nur wenige. Das ist umso mehr verwunderlich, als wir es mit einer Persönlichkeit zu tun haben, die Spuren in der Geschichte hinterlassen hat, die man ohne weiteres mit denen Martin Luthers oder Erasmus von Rotterdam vergleichen kann. Letztendlich beherrscht die Religion, die letztere erschufen (Evangelismus, Protestantismus, Lutheranertum) nur ein paar Millionen Menschen. Aber die traditionelle Chronologie, deren rein religiöser Charakter den Vergleich Scaligers mit den Gründern einer der christlichen Religionen rechtfertigt, ist heute Pflicht für alle sechs Milliarden Bewohner unseres Planeten.

Das erste Buch über Scaliger, seine Biographie [Bernays], ist zur Hälfte auf Latein geschrieben. Die zweite Hälfte besteht aus einer Reihe von Zitaten aus seinen Werken und Briefen mit kurzen deutschen Erläuterungen. Das Buch wurde auf der Grundlage von sehr begrenztem biographischem Faktenmaterial verfasst, wie man aus der Einleitung, die in Form eines Briefes an seinen Lehrer, einen Professor in Bonn, geschrieben ist, schließen kann. Der handschriftliche Nachlass von Scaliger wurde über viele Bibliotheken verstreut, obwohl viele seiner Briefe veröffentlicht wurden. Aber das wichtigste ist, wie der Autor Bernays meint, dass aus unerfindlichen Gründen das vorliegende Material vollkommen unterschätzt wurde (d.h. niemand hat Bücher über Scaliger auf Grundlage dieses Materials geschrieben).

Das ist diesem Autor auch deshalb so unverständlich, als er die Persönlichkeit Scaligers äußerst hoch einschätzt. Allerdings sieht er ihn als großen Schriftsteller und nicht als Historiker (In der Mitte des 19. Jahrhunderts betrachtete man die Geschichte – und das völlig zu Recht – noch als Teil der Literatur, als ihr spezifisches Genre. Erst im 20. Jahrhundert versuchten die Historiker, sich als Vertreter einer gewissen „historischen Wissenschaft“ zu etablieren.). Er schreibt über ihn folgendes: „Niemand hätte größere Aufmerksamkeit seitens der modernen deutschen Philologie verdient!“

Literatur über Scaliger auf Russisch ist so selten, dass ich mir das Vergnügen nicht entgehen lassen konnte, die Scaliger gewidmeten Seiten aus [Wainstein] vollständig zu zitieren. Seine Einschätzung passt vollständig zu der absolut positiven Sichtweise – die allerdings in der neuesten Zeit nicht mehr so großartig zur Schau gestellt wird - der Tätigkeit Scaligers im Rahmen der traditionellen Geschichte. In dieser Hinsicht stimmt sie vollständig mit dem Buch von Bernays überein, obwohl Wainstein über dieses Buch im Rahmen der Informationen über Scaliger als Fußnote folgendes vermerkt:

„In diesem hervorragenden Buch werden allerdings die Verdienste der italienischen Humanisten über alle Maßen herabgewürdigt. Fälschlicherweise wird Valla als „Einzelgänger“, der keine Nachfolger hatte, betrachtet. Die Verdienste von Scaligers Kontrahenten und Vorgänger auf dem Lehrstuhl der Universität von Leiden Justus Lipsius (1547-1606) werden deutlich unterbewertet.“

Nebenbei gesagt, teilt Wainstein nichts Konkretes über diese Verdienste mit. Augenscheinlich lagen sie nicht im Bereich der Historiographie sondern eher in der Philologie, der Philosophie und im politischen Denken, obwohl dieser bekannteste holländische Humanist nach Erasmus (angeblich 1547-1606) auch Professor für Geschichte in Jena (Deutschland), Löwen (heute Belgien, in der damaligen Zeit dank der 1425 gegründeten katholischen Universität das geistige Zentrum der Niederlande), Leiden (Holland, an der durch Wilhelm von Oranien 1575 gegründeten protestantischen Universität) und am Ende seines Lebens erneut in Löwen war. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass Lipsius, der in die Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen hineingezogen wurde, mehrmals seine eigene Konfession ändern musste. Seine wichtigste geistige Waffe waren seine hervorragenden Kenntnisse der „antiken“ Literatur und der lateinischen Stilistik. Zeitgenossen, die seinen Stil nachahmten, nannten sich stolz Lipsiusisten. Seine Ausgaben der Werke der lateinischen Autoren von Tacitius bis Seneca nennt man epochal. In der politischen Philosophie gilt er als der Begründer der Idee des Absolutismus. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass man Scaliger, der den Lehrstuhl von Lipsius in Leiden übernahm, als dieser in die damals berühmtere Universität von Löwen zurückkehrte, als Gegner des berühmten Niederländers betrachtete. Persönlich sind sie sich nie begegnet, obwohl Leiden und Löwen nicht sehr weit voneinander entfernt sind. Aber im Verlaufe von 30 Jahren, bis zum Tode von Lipsius, standen sie im Briefwechsel.



Der weise Gelehrte Scaliger (aus Wainstein, S.375-377)

Die Gründlichkeit der kritischen Methoden, die Reichhaltigkeit der verwendeten Quellen, das wissenschaftliche und vergleichsweise vollständige Bild der frühen Geschichtsperioden Frankreichs – das sind Merkmale der Untersuchungen von Fauchet und Pakee, den Vorläufern der komplett neuartigen Arbeiten des glänzendsten Vertreters der französischen Wissenskultur des 16. Jahrhunderts – Scaliger.

Joseph Justus Scaliger (Lescale, 1540 – 1609) wurde in der Familie des italienischen Humanisten und herausragenden Philologen Julius Cäsar Scaliger, der im Jahr 1528 in Frankreich eingebürgert wurde, in der Stadt Agen geboren. Nach der Beendigung der Hochschule in Bordeaux beschäftige sich Josef Justus mit großem Erfolg mit der Untersuchung und der Kommentierung römischer Autoren, speziell von Poeten. Scaliger erreichte dank seiner hervorragenden Kenntnisse der antiken Sprachen und der staunenswerte Gabe der Divination (!!! – E.G.) Ergebnisse in der philologischen Kritik, die die Errungenschaften aller seiner italienischen Vorgänger in den Schatten stellte. Seine Arbeiten zur der Korrektur von Texten, seine Kommentare zu einer Reihe von römischen Lyriker (Varro, Festus u.a.) zählten zu den beispielhaftesten seiner Zeit. Ihre wissenschaftliche Bedeutung behielten sie, entsprechend der Expertise von J. Bernays, auch im 19. Jahrhundert. Völlig zu Recht zählt man ihn zu den Gründervätern der neuen klassischen Philologie.

Was die historischen Wissenschaften angeht, so hat er hier durch die Schaffung zweier historischer Hilfswissenschaften – der Chronologie und der Metrologie - völlig neue Wege eröffnet. Weiterhin erkannte er als einer der ersten die Wichtigkeit der Numismatik für die Geschichtswissenschaften („De re nummaria“, Leyden, 1606).

Die Entstehung der wissenschaftlichen Chronologie ist eines der stärksten und überzeugendsten Beispiele der engen Verbindung von aktuellen gesellschaftspolitischen Interessen selbst mit solchen Wissensbereichen, die auf den ersten Blick völlig losgelöst von der Gegenwart erscheinen.

Zu dieser Zeit erschien das erste Werk von Scaliger, mit dem er die Grundlagen der erwähnten historischen Hilfswissenschaften legte – „Korrektur der Chronologie“ („De emendatione temporum“, 1583). Die Probleme der Chronologie erlangten eine wichtige Bedeutung im ideologischen und politischen Kampf zwischen den Kräften der Reformation und denen der katholischen Reaktion. Papst Gregor XIII. veranlasste auf Vorschlag des Mathematikers und Astronomen Aloisius Lilius, der auf grobe Fehler im julianischen Kalender hingewiesen hatte (Ganz so einfach war das alles aber dann doch nicht! – E.G.), am 4. Oktober 1582 die Einführung des neuen (gregorianischen) Kalenders, der für das 16. Jahrhundert alle Daten um 11 Tage nach vorn verschob. Die Protestanten sahen in dieser Neuerung den Ausdruck des Anspruchs des Papstes auf die Führung der „gesamten christlichen Welt“ und bewahrten dem alten Stil ihre Treue. Die Wellen schlugen besonders hoch, als Heinrich III. in einem speziellen Edikt seine Untertanen dazu aufforderte, sich an den neuen Stil zu halten. Unter diesen Bedingungen wurde die Arbeit von Scaliger, in der er die Berechnungen von Lilius durch wissenschaftliche Argumente zu widerlegen versuchte, besonders enthusiastisch von den Protestanten begrüßt. Die Einwände des protestantischen Gelehrten gegen den neuen Kalender waren falsch, aber trotzdem hatte die „Korrektur der Chronologie“ eine große wissenschaftliche Bedeutung. Sie enthielt eine Reihe spezieller Untersuchungen über verschiedene chronologische Systeme beginnend mit der alten Antike. Die Forschungsergebnisse beeindruckten durch Genauigkeit der Analysen und durch das riesengroße Wissen des Autors. Nach den Worten von Bernays „wurde die Chronologie von nun an zum Licht der Geschichte (Lumina historie)“.

1598 wurde die „Korrektur der Chronologie“ in einer radikal überarbeiteten Ausgabe neu herausgegeben. Sie enthielt neue kritische Untersuchungen der biblischen, frühchristilichen (patriotischen) und weiterer kirchlicher Dokumente. Im Prinzip wurde die gesamte römische Kirchentradition einer genauesten Analyse unterzogen. Die römische Kurie hat nicht gestört, dass hier durch bessere wissenschaftliche Methoden als bei Valla endgültig bewiesen wurde, dass die „Konstantinische Schenkung“ und die älteste Sammlung von Papsterlässen (pseudoisidorische Dekretalen) Fälschungen sind. Aber als großer Schlag erwies sich für Rom der Beweis der Fälschung von Dionysius Areopagita, der als historische Begründung für eine Existenz der Kirchenhierachie schon in der alten Antike, des Mönchtums, vieler kirchlicher Bräuche u.s.w., die angeblich seit der Entstehung des Christentums existieren, diente.




Kritik an und Verherrlichung von Scaliger im Buch von Ideler.

Es geht um das Buch [Ideler], das im 19. Jahrhundert das Standardwerk über die Grundlagen der Chronologie war. Im zweiten Band merkt der Autor eine ganze Reihe von Fehlern, die Scaliger gemacht hat, falscher Interpretationen oder Schlussfolgerungen an. Danach schreibt er auf S. 603 folgendes:

„Ich nutze die Gelegenheit (Es geht darum, dass Scaliger übersehen hat, dass in irgendeinem Text die Satzzeichen fehlen. Er verwendet diesen Text dann auch noch in dieser falschen Form und interpretiert ihn dreimal in verschiedenen Büchern bzw. Abschnitten auf unterschiedliche Art und Weise, indem er ihn erst einer, dann einer zweiten und noch einer dritten Schlacht mit verschiedenen Heerführern zuordnet. – E.G.), um kurz auf die chronologischen Arbeiten der zwei Helden dieses Fachs, Scaliger und Petavius, hinzuweisen. Joseph Scaliger schrieb am Ende des 16. Jahrhunderts sein wissenschaftliches Werk „Opus de emendatione temporum“, deren Genfer Ausgabe von 1629 die gelungenste ist. Weiterhin hat er Fragmente der Chronik des Eusebius bearbeitet, die er „Thesaurus temporum“ nannte. Scaliger ergänzte sie durch detaillierte chronologische Untersuchungen, die den Namen „Isagogici chronologiae canones“ (Zweite Auflage: Foliant, Amsterdam, 1658) erhielten. In beiden Werken hat er das Wissen der chronologischen Wissenschaft festgehalten und viele Fragen der Zeitzählung erhellt. Überhaupt war er der erste, der gezeigt hat, wie mit diesem Fach umzugehen ist. Bei all seiner Gelehrtheit und Geistesschärfe trägt er allerdings die Schuld an vielen wesentlichen Fehlern, die seiner blühenden, zu Hypothesen neigenden Phantasie und seinen begrenzten astronomischen Kenntnissen zuzuschreiben sind.“

Weiter führt Ideler aus, dass viele Fehler von Scaliger durch seinen Nachfolger und Kritiker Dionysius Petavius (auch Denis Petau oder Denis Petavius, siehe weiter unten) berichtigt wurden. Dieser stand Scaliger in Geistesschärfe und Gelehrtheit in nichts nach, war aber im Gegensatz zu seinem Vorgänger zur Selbstanalyse und Fehlersuche fähig. Auch hatte er ein deutlich größeres astronomisches Wissen. Nebenbei gesagt, in letzterem sehe ich nicht so sehr ein persönliches Verdienst von Petavius. Es ist vielmehr ein Resultat der gewaltigen Entwicklung der Astronomie am Beginn des 17. Jahrhunderts und der allmählichen Abkehr von der Astrologie, die in der Zeit von Scaliger noch eine führende naturwissenschaftliche Disziplin war.

Wenn man Ideler liest, darf man nicht vergessen, dass er zu 100 % im Rahmen der traditionellen Chronologie gearbeitet hat. Nirgends stellt er die prinzipielle Richtigkeit des gesamten chronologischen Systems in Frage. Es geht bei ihm nicht um die Kritik der Chronologie als künstliches und fantastisches System, das das Modell der Vergangenheit um das Zehnfache verlängert. Es geht nur um Kritik von Fehlern im Rahmen der traditionellen Chronologie. Letzteres im Blick schreibt er schon im Vorwort zu seinem zweibändigen Werk:

„Bei näherer Bekanntschaft mit diesem Genre der Literatur (es geht um die alten Texte, die die astronomischen Beobachtungen der antiken Sterngucker beschreiben – E.G.) konnte ich mich davon überzeugen, dass es ungeachtet einzelner verdienstvoller Werke trotzdem an einer ausführlichen Darstellung fehlt, aus der ein Geschichtsforscher, Philologe oder Astronom, kurz gesagt, jeder gebildete Mensch ein klares Bild über die Zählung der Zeit bei den antiken und neueren Völkern schöpfen könnte, ohne darauf angewiesen zu sein, die Werke von Scaliger, Petavius und der anderen Helden des Fachs zu vergleichen oder sogar selbst die Quellen zu analysieren.“

Beide angeführten Zitate von Ideler demonstrieren klar, dass es für diesen Klassiker der Chronologie des 19. Jahrhunderts selbstverständlich ist, dass Scaliger trotz seiner zahlreichen Fehler an der Wiege der modernen Chronologie der Weltgeschichte stand. Darüber spricht auch E. Bikerman auf S. 80 seines Buches [Bikerman], wo Scaliger und Petavius die Begründer der modernen Chronologie genannt werden. Beim Beschreiben ihrer Methoden spricht er über die durch sie durchgeführten Quervergleiche synchroner Informationen und über die Verwendung von astronomischen Daten. Auf S. 82 unterstreicht er noch einmal, dass „Joseph Scaliger der Begründer der modernen Chronologie als Wissenschaft ist und er versucht hat, das gesamte Werk von Eusebius zu rekonstruieren“.

Über den „Wert“ dieser schöpferischen Herangehensweise und des gesamten Kanons von Eusebius schreibt Bikerman auf S. 82: „Die Datierungen von Eusebius, die in den Handschriften oft falsch wiedergegeben sind, nutzen uns heute recht wenig, außer in den Einzelfällen, in denen wir keine verlässlicheren Informationen haben.“ Er ergänzt noch folgende abfällige Einschätzung des aktuellen Zustandes der Chronologie:

„Wie auch immer, ein moderner „Eusebius“, in dem kenntnisreich die modernen Errungenschaften der angewandten Chronologie zusammengefasst sind, existiert noch nicht. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass es unmöglich ist, anwenderfreundliche (und vor allem wahrheitsgetreue – E.G.) chronologische Tabellen zu erstellen, ohne auf die Tabellen, Listen und anderen Aufzählungen der antiken Gelehrten zurückzugreifen. Diese aber konnten ihrerseits auf Grund der fehlenden Normierung der Zeitrechnung Fehler machen.“

Über die Möglichkeit dieser Fehler sprach ich schon in den beiden vorangegangenen Kapiteln. Auf S.83 schreibt Bikerman:

„Das Fehlen verlässlicher Informationen in den chronologischen Angaben ermöglichte es der sasanidischen Tradition, den zeitlichen Abstand zwischen Alexander von Mazedonien und den Sasaniden von 557 auf 226 Jahre zu verkürzen. Die Judäer geben der persischen Periode ihrer Geschichte auch nur 52 Jahre, obwohl Kirus II. von Alexander von Mazedonien 206 Jahre trennen.“

Lasst uns noch auf den abschließenden Aufruf zur Vorsicht durch E. Bikerman hinweisen:

„Einfach gesagt, jeder der versucht, antike Datierungen in Daten unserer heutigen Zeitrechnung umzurechnen, soll an die einfache juristische Regel erinnert werden: der Käufer soll sich vorsehen.“ (S. 86)

Nebenbei gesagt, auch im in der Serie Studia Historica herausgegebenen Buch „Geschichte und Zeit“, das der Rolle der Geschichte im System der Geisteswissenschaften gewidmet ist, erkennen die Autoren Saweljeva und Poletaev an, dass Scaliger an der Wiege der modernen Chronologie stand. Auf S. 180 schreiben sie:

„Die Begründer der modernen Chronologie sind die französischen Gelehrten Joseph Scaliger (1540-1609), Dionysius Petavius (1583-1652) und G. Cassini (1677-1756). Eine allgemeine Theorie und Geschichte der Chronologie wurden durch den deutschen Gelehrten L. Ideler am Beginn des 19. Jahrhunderts erschaffen (1825-1826). Aus den zahlreichen folgenden Arbeiten in diesem Bereich muss man vor allem die fundamentalen Forschungen eines anderen deutschen Gelehrten – F. Ginzel, die am Anfang des letzten Jahrhunderts veröffentlicht wurden (1906-1914), hervorheben. (...)

Nebenbei gesagt, die Erörterung der mit der Datierung historischer Ereignisse verbundenen Probleme geht über den Rahmen unserer Arbeit hinaus. Sie ist Gegenstand zahlreicher spezieller Untersuchungen. Unsere Aufgaben sehen wir vor allem in der Analyse der bekanntesten chronologischen Systeme, die als Grundlage der historischen Zeit dienen, und der Herausarbeitung allgemeiner Prinzipien ihres Aufbaus.“


Die Geschichte der Chronologie hat Ideler mehr geschrieben als erarbeitet: zu seiner Zeit gab es schon soviel Literatur, dass es nicht mehr nötig war, sich die Geschichte der Chronologie auszudenken. Es war völlig ausreichend, nicht in den Widersprüchen, um die es im vorliegenden Buch geht, herumzustochern.



Geändert von Eino am 8.Mar.2007 17:32