Die Große Mauer als ein Mythos

Die Große Mauer als ein Mythos: 
Die Errichtungsgeschichte der Chinesischen Mauer und ihre Mythologisierung

(c) Eugen Gabowitsch, veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 6/1999
Zuerst möchten wir feststellen, dass die große chinesische Mauer heute, am Ende des zweiten nachchristlichen Millenniums, wirklich in einer gewissen Form (wenn auch nicht als eine kontinuierlich verlaufene Mauer) existiert. Sie besteht aus einigen in sehr gutem Zustand befindlichen (weil vor kurzem restaurierten) Teilstücken, meist in der Nähe der chinesischen Hauptstadt gelegen. Diese Teilstücke wurden nicht nur in den letzten Jahrzehnten restauriert (oder gebaut?), sondern auch zu einer der größten touristischen Attraktionen der Welt entwickelt. Einige dieser Teilstücke sind bis zu sechzig Kilometer lang.
In einem Lexikon wird die Große Mauer folgendermaßen kurz beschrieben: „Chinesische Mauer (Große Mauer), in N-China errichtete Schutzmauer, erstreckt sich vom chinesischen Turkestan bis zum Pazifik (von Gansu bis zum Golf von Liao-dong); mißt in ihrer Gesamtlänge etwa 6250 km, ab Ende des 3. Jh. errichtet) während der Herrschaft der Mingdyn (1363-1644) in die heutige Form gebracht; Mauerhöhe bis zu 16 m, Breite am Fuß rd. 8m, an der Krone rd. 5 m; besteht aus einem Geröllkern, mit Steinen oder Ziegeln ummauert; besitzt Wachttürme und befestigte Tore. - Von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.“ [1, Bd. 4, S. 253] Über den Zustand der Großen Mauer vor fünfzehn bis dreißig Jahren gibt das Buch [2] einen guten Überblick (s. auch unten).
Weit pathetischer als deutsche beschreiben die Große Mauer die chinesischen Autoren: „Die Große Mauer ist eines der berühmtesten, gigantischsten und großartigsten Weltwunder aus alten Zelten. Sie beginnt an der Mündung des Yalu-Flusses, schlängelt sich wie ein Drachen über hohe Berge, durch unendliche Steppen und ausgedehnte Sandwüsten bis zum Pamir-Plateau.“ [3, S. 13]
Die Chinesen sind überzeugt, dass für Ausländer der Begriff „Große Mauer“ gewöhnlich fast soviel wie
China bedeutet, denn „meistens haben sie in der Grundschule schon im Erdkunde-Buch von dieser
5000 Kilometer langen Mauer als einem Weltwunder gelesen“. Und in einem chinesischen Sprichwort heißt es: „Wer nicht die Große Mauer bestiegen hat, der ist kein rechter Mann. China besuchen ohne Besichtigung dieser Mauer wäre daher bedauernswert.“ [2, S. i].
Genau das habe ich aber bei meiner privaten dreiwöchigen Forschungsreise nach China im April 1999 gemacht, weil m.E. die Besichtigung einiger für Touristen präparierten Abschnitte zur Grundlage für eine freiwillige Selbsttäuschung werden konnte. Für eine längere Reise entlang der - wenn auch nicht der ganzen - Großen Mauer fehlten mir leider Zeit und Mittel. „Vielleicht haben das schon andere vor mir gemacht und die ganze Große Mauer vermessen und beschrieben“, dachte ich und begann nach Zeugen zu suchen, die die Existenz der großen Mauer auch im Sinne der zitierten chinesischen Autoren bezeugen und mit gemessenen Zahlen belegen können. Leider muß ich dem Leser mitteilen, dass ich solche Berichte bisher nicht gefunden habe und inzwischen stark zweifle, ob sie überhaupt existieren.
Wie alt ist die Große Mauer nach Meinung der Historiker und wieweit können wir dabei den Historikern Glauben schenken?

Alle Geschichtsbücher haben die gleiche Gewohnheit: sie beginnen ihre Erzählung in einer so fernen Vergangenheit, dass es sogar einem sehr skeptischen Leser unpassend erscheint, Beweise für die Behauptungen der Historiker zu verlangen. Und da stehen am Anfang sowieso nur sehr stark abgerundete Daten (vor 7.000 Jahren, vor 5.500 Jahren, im Jahr 2500 vor Chr. etc.), dass jedem klar sein sollte, dass es sich hier um keine wissenschaftliche Datierungen, sondern um sehr vage Schätzungen der Historiker handelt (obwohl man auch die Gründe für solche Schätzungen sehr genau und kritisch anschauen sollte).
Und dann werden allmählich immer genauere Daten präsentiert (selbstverständlich auch diese ohne irgendeine Begründung), die praktisch immer den gleichen konventionellen Charakter besitzen. Man verbirgt jedoch die „historischen“ Daten zwischen Legenden, Sagen und weiteren heiteren Geschichten. Am Ende bleiben alle Daten (und auch die Behauptungen der Historiker) so kunstvoll hinter den spannenden Märchen verborgen, dass der Leser schon kaum merkt, wie man ihn aus einer märchenhaf- ten Welt in eine andere virtuelle hineingezogen und diese dann wie die wirkliche Vergangenheit der Menschheit verkauft hat.
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Auch bei der Großen Mauer beginnt man immer mit den uralten Zeiten: „Im 7. Jahrhundert v.Chr. begann man mit dem Bau der Großen Mauer (Anm.: Wurde die schon damals als eine künftige Große Mauer projektiert? Das wohl kaum!) Damals bestanden in China zahlreiche Fürstentümer nebeneinander. Jeder (Anm.: ohne Ausnahmen?!) Fürstenstaat legte zur Verteidigung seines eigenen Territori- ums eine hohe Schutzmauer an. Die Arbeiten zum Ausbau und zur Instandhaltung der Großen Mauer zogen sich dann über mehr als 2000 Jahre hin.“ [3, S. 13]
Also versucht man uns den Gedanken zu suggerieren, dass man schon vor fast 3.000 Jahren mit dem Bau der berühmten chinesischen Großer Mauer (und nicht von irgendwelchen Mauern entlang der lokalen Grenzen oder - höchstwahrscheinlich (wenn überhaupt) - Grenzwällen begonnen hat. Ich sehe hier eine klare Präsentation der mythologisierten Denkweise der heutigen Autoren, die mit dem Mythos der großen Mauer aufgewachsen sind und sich darum gezwungen sehen, immer unter der Berücksichtigung der mythologischen Vorstellungen zu arbeiten.
Man hat kaum wirklich Staatsgrenzen mit Mauern schützen können, weil das einfach unmöglich ist. Keine Mauer schützt ohne die sie verteidigenden großen Garnisonen, und wir wissen, dass man in keinem Staat der Erde ernsthaft damit rechnet, einen angreifenden Feind an der Grenze stoppen zu können und deshalb keine riesigen Heere an allen seinen Grenzen stationiert.
In China war es jedoch in alten Zeiten Sitte, die Staatsgrenze durch Wälle (s. [6 und 7]) zu markieren. Übrigens nicht nur in China: auch in Rußland markierte man die Grenze zwischen den bewaldeten Gebieten und der südlichen Steppe mit langen, aus gefällten Bäumen und Erde gebauten Wällen.
„Bereits im 7. Jh. v.Chr. begann das Königreich Chu mit dem Bau eines Schutzwalls (Also doch noch keiner Mauer!), um sich vor Qi, seinem eroberungslüsternen Nachbarn, zu schützen. In der Zeit der Streitenden Reiche (475-221 v.Chr.) folgten die Königreiche Qin, Zhao und Yan diesem Beispiel und bauten sowohl Schutzmauern an ihren nördlichen Grenzen, um die Einfälle von Nomadenstämmen zu verhindern, als auch Wälle zu ihren jeweiligen Nachbarstaaten. Mit der Eroberung Zhaos und Yans einigte der König von Qin erstmals die Staaten auf chinesischem Territorium und ernannte sich zum Kaiser der Qin-Dynastie. Die Mauern (Gerade noch waren es überwiegend Wälle! Man sieht, dass man unter „Mauern“ ständig „Wälle“ versteht!), mit denen sich die Staaten voreinander geschützt hatten, ließ er abreißen und die im Norden gelegenen Wälle verbinden. Und Qin Shi Huang Di war kein Freund kleiner Projekte. Alles, was er in Auftrag gab, barg den Keim der Gigantomanie.“ [5, S. 15]

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„Die nachfolgende Han-Dynastie schob ihre Grenzen in beispiellosen Eroberungsfeldzügen weit nach Westen und Osten (Lt. [6] ist das eine Projektion der - auch erdachten - römischen Geschichte auf China?), wurde aber immer heftiger von den aus dem Norden einfallenden Xiongnu (Lt. [6] - von Germanen und Slawen!) bedroht. Um die Grenzen zu sichern, wurde die Mauer auf insgesamt fast 10
000 km verlängert (Ist das vielleicht eine verzerrte Informa tion über die Hadrian’s Mauer oder den römischen Limes?). Mit dem Fall der Han-Dynastie verfiel auch die Mauer. Sie verlief nun meist mitten durch das Territorium einzelner Dynastien und stellte keine Grenzbefestigung mehr dar (Und die Xiongnu wollten auch nichts mehr von China?). Erst der Gründer der Ming-Dynastie, Zhu Yuanznang (regierte von 1368 bis 1398), besann sich wieder des alten Bauwerks (Also haben sich die gefährlichen nördlichen Nomaden ca. 1 500 Jahre friedlich verhalten?) und ließ zum Schutz gegen marodierende mongolische Truppen einen neuen Wall (Auch noch keine Mauer?) errichten. Die Arbeiten zogen sich fast 150 Jahre lang hin (Also ist die Große Mauer höchstens ca. 600-150=450 Jahre alt!). Insgesamt maß die Mauer (Oder der Wall?) dann 6350 km und erstreckte sich vom Yalu-Fluß an der Grenze Koreas bis nach Jiayuguan im Westen, ihre durchschnittliche Höhe betrug 7,8 m, das Fundament war im Schnitt 6,5 m breit.“ [5, S. 15]. Interessant: wie wurden diese durchschnittlichen Zahlen für die 6350 km langen Wälle ermittelt?
In Wirklichkeit ist die Situation keinesfalls zu eindeutig. Und das sind auch die chinesischen Autoren gezwungen zu gestehen:
„Gerne redet man auch über die lange Geschichte der Großen Mauer. Gewöhnlich glaubt man (Also weiß man das nicht unbedingt genau!), sie sei unter dem Shi Huang Di, dem ehrgeizigen ersten Kaiser der Qin-Dynastie, im dritten Jahrhundert v. Chr. gebaut worden. Über ihn sind viele Geschichten überliefert, und seine Leistungen und Mängel, über die man sich schon seit 2200 Jahren streitet, stehen teils auch wirklich in Verbindung mit dem Bau der Großen Mauer.
In Wirklichkeit stimmt aber vieles nicht mit den Tatsachen überein, denn die heutige Große Mauer stammt nicht aus den Zeiten des ersten Qin-Kaisers, sondern ist nur etwa 600 Jahre alt (Oder noch viel jünger!), und genau gesagt, sollte man von der Großen Mauer überhaupt nur im Plural reden (Also mehrere Große Mauern? Oder eher mehrere Kleine Mauern?), da Teile der Mauer zwar im 7. Jahrhundert v.Chr. (Es waren Erdwälle!) gebaut worden waren (Bei dieser so gut wie hier begründeten Datie- rung dürfen wir weiterhin skeptisch bleiben), aber in den darauffolgenden Dynastien Dutzende neue Abschnitte dazukamen. Heute sieht man zum Beispiel noch Überreste einer Mauer, die im Jahre 555 v. Chr. (Allmählich kommen „genauere“ Daten vor, aber wieder ohne jegliche Begründung) vom Staate Chi in der jetzigen Provinz Shandong angelegt wurde, und wenn man alle Mauern der verschiedenen Dynastien zusammenrechnet, so würde sich eine Gesamtlänge von 50 000 Kilometern (Und kein weiterer Kilometer mehr? Wie schade!) ergeben, und allein die in der heutigen Inneren Mongolei (Mitten in den mongolischen Steppen? Wozu eigentlich?) entstandenen Mauern würden zusammen 15.000 Kilometer lang sein.“ [2, S. i]

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Diese 50.000 km erinnern mich an die folgende Zählung der Erdbevölkerung: wenn man alle Leute, die die Erde in den letzten 3.000 Jahren bewohnt haben, zusammenzählt, bekommt man 30 Milliarden Menschen. Und wie bringt uns das weiter? Die meisten sind doch schon längst gestorben! Aber diese Art der Mythenbildung ist sehr beliebt:
„Den historischen Aufzeichnungen zufolge haben über 20 Fürstentümer und Dynastien zum Bau und Ausbau der Großen Mauer beigetragen. Wenn man alle Mauern verschiedener Dynastien zusammenrechnet, so würde sich eine Gesamtlänge von 108000 Li ergeben.“ [3, S. 13] Also doch etwas über 50 000 km oder 100 000 Li! Wer kann mehr anbieten?
Wir wollen versuchen, eine viel natürlichere Schilderungs-Reihenfolge als in allen Büchern zur Geschichte zu realisieren: nicht aus der grauen Vergangenheit in großen Sprüngen (wie die oben erwähnten 1500 Jahre) schnell in unsere Zeit, sondern möglichst langsam aus der Gegenwart in die Vergangenheit. Wären alle Geschichtsbücher so geschrieben worden, hätten wir viel bessere Möglichkeiten ge- habt, die einzelnen Schritte der Historiker zu überprüfen und zu verifizieren.
Wir merken dabei schnell, dass sogar bei so einem gigantischen Bauwerk, wie die Große Mauer, die Quellenlage keinen optimistischen Vorstellungen entspricht und keine lückenhafte Bewegung in die graue Vergangenheit erlaubt. Nun kann man selbstverständlich nicht ausschließen, dass in den chinesischen Quellen noch einiges an interessanten Details zu finden wäre. Solange wir diese Quellen nicht angeschlossen haben und die chinesischen Historiker sich nicht bewegen lassen, die Schilderung von heute bis in die Vergangenheit in nachvollziehbaren Schritten zu unternehmen, bleiben unsere skeptischen Bemerkungen nur Hypothesen (ob man in der Geschichte überhaupt etwas außer Hypothesen produzieren kann, ist eine andere und eher philosophische Frage).
Unser frommer Wunsch wird dem Autor von „The Great Wall“ [8] fremd vorkommen. Obwohl im Rahmen einer Präsentation der alten chinesischen Technologie durch das Institut für Geschichte der Naturwissenschaften unternommen, schildert dieser Artikel die mehr oder weniger bekannten Behauptungen in der historischen Reihenfolge.
Wenn wir bei unserer Vorgehensweise nicht zu weit in die Vergangenheit vorstoßen und die oben erwähnten 450 Jahre nicht ausschöpfen können, dann liegt das an der Tatsache, dass man mit der ersten Vermessung der Großen Mauer erst am Anfang des 18. Jh. begann und alle früheren Hinweise m.E. mit Vorsicht betrachtet werden sollten. Leider war auch die durch die in China tätigen Jesuiten vorgenommene Kartografierung keine besonders genaue und detaillierte.

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Die erste geografische Expedition, die der Kaiser Kangxi zur Vermessung seiner nördlichen Provinzen anordnete, begann 1708 und dauerte etwa ein Jahr. Dabei wurden Gebiete entlang der Großen Mauer (oder der Wallreste und anderer alten militärischen Einrichtungen) durchgeführt. Das Ergebnis dieser Vermessung wurde in Form einer vier Meter langen geografischen Karte dem Kaiser präsentiert. [9,
253-254]. Dabei wurden alle Gebirge, Wasserstraßen, Festungen und Städte entlang der Großen Mauer aufgezeichnet. Kein Wort verliert der Autor von „Cultural Flow Between China and Outside World Throughout History“[9] dabei über die Mauer selbst oder die zahlreichen Türme.
Einzelne Abschnitte der Großen Mauer dienen heute als „Fotomodelle“ für zahlreiche Autoren von zauberhaften einzelnen Bilder und ganzen Bilderbänden. Man sieht in diesen Fotoalben die durch die Berge als eine kilometerlange Schlange kletternde Mauer im Winter unter einer herrlichen dünnen Schneedecke, im Nebel mit märchenhaft hervorragenden Türmen, im Herbst mitten in rotorange gefärbten Bergwäldern, bei Sonnenuntergang und Mondlicht, sowie reichlich illuminierte Mauerabschnitte in der dunklen Nacht.
„Zwar hat die Große Mauer längst ihre militärische Bedeutung verloren, aber sie ist zu einer sehr beliebten Sehenswürdigkeit Chinas geworden. Auf ihrer langen Strecke gibt es viele sehenswerte Mauerabschnitte und Pässe, zu denen in allen vier Jahreszeiten Bewunderer strömen, so zu der Festung Shanhaiguan in der Provinz Hebei, zu der Festung Jiayuguan in der Provinz Gansu, zu der mehr als 50 km nördlich von Beijing entfernten Festung Juyongguan, wie auch zu dem 60 km von Beijing entfernten Badaling-Abschnitt der Großen Mauer. An diesen Stellen wählen sich zahllose Foto-Amateure und Maler ihre schönsten Motive aus.“ [2, S. ii]
Und gerade diese zauberhaften Bilder zwingen uns die folgende Frage zu stellen: „War die Große Mauer in den früheren Zeiten nicht so schön und für Künstler nicht so unheimlich attraktiv? Wieso malten die chinesischen Maler keine mit den heutigen Fotos vergleichbaren Bilder der Großen Mauer?“ Stellten doch für das riesige chinesische Reich die 100 Li (ca. 50 km), die zwischen Peking und der Mauer liegen, keine Entfernung dar.

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Wir blättern im reichlich illustrierten Buch [10] und finden dort zahlreiche wunderschöne Gemälde aus vielen Jahrhunderten, hauptsächlich aus Ming (1368-1644) und Qing (=Tzing, bis 1911) -Dynastien, ja sogar ganze Bilderrollen. Darunter sind auch zahlreiche bergige Landschaften, Mauern und Türme in Peking, Stadttore und andere Befestigungen, aber kein einziges Bild von den Türmen der Großen Mauer oder wenigstens einem kleinen Abschnitt von ihr. Also war die Existenz der Großen Mauer in den vorigen Jahrhunderten keine Selbstverständlichkeit und wir dürfen Fragen zur Geschichte und Chronologie dieses Bauwerks stellen. Insbesondere angesichts des vorhandenen Zweifels an der Richtigkeit der chinesischen Chronologie (s. dazu meine zwei Artikel [6, 7] in „Zeitensprünge“, 1999, Heft 1).
Wann wurden die heute vorhandenen Teilstücke errichtet und in den heutigen Zustand gebracht?

Wann wurden im 20. Jh. die Restaurationsarbeiten begonnen und in welchem Zustand befanden sich die zu restaurierenden Anlagen zu Beginn dieser Arbeiten? Solange die entsprechende Dokumentation nicht vollständig veröffentlicht wird, können sich verschiedene Spekulationen ausbreiten.
Das erste Bild, das mir zu finden gelang (im Buch [15]), wurde nicht von chinesischen Malern gemalt, sondern ist ein englischer Stahlstich aus der Mitte des 19. Jahrhunderts (s. Bild 5). Später habe ich erfahren, dass dieses Bild eine Nachahmung eines bekannten Bildes eines anderen englischen Malers ist, Leutnant Henry William Parish, der Ende des 18. Jh. an einer Expedition in China teilnahm und 1797 in London sehr eindrucksvolle romantische Bilder veröffentlichte. Diese Bilder dienten mehreren Generationen der Europäer als Inspiration für weitere Darstellungen der Großen Mauer. Soll diese Geschichte bedeuten, dass in der Vergangenheit die chinesische Mauer mehr die Europäer, als die Chinesen faszinierte? Und dass diese durch ihre Begeisterung der Entstehung des Mythos vom Großen Mauer beigetragen haben?
Noch einmal über die alten Bilder der Mauer: gut, die alten chinesischen Meister hatten die Große Mauer für sich noch nicht entdeckt. Aber wie war es mit den Fotografen der ersten Hälfte des 20. Jh.? Seit ca. 1880 wurde die Fotografie zu einer industriell unterstützten Tätigkeit, die auch von vielen Journalisten benutzt wurde, die in China arbeiteten. Haben auch sie keine Fotos der Großen Mauer, vor dem zweiten Weltkrieg, geschossen? Ich bin jedem Leser sehr dankbar, der in alten Illustrierten solche Bilder sucht. Zuerst kann ich nur berichten, dass es mir in zahlreichen Büchern über die Chinesische Mauer nicht gelungen ist, alte Fotos zu finden.
Im reichlich illustriertem Buch [2] fand ich nur ein Foto „Die Große Mauer bei Gubeikou vor 30 Jahren“ mit einem Hinweis, dass es sich um ein älteres Bild handelt. Aber auch dieses Bild stammt aus der Mao-Zeit. Und einige Bilder (s. Blätter 9-10 zwischen den S. 10-11) zeigen den angelaufenen Instandsetzungsprozess.

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Im Buch „Rußland, das nie existierte“ (Moskau, St.-Petersburg-Krasnojarsk, 1997), vom bekannten russischen Schriftsteller Aleksander Buschkow, der als russischer Simenon - der Autor der meist- verkauften russischen Kriminalromane - gefeiert wird, wurde die Hypothese geäußert, dass die Große Chinesische Mauer ein Werk des Vorsitzenden Mao Tse-tung sei und vor dem zweitem Weltkrieg hauptsächlich in den Köpfen und nicht in natura existiert habe.
Diese Vermutung wirft die schon gestellte Frage nach dem genauen Ablauf der Restaurierungsarbeiten in der zweiten Hälfte des 20. Jh. wieder auf. Die Informationen darüber sind eher dürftig. Trotzdem haben wir einiges herausgefunden.
„In der Qing-Zeit verlor die Mauer endgültig ihre Bedeutung und verfiel, da sie mitten durch das riesige Reich lief. Erst der Beginn des Tourismuszeitalters verhalf ihr zu einer neuen Funktion als Besuchermagnet und Einnahmequelle. 1957 (Meine Hervorhebung) wurde ein erstes Teilstück bei Badaling restauriert. Mit wachsenden Besucherströmen folgten weitere Restaurierungen bei Mutianyu, Simarai, Jin Shanling, Shanhaiguan etc.“ [5, S. 166] „Von 1966 bis 1976, während der Kulturrevolution, fielen große Teile (Der Großen Mauer) der Zerstörungswut der Roten Garden zum Opfer. Allerdings sorgte die neue Regierung dafür, dass die übereifrigen Revolutionäre die von ihnen angerichteten Schäden wieder beseitigten. So zeigt sich das Bollwerk nach der Restaurierung in mehreren Teilabschnitten wieder in seinem alten Zustand...“ [11, S. 28]
„Wer ein nur wenig touristisches Stück Mauer besuchen will, sollte nach Mutianyu, 70 km nordöstlich der Hauptstadt, fahren. Zum 1986 (Meine Hervorhebung) restaurierten Mauerabschnitt verirrt sich kaum ein Besucher. Mutianyu war ein strategisch wichtiger Stützpunkt zur Verteidigung Pekings. Um zu verhindern, dass Feinde bis zum Fuß des Walls vordringen konnten, wurden noch mehrere kürzere Mauern gebaut, die einige Dutzend bis mehrere hundert Meter lang waren. Atemberaubend ist der Verlauf des Walls, der sich nach Westen hin bis auf einen 1000 m hohen Gipfel zieht.“ [5, S. 167].
Zu noch einem restaurierten Abschnitt locken die chinesischen Reisebücher so: „Etwa 250 km nordöstlich von Peking liegt in einem landschaftlich reizvoll gelegenen Tal das rund 200 000 Einwohner zählende Städtchen Chengde. Den Ausflug kann man leicht in zwei Tagen durchführen. Ein langer Nachmittag und ein langer Vormittag reichen für die Besichtigungen aus. Hin kommt man nach einer gut vierstündigen Zugfahrt durch eine herrliche Berglandschaft. Nicht weniger interessant ist die Fahrt mit dem Bus, und wer die Möglichkeit dazu hat, sollte eine Strecke mit dem Zug und eine mit dem Bus zurücklegen. Wahrend der Busfahrt passiert man nämlich den wohl imposantesten und landschaftlich am schönsten gelegenen Abschnitt der Großen Mauer. Er heißt Jin Shanling (Goldener Bergrücken) und liegt 120 km von der Hauptstadt entfernt im Verwaltungsbezirk Miyun (an der Gren- ze zur Provinz Hebel). Dieser restaurierte Teil (Meine Hervorhebung) der Mauer ist mehr als 20 km lang und kann 100 Wehrtürme vorweisen. Angenehm ist hier das völlige Fehlen jeglichen Touristenrummels...“ [5, S. 193].
Für die Hypothese von der Erbauung der Großen Mauer in der Zeit der kommunistischen Herrschaft in China spricht die propagandistische Rolle, die der Großen Mauer seitens der chinesischen Kommunisten zugeteilt wurde: „In China betrachtet man die Große Mauer als ein Symbol für den unbesiegbaren nationalen Geist (Und so ein Symbol mußte selbstverständlich im Stein verewigt werden!). Seit dem Opiumkrieg von 1840 hat das chinesische Volk unablässig und hartnäckig für seine Freiheit und Unabhängigkeit gekämpft. Als unser Volk in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts durch die Aggression des japanischen Militarismus in eine äußerst gefährliche Lage geriet, stimmte es mit lauter Stimme das kraftvolle ,Marschlied der Freiwilligen’ an: ,Erhebt euch, die ihr nicht als Sklaven leben wollt! Laßt uns mit unserem Fleisch und Blut unsere neue Große Mauer bauen ...’ (Wurde dieser Appell nach der Gründung der Volksrepublik China 1949 als ein Appell zur Errichtung einen riesigen steinernen Mauer in die Tat umgesetzt?) und leistete verbissenen achtjährigen Widerstand, bis die ja panischen Aggressoren aus dem Lande verjagt waren. Im Jahre 1949 wurde in China die hundertjährige Zeitspanne der Aggression und Unterdrückung durch ausländische Mächte beendet, und das chinesische Volk erhob sich im Osten der Welt gleich einer Großen Mauer (Oder um endlich eine Große Mauer nicht nur in den Köpfen, sondern auch rein materialistisch auf dem entsprechenden Gelände zu errichten?).“ [2, S. ii]

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„Der Erhaltung und Erforschung der Großen Mauer schenkt die Regierung der Volksrepublik China größte Aufmerksamkeit. Die Festungen Shanhaiguan und Jiayuguan sowie die Mauerabschnitte bei Badaling wurden zu erstrangigen Objekten unter den staatlich geschützten Kulturdenkmälern erklärt. Im Jahre 1980 (Meine Hervorhebung) berief die chinesische Regierung in der Stadt Hohhot, Innere Mongolei, ein Symposium über die Große Mauer ein, auf dem die teilnehmenden Forscher Dutzende von Abhandlungen über die Erforschung der Großen Mauer vorlegten und viele wichtige Vorschläge zu deren Instandhaltung unterbreiteten (Und worum schweigen die Autoren dieser Zeilen über all das, was schon vor der Kulturrevolution mit der Großen Mauer unternommen wurde? Ist das die neue chinesische political correctness?). Die lokalen Regierungen aller Ebenen haben wichtige Pässe, Festungen und Abschnitte der Großen Mauer zu Schwerpunktobjekten des Kulturdenkmalschutzes in ihren jeweiligen Gebieten erklärt. Sie lassen regelmäßig Inspektionen durchführen, klären die Volksmassen über die Wichtigkeit der Schutzmaßnahmen für die Große Mauer auf und ermuntern sie, sich am Schutz der Mauer eifrig zu beteiligen (Also, um die Mauer zu bauen!). Denn die Große Mauer gehört als ein bewundernswertes Kulturdenkmal nicht nur China allein, sondern auch der ganzen Menschheit.“ [2, S. ii]
Der heutige Zustand der Großen Mauer ist für die Vergangenheit nicht repräsentativ. Wenn man das Buch [2] mit den später erschienenen Büchern [3] und [4] vergleicht, dann sieht man klar, dass in der neuesten Zeit die restaurierten Abschnitte viel öfter präsentiert werden. Dahinter kann durchaus die Absicht stecken, die Große Mauer als ein über Tausende von Kilometern kontinuierlich laufendes und im gut ausgebautem Zustand befindliches Bauwerk zu präsentieren.
Trotzdem, auch aus den wenigen einzelnen Fotos, die die Überreste der nicht restaurierten Abschnitte und Bauten darstellen, wird einem klar, dass mindestens einige Teile der „Mauer“ in Wirklichkeit einzelne verfallene Türme oder Festungen sind, die in keine größere Anlage integriert sind. Noch besser demonstriert es das erste Buch: Verfallene Erdwälle, teilweise aus gestopfter Erde oder aus Schilf, Weidenruten, Kieselsteinen und Sand gebaut, sowie steinerne Mauerreste sind oft kaum als solche zu erkennen (sie unterscheiden sich kaum von natürlichen geologischen Formationen wie Hügel oder Felsen) und demonstrieren keine Zugehörigkeit zu einer größeren Anlage. Alarmrauchhügel, Alarmfeuertürme, Signalwarten, Bergfe stungen stehen voneinander getrennt und werden als solche auf alten Zeichnungen präsentiert, und nicht als Teile einer langen Mauer.

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„Im Jahre 1980 (Also schon nach der Kulturrevolution) hat das Staatliche Amt zum Schutz von antiken Kulturdenkmälern gemeinsam mit dem Kulturministerium eine wissenschaftliche Gruppe zur Er- forschung der Großen Mauer gebildet. Bei der Volkskommune Bakeshiying im Kreis Luanping, Provinz Hebei, entdeckte diese Gruppe einen einige Dutzend Li langen Mauerabschnitt, der äußerst im- posant wirkt und nicht weniger gut erhalten ist als die Badaling Mauer um die Festung Juyongguan bei Beijing. Dieser Abschnitt wurde daher als Zweite Badaling-Mauer bezeichnet. Eigentlich heißt diese Stelle Shalingkou, auch Jinshanling genannt, und bildet einen Teil der Verteidigungsanlage bei Gubeikou.“ [2, S. 40]
Es kann nur bewundert werden, dass so ein schöner Mauerabschnitt, der in keinem unbewohnten Teil Chinas liegt, so lange unbekannt blieb. Da kann ich nur annehmen, dass dieser Abschnitt vor der Mao- Zeit nicht existierte. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass dieser Abschnitt in der Mao-Zeit, aber noch vor der Kulturrevolution - vielleicht auf die Initiative der örtlichen Parteiführung, die sich später mit der eigenen Mauer in Peking geliebt machen wollte - gebaut wurde. Dann begann die Kulturrevolution und die Initiatoren des Mauerbaus wurden umgebracht, bevor sie nach Peking mitteilen konnten, dass auch sie eine Mauer vorweisen können. Aber schauen wir an, wie die Chinesen diesen Fund erklären:
„Anfänglich bestand bei Gubeikou kein Mauerabschnitt, denn zur Zeit der Streitenden Reiche und der Qin- sowie der Han-Dynastie verlief die Große Mauer weit entfernt nördlich von Gubeikou. Erst als im Jahre 555, wahrend der Nördlichen Qi-Dynastie, die mehr als 5000 Li lange Mauerstrecke von Shaanxi bis Shanhaiguan gebaut wurde, entstand auch bei Gubeikov ein Mauerabschnitt. Aber damals war die Mauer ziemlich niedrig und bestand nur aus einem Gemisch von Sand und Kieselsteinen. Es sind daher kaum Überreste erhalten geblieben.“
Also klar, es war nichts, aber gar nichts zu sehen, und darum wußte auch keiner von der Mauer in der Gegend. Aber das erklärt noch nicht, wann der Abschnitt gebaut wurde und warum man eine hohe wissenschaftliche Kommission brauchte, um den Mauerabschnitt zu entdecken (vielleicht wurde das eine Art Übernahme des fertigen Mauerabschnitts, die durch die Kulturrevolution um mehrere Jahre verschoben wurde?). Leider beantworten auch die darauffolgenden Zeilen diese Fragen nicht, wie der Leser sich selbst überzeugen kann:
„Erst in der Ming-Dynastie gewann der Gubeikou-Paß strategische Bedeutung. Damals bildete die Gubeikou-Mauer, ebenso wie die Mauer bei Juyongguan, einen wichtigen Zugang zur Hauptstadt Beijing und wurde von starken Truppenteilen bewacht und abgesperrt. Die neu entdeckte Mauer bei Shalingkou ist ein Teil des Gubeikou-Passes.“ (S. 40). Und kein Wort über die Zeit der Erbauung!
Ich betrachte diesen Fall als einen ziemlich sicheren Beweis für die Bauaktivitäten in der Mao-Zeit, die man nicht mehr als Restaurierungsarbeiten deklarieren kann. Mit gleichem Recht könnte man jedes Haus, das man heute in Köln baut, als die Restaurierung eines „römischen“ Gebäudes deklarieren. Nein, die chinesischen Kommunisten haben die Große Mauer nicht nur restauriert. Sie haben diese Mauer zum großen Teil ganz neu gebaut.
In den Köpfen der Menschen, in ihren Vorstellungen - war sie, in Wirklichkeit jedoch - war sie kaum, zumindest nicht in Form einer sich durch den ganzen chinesischen Norden ziehenden Mauer von tausenden von Kilometern Länge. Es gab Festungen und Türme, es gab Wälle und kurze Mauerabschnitte, vielleicht auch einige etwas längere, aber es existierte keine Große Mauer.
In Frankreich wurde Ende des 19. Jh. sogar ein extra Büchlein veröffentlicht, in dem begründet wurde, warum die Große Mauer nicht nur nicht existiert, sondern auch nie existiert hatte: die Broschüre [12] von l’Abbé Larrieu. Fassen wir in wenigen Worten zusammen, woran man sich in der Frage der vorgeblichen Großen Mauer lt. Larrieu halten muss:
1. Die von Martini und anderen Autoren beschriebene große Mauer existiert nicht nur nicht, sondern hat nie existiert.
2. Es hat einen chinesischen Kaiser gegeben, der die Idee einer großen Mauer hatte, die vom Léaotong beginnen und im Westen der Provinz Kansou enden sollte.
3. Diese Idee ist niemals verwirklicht worden, aber sie erfuhr den Beginn einer Ausführung.
4. Man kann beweisen, dass die Ausführung dieser Idee begonnen wurde, da man auf der gesamten angenommenen Linie der großen Mauer niedrige, quadratische Türme findet, aus Erde oder aus der mit Backsteinen bedeckten Erde, aber in großer Entfernung voneinander gelegen und niemals durch eine Mauer, welcher Art auch immer, miteinander verbunden.5. Dies ist die genaueste Vorstellung, die man sich von der vorgeblichen großen Mauer machen kann!
... Dies ist die vorgebliche große Mauer, auf ihre eigentliche Größe reduziert! ...
Die Chinesen, die der Autor befragte, gaben nur Antwort, die berühmte Ouang-li-tchang-tcheng sei nichts anderes, als eben diese irdene Mauer. Eine angebliche zweite Mauer, die nördlich von Peking beginnen und gen Westen verlaufen soll, ist ebenfalls nur ein flacher irdener Wall. Es gibt daher auch keine diese Mauer bewachenden Soldaten, nur vereinzelte Grüppchen hier und da entlang der Linie.
Im Gegensatz zu Martini und zu den chinesischen Annalen denkt Larrieu, dass die von Tsing-che- hoang-ti geplante Mauer überhaupt nicht und die Türme erst von der Ming-Dynastie erbaut wurden, vor allem weil Marco Polo die Mauer in seinem Reisebericht mit keinem Wort erwähnt. Nun, über Marco Polo wissen wir inzwischen, dass er mit großer Wahrscheinlichkeit nie in China (im heutigen Sinne dieses Wortes) gewesen war. Trotzdem ist die Meinung von l’Abbé Larrieu sehr wichtig, denn hätte er konkrete Beweise für die Existenz der Mauer gefunden, hätte er keinen Bedarf mehr gehabt, sich auf Marco Polo zu stützen.

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Nicht nur in Frankreich herrschten Ende des 19. Jh. Zweifel an der Existenz der Großen Mauer. Der schon erwähnte russischer Schriftstel ler A. Buschkow stützt seine Hypothese auf die Beobachtungen eines russischen Geistlichen Archimandrits P. I. Kafarow (Archimandrit ist ein hoher orthodoxer Geistlicher, der höchste kirchlicher Grad für einen Mönch, Ehrentitel eines langjährigen Klostervorstehers; vermutlich war Kafarow der Leiter eines der großen orthodoxen Kloster). Dieser leitete in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jh. die russische orthodoxe Mission in Peking und interessierte sich für Geschichten und Legenden, die im Zusammenhang mit der Großen Mauer erzählt wurden. Nach Absprache mit mehreren hohen Beamten, die ihm ihre volle Unterstützung versprachen, unternahm Kafarow mehrere lange Reisen, um die Mauer zu besuchen. Vergebens. Er fand nichts, was eine 10.000 Li lange Mauer präsentieren konnte.
Bei Shanchaiguan fand er einen Mauerabschnitt, der einige hundert Meter lang war. Diese Mauer wurde ihm als eine aus der 15. Jh. präsentiert, die ständig erneuert wird. Er fand mehrere Götzentempel und niedrige Feuersignaltürme auf den Hügeln und einige relativ kurze Erdwallabschnitte zwischen den Hügeln, die alten Wachtürme und kleine Befestigungsanlagen, nicht aber eine Anlage, die wie ein Teil der Großen Mauer aussah. Und er stellte fest, dass jeder von der Existenz der Großen Mauer überzeugt war, aber keiner sie je gesehen hatte.
In der Nähe des Flusses Lao-He fand er einen relativ langen Erdwall, mit dem sich die Bewohner nicht vor Mongolen, sondern vor Seeräubern schützten. Aber dieser Wall reichte nicht einmal um zehn Kilometer. Und auch dieser Wallabschnitt hatte nichts mit der aus Stein oder Backstein gebauten Riesen- mauer gemein.
Buschkow glaubt an die Existenz in der Vergangenheit eines langen mit den Weiden bewachsenen Erdwalls in China, der als Weidenwall bezeichnet wurde. Er glaubt, dass die Länge dieses Weidenwalls im Norden Chinas der Entstehung der Legende von einer Großen Mauer beigetragen hat. Über diese Anlage berichten die Chinesen folgendermaßen:
„Immerhin ließ die Qing-Dynastie im Nordosten des Landes sogenannte ,,liutiao bian“ (Weidengürtel) anlegen, um die Nomaden abzuwehren ... Mit ,liutiao bian’ — damals in den heutigen Provinzen Jilin und Liaoning angelegt — bezeichnete man Erdwälle, einen Meter hoch und einen Meter breit, in die man im Abstand von je 1,50 Meter drei Weiden einpflanzte und ihre Zweige mit Seilen zaunartig verband. Nach außen hin wurden diese Wälle zur Verteidigung mit tiefen Gräben versehen. An wichtigen Verkehrswegen waren diese Wälle durch Grenztore mit ständigen Wachtruppen unterbrochen. Solche Schutzwälle dienten zugleich dazu, ein Abgrasen der äußeren Viehweiden, die Jagd und den Raub der kostbaren Ginseng-Pflanzen durch andere Nationalitäten zu verhindern.“ [2, S. 21]
Im Englischen ist diese Anlage als Willow-Palisade (Weidenpalisade) bekannt. In [14] wird die Baugeschichte von Weidenwällen erzählt. Sie wurde im Norden der Mandschurei an der nördlichen sowie nordöstlichen und nordwestlichen Grenze durch die Qing-Dynastie errichtet. Frühere solche Weidenpalisaden wurden schon in der Mitte des 15. Jh. errichtet. Als sie reparaturbedürftig wurden, hat man in der gleichen Region, aber entlang einer anderen Route, neue Erdwälle errichtet und diese mit Weiden bepflanzt. Und vorher? Was haben die ersten Qing-Kaiser mit der Großen Mauer gemacht?
Ming-Kaiser ließen an besonders gefährdeten Stellen doppelte oder sogar dreifache Mauern errichten:
„um das Reich vor den Mongolen-Stämmen zu schützen. Nach dem 17. Jh. n. Chr. ließ man das Werk verfallen, und die Bewohner benachbarter Dörfer benutzten es als bequeme Steinbrüche.“ [14, S. 28]
Während der letzten chinesischen Dynastie Qing (1644-1911) soll die Große Mauer ihre militärische Bedeutung verloren haben, verfiel und wurde nur noch als Objekt der Bewunderung erwähnt. Der erste Teil dieser Behauptung ist äußerst merkwürdig, weil gerade in der Zeit der Qing China zum Erstenmal in ihrer Geschichte einen ebenbürtigen Gegner, in Form des expandierenden russischen Imperiums, fand.
„Während der Qing-Dynastie legte man keine neuen Mauerabschnitte an“ [2, S. 40]. „Die MingDynastie [1368-1644) ist die letzte Dynastie, die Beiträge zum Ausbau der Großen Mauer leistete.“ [3, S. 13]
„Die Mauerabschnitte bei Beijing stammen meistens aus der Ming-Zeit und wurden solid gebaut, denn Beijing war die Hauptstadt der Ming-Dynastie.“ [3, S. 16]. Übrigens blieb auch in der Qing-Zeit die gleiche Stadt Hauptstadt!
Die Mandschuren, die die Qing-Dynastie gründeten, kamen bekanntlich aus dem Nordosten des heutigen Chinas. Die entsprechenden Gebiete lagen außerhalb der Großen Mauer. Im heißen Sommer unter nahmen die Qing-Kaiser oft „Inspektionsreisen“ nach Nordosten, um der feuchten Sommerhitze in der Hauptstadt zu entrinnen und den Vorfahren Opfer zu bringen.
Einmal war der berühmte Kaiser Kangxi auf der Rückreise nach Beijing. Er wollte über den Shanhaiguan nach Beijing zurückkehren, einen wichtigen Paß an der Großen Mauer. An dieser strategisch bedeutsamen Stelle war ein großes Truppenkontingent stationiert, denn es handelte sich um einen der wenigen Zugänge vom Nordosten nach Beijing. „Die Große Mauer (Genauer gesagt, die Festung am Paß, die restlichen Teile der Mauer spielten dabei keine besondere Rolle) blockierte den Weg von Norden nach Süden. Wer nach Beijing wollt, mußte über den Paß.“
Die kaiserliche Eskorte erreichte den Paß Shanhaiguan gegen zehn Uhr nachts. Doch das Tor der Paßfestung war schon verschlossen. Ein Begleiter des Kaisers rief den Wachtposten zu, das Tor zu öffnen. Doch diese weigerten sich und erklärten, dass in der Nacht das Tor verschlossen bleiben muß, das sei eine Bestimmung von ganz oben. „Der Kaiser hat befohlen, dass das Tor bei Nacht verschlossen sein muß. Es ist unsere Pflicht, dem Gebot des Kaisers Folge zu leisten“. „Aber es ist der Kaiser persönlich, der Einlaß verlangt“, erwiderte der Begleiter. Der Wachtmann antwortete: „Es ist so dunkel, da kann jeder sagen, er sei der Kaiser. Ihr wollt uns nur mit einer List dazu bringen, das Tor zu öffnen“.
Und obwohl der Begleiter noch mehrere Male wiederholte, dass er die reine Wahrheit verkünde, wurde das Tor nicht geöffnet. Die Eskorte holte das Reisegepäck aus dem Wagen und schlug im Tordurchgang ein einfaches Lager für den Kaiser auf. „Das Tor wurde pünktlich bei Tagesanbruch geöffnet. Als der Wachtposten den Kaiser und seine Eskorte erblickte, blieb ihm die Luft weg: Es war tatsächlich der Kaiser Kangxi. Alle waren zu Tode erschrocken und beeilten sich, den Kaiser und seine Eskorte zum Yamen (Amtssitz im feudalen China) zu geleiten, während sie sich fortwährend verbeugten und riefen ,Wir bitten den Kaiser, uns unser Vergehen zu vergeben’. Der Kaiser sah sich die Wachtposten an. Einerseits war er empört, andererseits war er hoch erfreut.“ Am Ende hat er alle Soldaten und Offiziere am Paß um einen Rang befördert und jedem hundert silberne Münzen auszuzahlen befohlen [12, S. 97-100]. Für uns ist diese Geschichte, die vermutlich um 1700 stattfand, nur soweit wichtig, dass sie die Behauptung widerlegt, die Große Mauer sei von den Qing-Kaisern sofort nach 1644 aufgegeben worden.
„Nach der Gründung der Qing-Dynastie im Jahr 1644 kam deren zweiter Kaiser Kangxi zu der Einsicht, dass eine weitere Befestigung bzw. ein weiterer Ausbau der Großen Mauer nichts anders als eine Vergeudung von Arbeitskraft und Geld bedeuten würde. Mit der Entwicklung der Schußwaffen hatte die Mauer ihre Funktion als Verteidigungsanlage weitgehend verloren. So wurden die vorher umfangreichen Arbeiten an der Großen Mauer eingestellt.“ [12, S. 7] Aber dafür wurden an der neuen Grenze die Weiden-Palisaden errichtet.
„In der Qing-Zeit wurden manche Teile der alten Mauer als Zollschranke verwendet. Sie dienten auch als Schutz gegen Aufstände, was aber der früheren Nutzung und Bedeutung der alten Mauer nicht mehr gleichkam.“ [2, S. 21]
„Nachdem den Qing das Eindringen ins Innere des Landes gelungen war, bemühten sie sich nicht mehr um den Wiederaufbau der Mauer. Als der Qing-Kaiser Kang Xi eine Inspektionsreise zum Ost- chinesischen Meer unternahm, verfaßte er folgendes Gedicht:

Am Meere endet die Große
Mauer. Von allen gepriesen,
Einst mit unmäßiger Menschenkraft erbaut,
Doch dennoch sind Himmel und Erde nicht dein Eigentum.

So geringschätzig beurteilte Kang Xi die unter dem ersten Qin-Kaiser geschaffene Mauer, denn obwohl für dieses großartige Bauwerk so viele Menschenkräfte aufgewendet worden waren, konnte es dem Qin-Kaiser dennoch nicht gelingen, seinen Staat zu erhalten. Deshalb änderte Kang Xi seine Taktik der Gewaltherrschaft und betrieb eine Versöhnungspolitik, um die obere Schicht der Mongolen und Tibeter für sich zu gewinnen, und versuchte statt durch Mauerbau mittels religiöser Toleranz seine geistige Macht zu behaupten.“ [2, S. 21].
Mit diesem Zitat beenden wir die Betrachtung der Geschichte der Großen Chinesischen Mauer in den etzten 3,5 Jahrhunderten. In einem späteren Artikel werden wir die Ming-Mauer unter die Lupe nehmen und die Technologie der Bauarbeiten bei Errichtung der Erdwälle und Passfestungen in der Ming Zeit erläutern.
Als ich mit diesem Artikel schon fast fertig war, entdeckte ich das Buch [16], in dem ich viele Übereinstimmungen mit meiner oben geschilderten Position feststellte. Der Hauptunterschied zwischen meiner Meinung und der des Buchautors lag selbstverständlich in meinem Zweifel an der Richtigkeit der chinesischen (und nicht nur chinesischen) Chronologie. Ich bin überzeugt, dass die Geschichte Chinas in der Vor- Ming-Zeit märchenhaft und erfunden ist und dass die Geschichte der Ming-Zeit auch nicht frei von erfundenen Kapiteln ist. Für Arthur Waldron, der das Buch aufgrund seiner Harvard-Doktorarbeit und weiterer Recherche geschrieben hat, ist die ganze chinesische Chronologie glaubwürdig und die meisten Quellen auch.
Desto interessanter war für mich zu erfahren, dass er in chinesischen Quellen viel über die Kriege mit nördlichen Nachbarn Chinas, und um die verschiedensten Arten der militärischen Befestigungen nachlesen konnte, aber in keinem dieser Quellen die Bezeichnung „Große Mauer“ gefunden hat. Noch mehr, er fand auch solche Quellen, die der Existenz einer solchen Mauer logisch widersprachen. Und er fand heraus, dass die Politik der Abtrennung Chinas durch Wälle von anderen Völkern in der chinesischen Bevölkerung eine eher ablehnende Reaktion hervorgerufen hatte.
Auch die Hypothese über die Errichtung der Großen Mauer durch die chinesischen Kommunisten unterstützt er durch seine Schilderungen. Arthur Waldron erzählt vom Appell Deng Xiaopings: „Aus Liebe zu unserem Land sollten wir die Große Mauer wiederaufbauen“. Als der neue chinesische Führer im September 1984 die entsprechende Kampagne startete, befand sich das, was man zur Mauer ausbauen wollte, in erbärmlichem Zustand, welchen man in chinesischen Zeitungen weniger der Erosion durch Wind und Wetter zuschrieb, als der Tätigkeit der Kulturrevolutionäre, die gerade die Überreste der Mauer für Straßenbau, Dämme etc. verwendet hatten.
Eigentlich sollte die Große Mauer in ziemlich unumgänglichen Gegenden verlaufen, aus welchen Schutt und Geröll zu den zu bauenden Straßen, Dämmen und weiteren Objekten zu transportieren nicht besonders ratsam wäre. Aber vom politischen Gegner kann man sowieso keine logischen Handlungen erwarten! Das oben beschriebene Beispiel eines vor der Kulturrevolution errichteten Mauerabschnittes, das diese Revolution prächtig überstand, zeigt, dass auch hier versucht wird, die Existenz der Großen Mauer in der nicht besonders fernen Vergangenheit mit List zu behaupten.
Arthur Waldron fand heraus, dass fast keine wissenschaftlichen Untersuchungen über die Große Mauer vorhanden sind. Der Verlauf der Mauer wird auf verschiedenen Karten unterschiedlich gezeichnet. Keine weiß genau, wie viele Kilometer die Mauer und ihre einzelne Abschnitte lang sind, wie viele Türme, Tore, Festungen etc. sie enthält. Arthur Waldron bringt viele unterschiedliche Zahlen (von ca.
1500 Meilen bis zu mehr als 30.000 Meilen), die er in unterschiedlichen sekundären und offiziellen Quellen gefunden hat (vergleiche mit den oben zitierten Angaben zur Länge der Großen Mauer). Eine vollständige Vermessung der Mauer wurde nie unternommen. Sogar die amerikanischen Karten, die aufgrund der Satellitenaufnahmen gemacht wurden, enthalten grobe Fehler (keine Spione im All ersetzen die sorgfältige Feldarbeit!).
Den wenigen ernsthaften Wissenschaftlern, die sich mit der Materie befaßten, wirft Arthur Waldron vor, über die Große Mauer zu schreiben, ohne die Frage ihrer Existenz zu klären oder mindestens zu stellen. Und er kommt zum Schluß, dass die allgemein verbreitete Idee von der großen Mauer, die wir alle aus der populärwissenschaftlichen und sogar wissenschaftlichen Literatur haben, nichts anderes als ein historischer Mythos ist. Dieser Mythos hat wenig zu tun mit reeller Geschichte der Wälle und anderer Befestigungen in der chinesischen Geschichte, und stellt ein sehr vereinfachtes und verallgemeinertes Bild der Realität dar.
Das wirklich Interessante dabei ist es, richtig zu verstehen, für welche Zwecke die Wälle gebaut wurden, wie es geschah und welche Technologie und Technik angewendet wurden. Wir haben schon eini- ges darüber berichtet, werden aber in einem anderen Artikel versuchen, mehr darüber herauszufinden. Hoffentlich wird diese mehr technologisch orientierte Betrachtung zur Entmythologisierung der Großen Mauer (was immer auch unter diesem Begriff heute verstanden wird) beitragen.
Literatur
1. Mayers großes Taschenlexicon in 24 Bändern, B.I.-Taschenbuchverlag, Mannheim-Leipzig-Wien- Zürich, 1995.
2. Luo Zhewen und Zhao Luo, „Chinas Grosse Mauer“, Verlag der fremdsprachigen Literatur, Beijing, 1986.
3. „Die Große Mauer bei Beijing“, Chinesischer Esperanto-Verlag, Beijing, 1996
4. „The great Wall“, Foreign languages press, Beijing, 1997
5. Yipeng Jiao, „Peking und Umgebung“, Reise-Taschenbuch, DuMont Buchverlag, Köln, 1999
6. Gabowitsch, Eugen, „China: Wie entstand und wie richtig ist die Chronologie des Altertums“, Zeitensprünge, 1999, 1, 118-129.
7. Gabowitsch, Eugen, „Überzeugen oder informieren? Noch einmal zu Morosows HYPO-Thesen“, Zeitensprünge, 1999, 1, 130-137.
8. Zhiang Yuhuan, „The Great Wall“, in: „Ancient China’s Technology and Science“, Compiled by the Institute of the History of Natural Sciences, Chinese Academy of Science, second ed., Foreign languages press, Beijing, 1987, pp. 436-444.
9. Shen Fuwel, „Cultural Flow Between China and Outside World Throughout History“, Foreign languages press, Beijing, 1996.
10.„Palastmuseum Peking. Schätze aus der Verbotenen Stadt“ (herausgegeben von Lothar Lederhose unter Mitarbeit von Heribert Butz), Insel Verlag, Frankfurt am Main, 1985.
11.„Länder und Völker. Ostasien“, Verlag Das Beste, Stuttgart-Zürich-Wien, 1991.
12.Larrieu, „La grande muraille de Chine; où il est prouvé que cette muraille telle qu’elle est communément décrite, non seulement n’existe pas, mais même n’a jamais existé“, Paris, 1887 (23 pp.).
13.Liu Wenyuan, „Die Geschichte der Großen Mauer“, Verlag für fremdsprachige Literatur, Beijing, 1996.
14.Richard L. Edmonds, „The WillowPalisade“, Annals of the Association of American Geographers, 1979, V. 69, Heft 4, 599-621.
15.Wolfgang Bauer (Hrgb.), „China und die Fremden. 3000 Jahre Auseinandersetzung in Krieg und Frieden“, C.H.Beck, München, 1980.
16.Arthur Waldron, „The Great Wall of China. From History to Myth“, Cambrige University Press, Cambrige, 1990.

Inder kannten keine Geschichte

Inder kannten keine Geschichte.


Teil 2. Wann und warum schrieb die indische Geschichte?

Eugen Gabowitsch, Karlsruhe

 

(Der Artikel wurde auf der alten Version der Webseite "geschichte-chronologie.de" veröffentlicht)


Indien ist ein Land der ältesten Kulturen der Welt, vielleicht die Wiege der Zivilisation schlechthin. Und das ist – trotz der Behauptungen der Historiker – das Land mit der kürzesten Geschichte unter den wichtigsten Kulturen der Welt (unter der Geschichte verstehe ich nicht die historische Vergangenheit, sondern die geschriebene Berichterstattung über diese und all das, was man auf Grund von geschriebenen und materiellen Zeugnisse über die Vergangenheit streng logisch beweisen kann).

Indien ist das Geburtsland von mindestens zwei wichtigen Religionen (Hinduismus und Buddhismus), die Heimat von originellen philosophischen Systemen und reicher Literatur, das Land von Joga und Tantra, aber Indien ist – bis ins späte Mittelalter - ein Land ohne geschichtlicher Tradition und Chronologie. Darum muss man übrigens sehr skeptisch die heutigen chronologischen Behauptungen der Berufshistoriker zur Kenntnis nehmen.

Für einen traditionellen Historiker klingt diese Behauptung schrecklich, als eine Beleidigung der ganzen historischen Zunft (die fast axiomatisch annimmt, das jede Hochkultur unbedingt auch das historische Bewußtsein im europäischen Sinne früh entwickelte, was für die östlichen Kulturen einfach nicht stimmt). Für mich ist das keine negative Beurteilung einer Hochkultur, die ihre eigene Wege der Entwicklung fand und in ihrer Originalität einige von verlogenen europäischen geistigen Spielchen für unnötig hielt. Es lebe die große indische Kultur, auch wenn sie ohne Chronologie und Geschichtsschreibung im westlichen Sinne auskam!

Wenn wir dabei noch bedenken, wie viel erfunden und gefälscht wurde, um jeder europäischen Ecke eigene tausendjährige Geschichte zu erfinden, dann erscheint die alte orientalische Gleichgültigkeit gegenüber Chronologie, Herrschergenealogie und historischer Aufzeichnungen als eine weise und durchdachte Position: gegen die Macht der Zeit steht der Mensch sowieso auf dem verlorenen Posten.

Schade, dass die heutige herrschende Mentalität (oder eher die Mentalität der Herrschenden) auch im Orient (in Indien wie in China, aber auch in allen anderen Ländern) unter dem westlichen Einfluss dem europäischen Gier nach einer total durchdatierten multitausendjährigen Geschichte mit östlichem Fanatismus verfallen ist. Heute kümmern sich die asiatischen Länder leider mehr um den quasi-historischen "Glanz", als um das Wohlergehen eigener Bevölkerung.

 

Wann wurde die indische Geschichte geschrieben?

Jedenfalls nicht vor der Ankunft der Europäer. Im Kapitel "Indiens Verhältnis zu seiner Geschichte schreibt Wilhelm [7, S. 86] "Das alte Indien hat keine Geschichtswerke hervorgebracht, die die historischen Fakten über längere Zeiträume aufzeichnen [...] Geschichte war für sie mit Legenden vermischt. Anstelle von Annalen haben sie alten Sagen und Epen. Die späte Kaschmirchronik aus dem 12. Jahrhundert nach Christus versteht sich als Kunstdichtung."

Unser Kommentar: Vermutlich ist die indische zivilisatorische Entwicklung viel intensiver gewesen, als die Geschichtler sich das vorstellen. Wie in Europa, sind am Anfang des zweiten nachchristlichen Milleniums alle Völker noch nicht imstande gewesen, die Idee der Geschichte zu entwickeln. Auch die Entwicklung der Sprachen und der Literatur wurde bisher falsch eingeschätzt: die alten Sagen und Epen entstanden, als die Schrift sich noch nicht durchsetzte, also um 1000 n. Chr. nach unseren Vorszellungen.

Auch vor dem Beginn der englischen Eroberung Indiens, wie wir oben gesehen haben, können wir keinesfalls von geschriebenen indischen Geschichte sprechen, obwohl 1500-1750 wichtige Quellen für die neuzeitliche indische Geschichte entstanden sind.

Laut [7], S. 86, "in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann die wissenschaftliche Erforschung des indischen Subkontinents. Die ersten historischen Arbeiten stammen von Angestellten der britischen und französischen Handelsgesellschaften in Indien. Die Engländer gründeten 1784 in Calcutta die Asiatische Gesellschaft, in deren Veröffentlichungen bahnbrechende Untersuchungen unter anderem zur indischen Geschichte, Inschriftenkunde und Numismatik erschienen."

Trotz dieser Anfänge dauerte auch im ganzen 19. Jh. die Suche nach dem historischen Material für die indische Geschichte weiter. Und so lautet die verblüffende Antwort auf den ersten Teil dieser Frage (Also die Frage um WANN): Etwa in der ersten Hälfte des 20. Jh. Wem das wenig plausibel erscheint, sollte sich fragen, welche Bücher zu indischen Geschichte aus der früheren Zeit er kennt, in welchen diese Geschichte etwa in der heutigen Form präsentiert wurde.

Betrachten wir das Buch [8]. Im Kapitel "Das alte Indien" fand ich nur ein Datum: Guatama Buddha soll 486 vor Christus gestorben sein. Noch bescheidener sieht die indische Geschichte im Kapitel "Indien und China. Der Islam", in dem man anstatt der indischen Geschichte die Sanskritliteratur den Lesern präsentiert und kein einziges Datum aus der indischen Geschichte nennt. Und am Ende des Buchs ist die folgernde "sehr ausführliche" chronologische Tabelle der alten indischen Geschichte (bis ca. 1000 n. Chr.) präsentiert:

c. 4000 v. Chr. Höhepunkt der alten Induskultur

nach 2000 Einwanderung arischer Stämme in Indien

nach 1400 Eroberung des Gangeslandes durch die Indoarier. Das Heldenepos.

600 Abschluß der Entstehungszeit der Veden

    1. Guatama Buddha (Das einzige Datum der indischen Geschichte aus dem Text des Buchs wird in zwei unterschiedlichen Varianten gegeben!!!)

Seit 400 Entstehung des Sanskrit

264-227 König Ashoka. Der Buddhismus wird herrschende Religion

350 Entstehung des Brachmanismus. Blüte der Sanskrirliteratur

Schon angesichts der vielen Nullen kann man diese Zahlen kaum als genaue historische Daten betrachten.

Warum wurde die indische Geschichte geschrieben?

Die Frage um WARUM ist leicht zu beantworten: es gab mehrere Gründe. Jede Gruppe der Geschichtler wurde durch andere Beweggründe inspiriert.

Für Engländer war wichtig zu zeigen, wie positiv die englische Herrschafft für Indien war. Ihr habt mehrere Staaten gehabt, wir haben euch die Vereinigung beschert. Ihr habt keine gute Armee gehabt, wir haben euch gezeigt, wie man Kriege führt und gewinnt. Ihr hat keine besondere Infrastruktur beschaffen, wir bauten Straßen und Festungen, Hafen und Eisenbahnen.

Für die Geschichtler im alten Europa war es wichtig zu zeigen, dass auch in anderen Teilen der Welt eine alte Geschichte existiert. Dann, dachten sie, wird man auch ihnen das Märchen vom 2,5-tausend Jahre langer europäischen Geschichte abnehmen.

Ganz besondere Situation entstand für die junge indische europäisierte Wissenschaft. Wie man im Krieg die gegnerische Taktik und seine Militärausrüstung kopiert, falls sie erfolgreich sind, so hat auch die indische nationale Renaissance- und Befreiungsbewegung die Taktik der britischen Kolonisatoren kopiert. Die Briten haben die indische Geschichte für eigene Zwecke instrumentalisiert. Die Befreiungsbewegung entschied, dass sie eine solche Geschichte braucht, die viel länger ausfällt, als die britische, und viel imposanter aussieht, als jede andere europäische.

Und schon produziert einer der Ideologen des indischen Befreiungsbewegung, der künftige indische Regierungschef Jawaharlal Nehru, das umfangreiche Buch [9]. Das Buch ist nicht nur der politischen Situation in noch für eigene Unabhängigkeit kämpfenden Indien, sondern auch der indischen Geschichte gewidmet. Und er tut das nicht in Abgelegenheit einer Bibliothek oder des eigenen Arbeitszimmers, sondern mitten im antikolonialistischen Kampf und in der Einsamkeit einer Gefängniszelle (das Buch wurde 1944 abgeschlossen, er saß im Gefängnis vom 9. August 1942 bis zum 28. März 1945 und schrieb das ca. 650 seiten dicke Buch in nur fünf Monaten.).

Bei allem Respekt von dieser schriftstellerischen Leistung, muss man sagen, dass der künftige Regierungschef versucht im Buch [9] die indische Geschichte als fast lückenlose darzustellen. Das soll der Verherrlichung der eigenen Geschichte dienen, wobei dieser Inder schon die westlichen Kanonen für die Schätzung einer Geschichte übernommen hat. Trotzdem kann man auch bei ihm Bemerkungen finden, die gegen dieses Bild der kontinuierlichen Geschichtsschreibung stoßen. Am Ende des Abschnitts über die Kultur des Industals muss er zum Beispiel gestehen, dass zwischen dieser Kultur – welche übrigens auch keine historischen Werke hinterlassen hat und uns nur aus archäologische, also nicht besonders umfangreichen und detaillierten, Quellen bekannt ist – und der neusten Geschichte Indiens eine Menge von Lücken existiert und viele Perioden vorhanden sind, über die wir wenig (oder überhaupt nichts?!) wissen.

Nehru ist gezwungen zu schreiben, dass die alten Inder keine Historiker waren (für solche hält er die alten Griechen, Römer und Chinesen). Diese Tatsache, schreibt er, hat ihm erschwert, Daten festzustellen und eine genaue Chronologie zu schaffen. Die Historiker seiner Zeit sollen mühsam Schlüssel zum Labyrinth und zu den Rätseln der indischen Geschichte gefunden haben (Ob die Schlüssel auch zum Schlüsselloch der indischen Geschichte passen?!).

Noch mehr, er schreibt sogar darüber, dass die nationalistische Weltanschauung und die falsch verstandenen Interessen der Nation haben viele bewegt, die ausgedachten "Fakten" in der indische Geschichte zu implantieren. Viel hochgebildeten (im westlichem sinne?) Inder sollen das für eine legitime und selbstverständliche Tätigkeit gehalten haben. Diese sehr wichtige Beobachtung wurde leider von Nehru im weiteren Verlauf des Buchs nicht berücksichtigt: er wiederholt viele kaum begründete Behauptungen der Geschichtler, die an der Erdichtung langer indischen Geschichte in vorangegangenen 100-150 Jahren aktiv Teil genommen haben.

Die Misere der indischen Chronologie war so offenkundig, dass sogar die Vertreter der jungen indischen historischen Pseudowissenschaft gezwungen waren, dies anzuerkennen und die anfänglichen Probleme der indischen Geschichtsschreibung zu artikulieren. So schrieb Kavalam Madhava Panikkar in seiner populär gewordenen "Geschichte Indiens" [10] im Vorort zur zweiten englischen Auflage (1954) auf der S. 5 folgendes: "Diese "Indische Geschichte im Überblick" wurde ursprünglich am 15. August 1947, dem Tag der Unabhängigkeitserklärung Indiens, veröffentlicht. [...] Ein bekannter chinesischer Gelehrter, Dr. Yu Ta-Wie, hat einmal zu mir gesagt, er habe die oft wiederholten Versuche , ein Buch über die Geschichte Indiens zu lesen, nach wenigen Seiten stets wieder aufgeben müssen, weil sie ihm sämtlich weniger historische Darstellungen zu sein schienen als Telefonverzeichnisse – zusammenhanglose Aufzählungen von Namen."

Panikkar hält diese Kritik an indischer Geschichtsschreibung für übertrieben, muss aber anerkennen, dass die Historiker mit ihren Versuchen aus dynastischer Sicht die Vergangenheit zu beschreiben auf die Tatsache reagierten, dass"zu der Zeit, als die Geschichte Indiens Gegenstand erster Studien wurde, kein dynastisch-chronologischer Rahmen vorlag, mit dessen Hilfe das Wachsen des indischen Volkes historisch hätte verfolgt werden können." Aus der Reaktion auf das Fehlen der historischen Tatsachen wurde m. E. eine Überreaktion, die zum Sammeln aller möglichen Herrschernamen aus literarischen Werken, von Münzen und aus anderen Quellen führte.

In der neusten historischen Forschung hat sich angesichts der in der indischen Chronologie herrschenden Misere und der schier unübersichtlicher Vielfalt von Königtümer, Fürstentümer und Länder der Standpunkt durchgesetzt, dass eine allumfassende chronologisierte Geschichte Indiens nicht zu schaffen ist. Diese in dem konkreten Fall des Buchs [6], S. 244, formulierte These wird in seiner Allgemeinheit durch Vergleich der Einleitungen zu einzelnen Bänden [2] mit der Einleitung des Bandes 3 der gleichen Serie gezogen.

Mit anderen Worten, die heutige indische Geschichtsschreibung verwendet eine Fülle von Herrschernamen, die aus verschiedenen – meist literarischen - Quellen zusammengetragen wurden und für die oft kein Beweis der reellen Existenz in der Vergangenheit zu finden ist. Darum kann auch heute noch keine umfassende Chronologie der indischen Geschichte erarbeitet werden. Und für die angenommenen Daten fehlen oft die standfesten Beweise.

Wann existierte die Kultur der Industal?

Die Schätzung von Veit Valentin haben wir schon erwähnt: Höhepunkt der alten Induskultur ca. 4000 v. Chr. Nehru nennt sogar 5000-4000 v. Chr. Panikkar gibt auf der S. 16 eine andere Schätrzung: 3500-2750 v. Chr. Im gleichen Buch in der Zeittafel zur indischen Geschichte heisst es: Industal-Kultur (Mohendjo-Daro, Harappa) – etwa 3000-1500.

Diese Datierungen hängen mit den Datierungen der Zivilisation der Sumerer zusammen, weil die Archäologen Kontakte zwischen diesen zwei Gesellschaften ausgemacht haben. Nun ist aber die Datierung der Sumerer total falsch, wie G. Heinsohn in seinem Buch "Die Sumerer gab es nicht" [12] bewiesen hat. Er verkürzte die entsprechende Datierung um ca. 2000 Jahre, was aber nicht bedeutet, dass man nicht mit noch späteren Zeiten für das Industal-Kultur als 1000 v. Chr.- 500 n. Chr. rechnen kann.

Seine Vorstellungen von der Industal - Zivilisation im ersten Jahrtausend v. Chr. untermauert Heissohn, in [13] durch stratigraphische Analysen und die Vergleiche mit den "antiken" griechischen Historikern. Diese seine Datierung muss man aber als eine relative Zeitschätzung betrachten: er nimmt an, dass die griechische und persische Chronologie (und Geschichtsschreibung) stimmen, was für uns keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist.

Kurt Schildmann entzifferte in [14] die Indusschrift als eine, die für Altsanskrit verwendete (früher behaupteten russische Forscher, dass die Sprache der Indusschrift eine dravidische war). Wenn das stimmt, dann kann sich die betrachtete Datierung noch weiter erheblich verkürzen. Nach meinung des russischen Universalgelehrten N. Morosov, die auch die heutigen Geschichtskritiker aus Moskau teilen, ist Sanskrit – wie auch Latein, Alt-Griechisch, Hebräisch, Arabisch, Jidisch - eine der Kultursprachen, die am Anfang des zweiten Jahrtausend n. Chr. künstlich geschaffen wurden um neuen kulturellen Bedürfnissen Entsprechung zu gewährleisten. Ob das noch vor der letzten großen Katastrophe in der Mitte des. 13. Jh. oder sofort nach der Katastrophe geschah, sein hier hingestellt.

Auch eine Bemerkung bei Nehru brachte mich auf die Idee, dass die Industal-Kultur vielleicht noch im frühen Mittelalter existierte. Er beschreibt, wie die Häuser in Mohedjo-Daro aufgestockt wurden, weil der Erdreich immer höher wurde und bemerkt, dass nur im Mittealter eine so starke Änderung der klimatischen Bedingungen und Verwüsterung stattfand, dass man in der Gegend nicht mehr weiter leben konnte.

 

Literatur.
  1. Hugo Münsterberg, Der indische Raum, Holle, Baden-Baden, 1970 (Reihe "Kunst im Bild").
  2. The New Cambridge History of India, Bd. 1 / 2, Cambridge, 1989
  3. Dr. Ludwig Reihardt, Urgeschichte der Welt, Die Kulturen der Vor- und Frühgeschichtlichen Metallzeit. Nach den neusten Forschungsergebnissen, Benjamin Harz, Berlin-Wien, 1924 (I. Band: Der Orient, 718 S., II. Band: Der Occident, 712 S.).
  4. Oskar Jäger, Weltgeschichte in vier Bänden, Bielefeld/Leipzig, 1894.
  5. Guillaume Raynal, Denis Diderot, Die Geschichte beider Indien, Nördlingen, 1988
  6. Gita Dharampal-Frick, Indien im Spiegel deutscher Quellen der Frühen Neuzeit (1500-1750). Studien zu einer intellektuellen Konstellation, Niemeyer, Tübingen, 1994.
  7. Friedrich Wilhelm, Geschichte, in: Heinrich Gerhard Franz, Das alte Indien, Geschichte und Kultur des indischen Subkontinents, C. Bertelsman, München, 1990, S. 83-146.
  8. Veit Valentin, Weltgeschichte. Völker, Männer, Ideen, Amsterdam, 1939,
  9. Jawaharlal Neru, The Discovery of India, London, 1951
  10. Kavalam Madhava Panikkar, "Geschichte Indiens", Düsseldorf, 1957.
  11. Heinz Bechert, Georg von Simson (Hrsg.), Einführung in die Indologie, Stand, Methoden, Aufgaben,Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1993.
  12. G. Heinsohn, Die Sumerer gab es nicht, Frankfurt/M, 1988.
  13. Gunnar Heinsohn, Wer herrschte im Industal? Die wiedergefundene Imperien der Meder und Perser, Mantis, Gräfelfing, 1993
  14. Kurt Schildmann, Als das Raumschiff "Athena" die Erde kippte. Indus, Burrows-Cave und Glozel-Texte entziffert, Suhl, 1999

Chinesische Astronomie contra chinesische Geschichtsschreibung

Eugen Gabowitsch

 

Chinesische Astronomie contra chinesische Geschichtsschreibung

 

Die alte chinesische Kultur fasziniert jeden, der mit ihr in Berührung kommt. Auch ich verneige mich vor ihrer Originalität und dem Reichtum an den von ihr entwickelten Formen, auch ich gehöre zu den echten Verehrern der chinesischen Zivilisation, der chinesischen Kultur, des chinesischen Altertums.

Eine ganz andere Frage ist damit verbunden, dass im heutigen China die falschen westlichen Vorstellungen von der Länge der historischen Zeit zu einer ganz falschen Chronologie der chinesischen Zivilisation geführt haben. Sie entstanden in der Kolonialzeit als ein Versuch der Chinesen, der versuchten kulturellen Hegemonie der Europäer eine lange Geschichte entgegen zu setzen.

In diesem Artikel wollen wir überprüfen, ob die chinesische Astronomie Argumente zur Abschätzung der wirklicher Länge der chinesischen Geschichte liefern kann. Man erzählt viel über die Errungenschaften der chinesischen Astronomie. Leider wurden dabei so viele Märchen der Berichterstattung beigemischt, dass wir heute kaum mehr abschätzen können, was die chinesischen Astronomen wirklich geleistet haben.

Gerade der hervorragende Ruf der chinesischen Astronomie, an dem wir keinesfalls zweifeln (nur sind wir sicher, dass die wirklichen Höhepunkte

der chinesischen Himmelsbeobachtung heute kaum noch aus dem europäischen geschichtlichen Müll auszugraben möglich sind), lässt die Folgerung zu, dass diese Wissenschaft keinesfalls die falsche Geschichtsschreibung unterstützt. Wir kommen eher zum Schluss, dass all das, was wir

über die chinesische Astronomie wissen, dafür spricht, dass auch die chinesische Geschichte um +1350 oder sogar später beginnt und nicht vor fünf bis siebentausend Jahren.

 

Sonnenfinsternisse: leicht vorhersagbar, kaum beobachtet

 

Alte (in Wirklichkeit vermutlich mittelalterliche) chinesische Chroniken behaupten, dass schon vor ca. 4000 Jahren die chinesischen Astronomen die Sonnenfinsternisse richtig voraus sagen konnten. Vermutlich ging es dieser chinesischen Fertigkeit genau so, wie auch allen anderen mythischen Kenntnissen im Reich der Mitte: sie gingen mit der Zeit verloren.

Das vermeintliche „Vergessen“ gehört zu den Lieblingsmärchen der Geschichtler: so können sie alle unlogisch klingenden Behauptungen „erklären“. Als die Jesuiten um 1600 nach Peking

kamen, haben sie die chinesische Astronomie in desolatem Zustand vorgefunden. Ihre chinesischen Kollegen konnten keine der Sonnenfinsternisse richtig voraussagen.

Die erwähnten chinesischen Chroniken behaupten, dass vor mehr als 4000 Jahren eine falsche Voraussage dieser Art zur Todesstrafe führte: Als die Astronomen Chi und Cho die Sonnenfinsternis am 22. Oktober -2137 nicht richtig vorausgesagt haben, wur den ihnen auf Befehl des Kaisers Chung King die Köpfe abgeschlagen. Also sollte in dieser Zeit in China eine Menge von Astronomen vorhanden gewesen sein, damit man nach jeder falschen Voraussage (und die Sonnen-

finsternisse kommen ziemlich oft vor) die neuen Todeskandidaten einsetzen konnte.

Andere Quellen behaupten, dass die chinesischen Astronomen etwa vor 2000 Jahren angefangen hätten, die Sonnenfinsternisse richtig vorauszusagen. Zum Vergleich haben noch Kopernikus und Keppler Fehler bei solchen Voraussagen gemacht. Und im 17. Jh. wurden die Köpfe der chinesischen Astronomen nicht mehr abgeschlagen, obwohl sie das alte Wissen total vergessen hatten und durch die Jesuiten ersetzt werden mussten, die schon gelernt hatten, die anfänglichen

Fehler von Kopernikus und Keppler nicht zu wiederholen.

Aus unerklärlichen Gründen wer den die alten chinesischen Errungenschaften bei Voraussage und Beobachtung der Sonnenfinsternisse über Aufzeichnung der astronomischen Ereignisse nicht einmal erwähnt [1] (der Autor begrenzt die Beobachtungen der Sonne auf die Beschreibung der Sonnenflecken). Dafür [2] werden die alten Autoren zitiert, die solche tiefgreifende Entdeckungen machten, wie Liu Xiang, der im 1 Jh. v.u.Z. folgendes feststellte: „Das ist der Mond, der die Sonne bedeckt und die Sonnenfinsternisse verursacht“. Vermutlich dachten 2000 Jahre früher die chinesische Astronomen bei ihren richtigen (und auch mal falschen) Voraussagen, dass der Teufel höchstpersönlich die Sonne schluckt, um Finsternisse zu verursachen.

Obwohl die Sonnenfinsternisse gut vorausgesagt wurden (vor ca. 2000 Jahren, also in den alten, nicht in den neueren Zeiten), hatte es für die chinesischen Astronomen keinen Sinn mehr, die in Wirklichkeit stattgefundenen Sonnenfinsternisse zu beschreiben oder einfach zu notieren (Jeden-

falls sind solche Aufzeichnungen der heutigen Wissenschaft kaum bekannt). Und wenn sie das doch, in sehr seltenen Fällen, getan haben, dann so, dass diese Beobachtungen in keinem

Einklang mit den heutigen Retrokalkulationen sind oder nur mit großer Mühe (bei zusätzlichen korrigierenden Annahmen) identifiziert werden können.Der moderne chinesische Autor ist

gezwungen zu schreiben: „Die alten chinesischen Astronomen waren nicht mit der breiten Voraussage von Finsternissen vertraut“ [2], S. 44, obwohl: „Kenntnisse über Wie und Warum für Sonnenund Mondfinsternisse können bis in sehr frühe Zeiten verfolgt werden“ [2], S. 43 Solche Relikte der alten Vorstelungen von alten (und später vergessenen?) astronomischen Kenntnissen

sind auch im modernen China nicht ganz überwunden worden. So behauptet Chen Jijin ([2], S. 33) im Artikel „Chinese Calendars“, ohne genaue Jahreszahlen zu nennen, dass die alten chinesischen Kalender die Sonnenwie auch Mondfinsternisse voraussagten.

In Wirklichkeit konnten die chinesischen Wissenschaftler noch während der Regierungszeit des Kaisers Wanli (1573-1620) keine der mehr als Dutzend Sonnenfinsternisse richtig voraussagen ([3], S. 237). Von abgeschlagen Astronomenköpfen ist aus dieser Zeit nichts übermittelt worden. Auch 1629, beim letzten Ming-Kaiser Chongzhen, haben die offiziellen Hofastronomen versucht, die Sonnenfinsternis voraus zu berechnen. Aber der Erfolg wurde den kaiserlichen Astronomen nicht gegönnt.

Erst der Christ Xu Guangqi (1562 - 633), der 1603 in Nankin getauft wurde und schon früher bei Jesuiten die westliche Mathematik und Astronomie studierte, konnte 1629 die erste richtige Voraussage für eine Sonnenfinsternis machen. Seine Berechnungen erlaubten richtig vorauszusagen, wann die Finsternis beginnen und wie lange sie dauern wird. Übrigens gilt Xu Guangqi als derjenige, der in China solche westlichen Wissenschaften einführte wie Astronomie, Mathematik, Hydraulik und Ballistik ([3], S. 237).

 

Die „tartarische“ Eroberung Chinas durch die Mandschu

 

Sogar 1644, im letzten Jahr der Ming Dynastie, konnten die mit traditionellen chinesischen Vorstellungen lebenden chinesischen Astronomen noch keine richtige Voraussage machen. Und als der deutsche Jesuit Jonnes Adam Schall von Bell die Sonnenfinsternis am ersten Tag des 8. Mondmonats des Jahres 1644 (1. September 1644 nach neuem westlichen Kalender) richtig und sogar mit Angabe des Sonnenbedeckungsgrades in Prozenten voraussagte, konnte er den Regenten Dordon des neuen noch im zarten Alter sich befindenden ersten Kaisers der neuen mandschurischen Dynastie überzeugen, endlich den ungenauen alten Kalender durch den neuen europäischen zu ersetzen.

 

In diesem Zusammenhang bleiben viele Fragen offen:

1. Wieso setzten die „wilden“ aber siegreichen mandschurischen Armeen ein Kind auf den Kaiserthron und nicht einen der Generäle oder der Stammesälteren?

2. Vielleicht führten sie ein Kind mit sich, weil es zu einem alten Kaisergeschlecht gehörte? Lt. Fomenko und Nossovski (S.[4]) war dieses Kind ein Nachfolger der von den neuen russischen Zaren Romanows (ab 1613 an der Macht in Moskau) abgesetzten alten Tataren-Chanen, die gleichzeitig auch die alten russischen Zaren waren.

3. Ist vielleicht dadurch zu erklären, wieso die neuen Kaiser seit dem ersten Tag auf dem chinesischen Thron sich als Herrscher der ganzen Welt verstanden (kaum hätte sich bei einem wilden Stamm der Mandschuren so eine Vorstellung herausbilden können!)?

4. Wieso konnte Adam Schall die wilden Mandschuren so schnell überzeugen, den neuen westlichen Kalender einzuführen? Dieser Kalender wurde schon 1645 von Dordon eingeführt. Im gleichen Jahr wurde Adam Schall zum Leiter des kaiserlichen astronomischen Amtes ernannt (In Ming-China ein Ding der Unmöglichkeit!). Vielleicht waren die Tartaren durch ihre alte europäische Tradition schon längst mit der Entwicklung des Kalenderwesens und Astronomie in Westeuropa vertraut?

5. Und wieso konnten die alten in bester Tradition der chinesischen Hochkultur erzogenen Kaiser nicht überzeugt werden, das zu tun, obwohl sie von chinesischen Beamten und Wissenschaftlern, die mit Jesuiten eng zusammenarbeiteten, seit 1610 gebeten wurden, ein europäisches Kalendersystem einzuführen? Konnten sie die Entwicklung in Europa noch nicht richtig einschätzen?

6. Vielleicht waren die „wilden Mandschuren“ (die Europäer nannten sie einfach Tartaren und schrieben von einer Tartareneroberung Chinas) mehr mit der westlichen Wissenschaft vertraut, als die chinesischen Kaiser, die erst seit ca. 1600 von Mateo Ricci langsam in die westlichen wissenschaftlichen Errungenschaften eingeführt wurden? Das hätte für die Hypothese von Fomenko und Nossovsky gesprochen, die behaupten, dass die letzten chinesischen Kaiser (also die Kaiser der Qing Dynastie, 1644-1911) von tartarischen Herrschern Russlands abstammen, nicht die russischen Zaren der Romanov-Dynastie.

Diese Hypothese erklärt sehr gut, wieso die ersten Qing-Kaiser so ofen für die westlichen Einflüsse und die westliche Wissenschaft waren. Erst ca. 100 Jahre später, als sich die kolonisatorischen Absichten der Europäer immer deutlicher zeigten, haben die inzwischen chinesisch assimilierten „mandschurischen“ (tartarischen) Qing-Herrscher versucht, eine von den Europäern weniger abhängige Politik zu verwirklichen.

 

Konjunktionen von Jupiter und Saturn Europäische Himmelsbeobachter haben noch vor Kopernikus versucht festzustellen, wie lange diese zwei (Riesen-) Planeten brauchen, um am Himmel (nach zeitgenössischen Vorstellungen: um die Erde) einen vollen Kreis zu ziehen. Die genauesten entsprechenden Zeiten wurden mit 30 Jahren für Saturn und 12 Jahren für Jupiter errechnet. Seit Kopernikus wissen wir etwas genauer, dass diese Planeten um die Sonne kreisen und dass Saturn 29 Jahre und 167 Tage (29,46 Jahre) und Jupiter 11 Jahre und 315 Tage (11,86 Jahre) dafür braucht, um einen vollen Kreis um die Sonne abzuschließen.

Weil sich Jupiter schneller als Saturn am Himmel um die Sonne bewegt, wird er für einen auf der Sonne befindlichen Beobachter den Saturn nach etwa zwanzig Jahren „nachholen“, dann überholen und in ca. 20 Jahren (genauer, in 19,86 Jahren) wieder nachholen. Bei solchem Nachholen muss Jupiter selbstverständlich nicht unbedingt den Saturn bedecken, weil die Bahnebenen der Planeten nur annähernd gleich sind. Aber die beiden größten Planeten unseres Sonnensystems würden für den Beobachter von der Sonne als in einem gewissen Sternbild (nicht immer den gleichen) sich annähernde und dann wieder auseinandergehende beobachtet.

Ähnlich empfindet das auch ein Beobachter von der Erde, nur dass für ihn, wegen der Eigenbewegung seines Planeten um die Sonne, solche „Treffen“ von Saturn und Jupiter in einem der Sternbilder etwa dreimal seltener entstehen: zwischen zwei solchen sogenannten Konjunktionen liegen ca. 60 Jahre (die Abweichung von dieser Zahl kann einige Monate, aber mal auch über ein Jahr erreichen). Die zeitlichen Abstände zwischen den auf einanderfolgenden Konjunktionen von

Saturn und Jupiter konnten in alten Zeiten nicht berechnet (das war für die alten Astronomen zu kompliziert), dafür aber beobachtet und empirisch fixiert werden.

Die Tatsache, dass zwischen zwei Saturn-Jupiter-Konjunktionen (fast) genau 60 Jahre liegen, sollte auf die alten Himmelsbeobachter bei der ersten Feststellung dieser Tatsache einen großen Eindruck gemacht haben. Man kann sich durchaus vorstellen, dass nach so einer Meldung ein Herrscher seinen Sternenguckern befohlen haben konnte, den Himmel weiterhin detailliert zu beobachten, um festzustellen, wann wieder eine Konjunktion von Saturn und Jupiter passiert. Sollte nach weiteren 60 Jahren (und nicht nach 59 oder 61) wieder eine Saturn-Jupiter-Konjunktionen stattfinden, könnten die alten „Astronomen“ beginnen, den Verdacht zu schöpfen, dass sie eine Gesetzmäßigkeit entdeckt haben.

Vielleicht sollte der Himmel für alle Fälle noch einmal sechzig Jahre lang beobachtet werden. Und bei der vierten Konjunktion von Jupiter und Saturn sollte es schon möglich gewesen sein, dem Kaiser mitzuteilen, dass eine neue himmlische Gesetzmäßigkeit entdeckt wurde und dass sie ganz bestimmt nun immer stimmen wird. Und wenn man um diese Zeit noch kein oder kein zufriedenstellendes Kalendersystem hatte, wäre diese vermeintliche „Gesetzmäßigkeit“ ein Anlass für eine Kalenderreform gewesen, die sich auf die 60-jährigen Saturn-Jupiter-Zyklen stützt.

Weil in China so ein Kalender traditionell benutzt wird (wir leben seit 1984 im 78. Zyklus dieses Kalenders, der den Anfang seines ersten solchen Zyklus der mythischen Zeit von -2637 zuschreibt) können wir die Frage stellen, wann in der Vergangenheit die Saturn-Jupiter-Konjunktionen mehr

oder weniger genau dem Anfang eines der 60-jährigen Zyklen entspricht?

Gab es überhaupt solche Fälle in der Vergangenheit?

 

Einführung des chinesischen Kalenders

 

Dieser Frage ist Morosov in seinem leider nur in Russisch vorliegenden „Christus“, Band. 6, nachgegangen. Er kam dabei zu den folgenden Ergebnissen. In den Jahren 1204, 1264, 1324, 1444, 1504, 1564, 1624 begannen die Zyklen Nr. 65-72, für welche der zeitliche Abstand zwischen dem Beginn der Zyklen und der entsprechenden Jupiter-Saturn-Konjunktion (weiter S-J-Konjunktion) viel weniger als ein Jahr ausmacht. Weil für die drei vorangegangenen Zyklen Nr. 62-64 dieser Abstand ca. ein Jahr war, könnte durchaus sein, dass die entsprechenden früheren Beobachtungen, wenn man um diese Zeit den Himmel beobachtete, schon die Idee eines 60-jährigen Zyklus initiierten.

Folglich könnten die Jahre 1204, 1264, 1324, 1384, 1444, 1504, 1564 als Beginn der neuen Jahreszählung gedient haben. Morosov meint, dass das Jahr 1504 zum ersten Mal für solche

Jahreszählung benutzt wurde und dem entsprechenden Zyklus die „Glücksnummer“ 70 zugeordnet wurde, was bei einer Rückzählung um 4140 Jahre (69 Zyklen) den Anfang der Jahreszählung auf das Jahr 4140 1504 + 1 = 2637 schiebt (+1 wegen des Fehlens des Jahres „Null“ in unserer Jahreszählung). Und den Legenden zufolge hat gerade in diesem Jahr der legendäre Kaiser Huan Di (der Gelbe Kaiser) die 60-jährigen Zyklen eingeführt.

Übrigens kennt die chinesische Geschichte einen Gelben Kaiser in den Jahren +146 bis 168. Einige wenige Jahre vor Huan Di soll in seinem Reich (Östlicher Han) ein berühmter Astronom Zhang Heng (+78-139) gelebt haben, der einen Himmelsglobus konstruierte habe, der durch Wasserkraft getrieben, die Bewegungen von Planeten am Sternenhimmel richtig demonstrierte! Ist das noch ein Ergebnis des Verschicken der reellen Ereignisse aus dem 13.-14. Jh. in die Vergangenheit?

Wir können nicht ausschließen, dass der zyklische Kalender auch etwas früher als 1504 eingeführt wurde und dass die Zählung der Zyklen erst später den Bedürfnissen der entstehenden chinesischen Geschichtsschreibung angepasst wurde. Die Nummern wurden den Zyklen so zugeordnet, dass die ganze vermeintlich sehr lange Geschichte Chinas (einschließlich solcher Kapitel, die heute als legendär gelten) in die durch die 60-jährigen Zyklen bedeckte Zeitperiode passt.

Wir konsultieren die Tabelle „Some important calendars in ancient China“ ([2], S. 49), und stellen fest, dass dort der letzte Kalender vor dem 1645 eingeführten westlichen, im Jahr 1281

eingeführt sein soll. 1281 liegt ca. 15 Jahre später, als der zweite von uns genannte Kandidat für das Jahr 1264 der ersten wirklich verwendeten Zyklen (später wurde ihm die Nr. 66 zugeordnet). Diese 15 Jahre konnten durchaus notwendig sein, um einen neuen Kalender vorzubereiten und (probeweise?) einzuführen. Oder mindestens wurde im Jahr 1264 auf die Tatsache hingewiesen, dass zwischen zwei J-S Konjunktionen fast genau 60 Jahre liegen.

Andererseits wird in der genannten Tabelle vermerkt, dass der gleiche Kalender noch einmal im Jahr 1383 eingeführt wurde, fast zeitgleich mit dem Beginn des 68. Zyklus. Das kann die Schwierigkeiten widerspiegeln, die die Einführung eines neuen Kalenders mit sich bringen (auch in

Europa wurde der Gregorianische Kalender erst hunderte von Jahren später nach und nach eingeführt). Wir plädieren trotzdem für das Jahr 1281 als das wirkliche der Legende entsprechende Jahr eines ersten Versuchs, ein neues Kalendersystem einzuführen, weil, wie wir später sehen

werden, es sehr gut einer weiteren astronomischen Retrokalkulation aufgrund einer weiteren Überlieferung aus chinesischen Quellen entspricht.

Also nehmen wir an, dass der Gelbe Kaiser – wenn er je gelebt hat im Jahr 1281 noch regierte.

 

Warum nicht doch im Jahr -2637?

 

Was spricht gegen das mythische Jahr -2637? Nicht nur unsere allgemeine Skepsis bezüglich der Länge der chinesischen Geschichte, sondern auch die Tatsache, dass im Jahr -2637 keine S-J-Konjunktion stattfand. Auch die Anfänge der nachfolgenden Zyklen liegen um Jahre von den Daten entfernt, in welchen die J-S-Konjunktionen vorkamen. Noch mehr, im Jahr -2637 erreicht der Abstand zwischen diesen zwei Jahren seine maximale Größe nach -1600.

Die einzige Zeit, in welcher die Anfangsjahre der Zyklen mit Jahren der S-J-Konjunktionen gleich waren, sind -1600 bis -1200. Es sind Zyklen mit Nummern um 20. Also konnte der chinesische Kalender rein theoretisch schon im Jahre -1437. (Ende des 20. Zyklus) oder sechzig Jahre früher eingeführt werden. Aber all das, was wir inzwischen über die chinesische Geschichte und die nächste himmelsmechanische Retrokalkulation wissen, spricht dagegen und bestätigt das Jahr 1264.

Es geht dabei um die Konjunktion von allen fünf unseren Vorfahren bekannten Planeten: Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn. Wir betrachten diese Konjunktionen im nächsten Abschnitt, hier aber möchte ich bemerken: wäre die chinesische Astronomie in der Tat sehr alt und hoch entwickelt, wie die Geschichtler heute behaupten, wären in den chinesischen astronomischen Überlieferungen viel mehr exakte Informationen zu finden, als in Wirklichkeit. Unter dem anderen haben die chinesischen Astronomen keine weiteren Horoskope (Planetenpositionen am Himmel, z.B. in den Sternbildern) beschrieben, als die Fünfer-Konjunktion, die wir nun analysieren werden.

 

Konjunktion von fünf Planeten

 

Die Chroniken der Chinesen behaupten (und das tun mehrere von ihnen, was verdächtig ist, weil es um sehr alte Zeiten dabei gegangen sein soll), dass in der Regierungszeit des Kaisers Chung am Frühling, am ersten Tag des ersten Monats, alle fünf Planeten im Sternbild Wassermann (genauer gesagt, unter den Sternen Alpha und Beta von Pegasus) eine Konjunktion hatten. Kaiser Chung soll

77 Jahre (von -2515 bis -2456) regiert haben. Heute wird Kaiser Chung nicht mehr zu den realen Herrschern Chinas gezählt: er wird als legendär bezeichnet. Sogar die viel spätere (ca.

-2100 bis -1700) Dynastie Xia [1] wird heute nicht mehr als geschichtlich betrachtet. Trotzdem war Anfang des 20. Jh. Kaiser Chung für die Geschichtler noch durchaus „koscher“.

Allein die Beobachtung einer Fünfer-Konjunktion am Himmel zeugt vom hohen Niveau der chinesischen Astronomie in Vergangenheit. Eine andere Frage ist, was die Geschichtler später aus dieser Beobachtung chronologisch gemacht haben: die Retrokalkulationen haben gezeigt, dass

in der legendären Zeit von Chung sogar die zwei größten Planeten Saturn und Jupiter keine Konjunktion im Sternbild Wassermann hatten! Und die einzige Frühlings-Konjunktion von

fünf Planeten in den letzten mehr als viertausend Jahren fand am 9. Februar 1345 statt.

Kaiser Chung soll ein Enkel des Gelben Kaisers gewesen sein. Zwischen den Jahren -2637 und -2515 liegen 122 Jahre. Ein bisschen zu viel für zwei Generationen, auch wenn der Gelbe Kaiser bei Einführung des 60-Jahres-Zyklen-Kalenders noch ganz jung war und Chung schon als Kind

regierte. Soll der erste -2650 und der zweite -2520 geboren sein, hätten wir 130 Jahre zwischen diesen zwei Geburten (eine höhere Zahl wäre sogar wahrscheinlicher: wieso sollten der Großvater und der Enkel beide so früh anfangen zu regieren?).

Eine ganz andere Situation entsteht, wenn der Gelbe Kaiser 1281 an der Macht war und Chung 1345. Die dazwischen liegenden 64 Jahre können zwei Generationen leicht überbrücken, insbesondere wenn Chung so lange regierte. Weil die Geschichtler selber heute die Regierungszeiten der beiden legendären Kaiser für vorgeschichtlich halten, zeigen diese unsere Berechnungen, dass in China die ersten 3-4 Jahrhunderte des zweiten

nachchristlichen Millennium noch nicht zu geschichtlichen Zeiten gehören. Also beginnt die Geschichte dieses Landes erst in der Zeit der MingDynastie (Ming = MNG = Mongolen?)

 

Wo sind die chinesischen Horoskope geblieben?

 

Ein Horoskop im astronomischen Sinne des Wortes ist eine Beschreibung der zu beobachtenden Situation am Himmel, bei der für jeden Planeten mitgeteilt wird, in welchem Sternbild er sich befindet. Aus dieser Sicht ist die Fünferkonjunktion, von der wir oben gesprochen haben, auch ein Horoskop: alle fünf Planeten befanden sich im gleichen Sternbild.

Weil Horoskope sich sehr selten wiederholen (durchschnittlich und sehr grob etwa einmal in tausend Jahren, können sie für die Retrokalkulationen benutzt werden, die uns erlauben, die

vorangegangenen historischen Ereignisse zu datieren. Auch das haben wir oben gesehen: das genannte Horoskop erlaubte eine Datierung in die Mitte des 14. Jh. vorzunehmen.

Die Frage ist nun: wenn die chinesische Astronomie einen sehr hohen Stand hatte, dann sollten zahlreiche Horoskope in chinesischen Schriften vorkommen. Leider ist das nicht der Fall. Außer der gerade betrachteten Fünferkonjunktion kennen wir keine Horoskope aus dem alten China. Und

das ist sehr, sehr merkwürdig!

Die einzige Folgerung, die das erklären kann: in Wirklichkeit haben die Chinesen kaum Planeten beobachtet und sie hatten keine alte Tradition der astronomischen Beobachtungen. Diese Folgerung ist auch in guter Übereinstimmung mit dem miserablen Zustand der chinesischen Astronomie

und des chinesischen Kalenders, als er von den Jesuiten im 17. Jh. vorgefunden wurde.

 

Sonnenflecken

 

Bei den Chinesen soll die älteste Beschreibung der Sonnenflecken in der Welt zu finden sein. Die sollen im Jahr -140 beschrieben worden sein. Im Buch Han Shu (Geschichte der Dynastie Han, -206 bis +220) seien mehrere Sonnenflecken beschrieben worden. Im Jahr -28 soll die Sonne beim Aufgang gelblich gewesen sein, und eine Menge vom dunklen Gas in ihrem Zentrum sei beobachtet worden. Die Jahre -43 und +188 sollen mit anderen solchen Beobachtungen verbunden sein. Weitere Beobachtungsdaten aus China:

02.05.1112: In der Mitte der Sonne wurden dunkle Flecken beobachtet, so groß wie eine Nuss, mal auch 2-3 solche Flecken (an einem Tag?).

12.03.1131: Flecken, die so groß wie eine Pflaume waren, verschwanden in den folgenden drei Tagen nicht.

Chen Xiaozhong in [1], bei dem wir diese Angaben gefunden haben, schreibt, dass die alten Chinesen alle diese Beobachtungen mit dem bloßen Auge gemacht hätten (als die Sonne

hinter den Wolken war oder gerade frisch aufstieg). Oder sie beobachteten die Sonne in einer Ölwanne. Trotzdem machten sie mehr als tausend Beobachtungen alleine in den Jahrhun-

derten 2-17.

In Europa wurden die Sonnenflecken 1611 von Galilei entdeckt und nur im Teleskop beobachtet. Darum kann man durch Vergleich mit alten europäischen Quellen keine der chinesischen Überlieferungen über die Sonnenflecken überprüfen. Aber man kann sagen, dass 1772-80, als alle (ich wiederhole: ALLE) chinesischen Bücher durch die Zentralregierung angesammelt wurden, die Kenntnis der Existenz der Sonnenflecken schon ca. 160 Jahre alt war. Also konnten durchaus auch solche „Beobachtungen“ in den „alten“ Bücher gestreut werden, als sie frisiert oder neu geschrieben

wurden. Und weil man die Wichtigkeit der Sonnenflecken für die Wissenschaft schon gut erkannt hatte, machte man das etwa tausendmal.

1975 wurde herausgefunden, dass die chinesischen Beobachtungen die Existenz eines 11-jährigen (genauer gesagt, einen 10,2bis 11-jährigen: 10,6 Jahre +/-0,43) Zyklus beweisen, den H. S. Schwabe 1843 entdeckte.

Übrigens passen die hier genannten Flecken nicht besonders gut in das Schema: Zwischen dem 12.03.1131 und dem 02.05.1112 liegen ca. 18 Jahre und 10 Monate, also 2 x (neun Jahre und 5 Monate).

Zwischen dem 3. Monat des Jahres -28 und dem 4. Monat des Jahres -43 liegen ca. 15 Jahre, also 2 x (sieben Jahre und 6 Monate).

Trotzdem, weil die meisten alten chinesischen Bücher im 20. Jh. entdeckt wurden, kann man annehmen, dass diese Daten teilweise in der zweiten Hälfte des 19. Jh. so korrigiert worden sind, dass man heute auf die 11-jährigen Zyklen schließen kann. Was aber zu einer skeptischen Haltung animiert: für den Beweis der Güte der chinesischen Sonnenflecken-Beobachtungen wurden nicht alle tausend Beobachtungen, sondern nur 106 benutzt.

 

Chinesische und europäische Sternbilder, chinesische Sternbeobachtungen

 

Sternbilder sind Phantasiegebilde, die die menschliche Phantasie auf den reellen Himmel projiziert hat. Darum sollten unterschiedliche Kulturkreise auch ganz unterschiedliche Sternbilder entwickelt und benutzt haben. Sogar die Anzahl der Sternbilder ist nicht etwa objektiv bestimmt. Darum sollte auch die Anzahl der Sternbilder in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich sein.

Und nun plötzlich lesen wir in einem der ältesten chinesischen Bücher, dass Kaiser Yao, der im Jahr 41 des 5. Kalenderzyklus angefangen habe zu regieren (also vor ca. 4000 gelebt haben soll), seinen Astronomen folgendes befohlen hat: „Beobachtet den Himmel, berechnet den Kalender, baut ein Gerät, auf welchem 12 Sternkreis-Symbole und die Bewegungen von Sonne und Mond

durch diese aufgezeigt werden“.

Und weiter betonte der Kaiser, dass ein Jahr 366 Tage hat (so einen Kalender haben die Chinesen erst im Jahr 1645 eingeführt).

Also wusste der chinesische Kaiser schon vor 4000 Jahren, dass man etwa zu Dürers Zeiten die 12 Sternkreissymbole auf die astronomischen Geräte eingravieren wird. Keine 36, 24 oder 18, sondern exakt 12! Bei so einer überlangen Tradition mit 12 Sternzeichen sollten selbstverständlich die Chinesen auch die entsprechen den Sternbilder schon längst vor Dürer erzeugt haben. Interessant wäre zu sehen, wie weit diese übereinstimmen oder sich unterscheiden.

 

Leider kann diesem Wunsch keiner entsprechen, weil noch im 19. Jh. in China [5] traditionell am Himmel keine 12, sondern um hundert Sternbilder benutzt wurden, die teilweise schon europäische Namen übernommen hatten, aber graphisch ganz andere Bilder als in Europa darstellten. Besonders gut ist das in beiden Polargebieten zu sehen, wo viele kleine Sternbilder der chinesischen Tradition entsprechend überhaupt oder fast überhaupt keine Entsprechung im europäischen Kulturkreis hatten.

Übrigens sind die Sternbilder allein für die Astronomie fast ohne Nutzen.

Wichtig sind genaue Himmelskoordinaten der Sterne, die zu dem einen

oder anderen Sternbild gehören. Dann könnte z.B. bei Erscheinung eines kleinen Kometen ein Vergleich unternommen werden. Ohne die Koordinaten der Sterne zu kennen, wird man nicht

entscheiden können, ob sich das neue Himmelsobjekt bewegt oder nicht (also, ob es ein schwacher Stern ist oder einen Kometen darstellt).

Und noch eine Höchstleistung bei chinesischen Sternbeobachtungen möchten wir hier betonen: in den 32 Jahrhunderten von vor 1700 sollen die Chinesen etwa 90 Novae beobachtet haben, die sie Gaststerne nannten.

Das bedeutet, dass durchschnittlich einmal in 37 Jahren eine Nova beschrieben wurde. Konkret nennt man [1] aber nur die Novae in den Jahren 1054 (Supernova), 1572 und 1604. In den früheren Zeiten wird nur eine Nova im Jahre -134 genannt [1].

 

Die Kometenlisten

 

Fast ein Drittel des Buchs [6] ist der chinesischen Astronomie gewidmet, etwa 180 Seiten. Und hauptsächlich werden dabei die chinesischen Kometenlisten analysiert. N. Morosov hat eine umfangreiche Vergleichsanalyse der chinesischen und europäischen Kometenlisten unternommen. Auch in [4] sind ca. 20 Seiten diesen Listen gewidmet. Schon aus Platzmangel können wir uns hier eine so detaillierte Analyse nicht leisten und sind gezwungen, eine kurze Zusammenfassung dieser Recherche abzugeben.

1) Die chinesischen Listen präsentieren hunderte von Kometen zwischen den Jahren -840 und +1540. Keine Listen sind bekannt, die für spätere Zeiten Kometen aufzeichnen. Diese unerklärliche Tatsache (wenn die Chinesen so eine entwickelte Astronomie im Laufe der Jahrtausende hatten wieso haben sie aufgehört, Kometenlisten zu führen, als sie in Berührung mit der modernen europäischen Astronomie kamen?) lässt folgendes annehmen: in Wirklichkeit führten Chinesen keine Kometenlisten, sondern sie haben die entsprechenden europäischen Bücher (wie [7], die oft kurz „Kometographie“ genannt wird, oder die früheren Bücher, die für [7] als Quellen dienten) im 17. Jh. übersetzt und seitdem als chinesische Kometenannalen betrachtet.

2) Drei chinesische Enzyklopädien, die umfangreiche Kometenlisten beinhalten, sollen schon im 13. Jh. geschrieben werden sein, wurden aber später bis 1644 weitergeführt. Weil auch das Buch [7] beim Jahr

1644 aufhört, Kometen aufzulisten, bekräftigt diese Tatsache den im Punkt 1) geäußerten Verdacht.

3) Die europäischen und die chinesischen Kometenlisten für die ersten ca. tausend Jahre widersprechen einander: wenn die chinesischen Listen einen Kometen beschreiben, findet man in den europäischen Listen für das Jahr und seine engste Umgebung keine Kometen, und umgekehrt. Für N. Morosov ist das ein Beweis dafür, dass, wie in Europa, so auch in China alle frühen

„Beobachtungen von Kometen“ später ausgedacht wurden oder, wie er sagt, reine Apokryphen sind.

Besonders spektakulär ist die folgende Tatsache: zwischen 220 und 300 haben Europäer keine Kometen beobachtet; in der gleichen Zeit haben die Chinesen 27 Kometen aufgezeichnet, mehr, als in anderen 80 Jahren.

4) N. Morosov bemerkte, dass die Listen der ältesten Kometen so aufgebaut sind (und das nicht nur in China, sondern auch in Europa), dass für jeden Kometen nach genau 540 Jahren in der Liste ein weiterer Komet beschrieben wird. Es gibt ganze Reihen zeitlich nacheinander liegender Kometen, die sogar zwei Abbilder haben: nach

540 und nach 1080 Jahren. Beide Zahlen (540 Jahre und 1080 Jahre) liegen sehr nah an bekannten Verschiebungen in der Theorie von A. Fomenko. Also wurden hier nicht extra die Listen von Kometen von den späteren abgeschrieben, sondern die ganze Geschichte wurde verschoben und somit verdoppelt oder verdreifacht. Und zusammen mit der Geschichte haben sich auch die Kometenlisten um die Verschiebung (also um 540 oder 1080 Jahre) verschoben und so verdoppelt und verdreifacht.

5) Auch die weiteren ca. tausend Jahre der Kometenbeobachtungen sind unglaubwürdig. Weil hier die Beschreibungen von Kometen viel zahlreicher geworden sind, gibt es auch gewisse übereinstimmende „Beobachtungen“. Sie sind aber bis zum 12. Jh. durch Zufallsübereinstimmungen zu erklären.

6) Insgesamt haben die Kometenlisten wie in Europa, so auch in China zu viele Eintragungen. Bei so einer Anzahl sollten die meisten der Kometen sehr kleine und schwer zu beobachtende Objekte darstellen. Wie wir schon oben betont haben, waren die chinesischen Sternbilder für solche Beobachtungen nicht geeignet.

7) Chinesische Beobachtungen von Kometen sind oft detaillierter als die europäischen. Die Chinesen beschreiben den Weg eines Kometen am Himmel auch in den Fällen, in welchen die Europäer nur vom Unheil schreiben, das ein Komet hervorgerufen oder angekündigt habe soll. Das zeugt von einer gewissen und eigenständigen astronomischen Kultur, die nicht unbedingt der europäischen Tradition folgt. Ob sie vor dem 15. Jh. schon existierte, ist kaum anzunehmen. Übrigens bezeugt nicht jede detaillierte Beschreibung die eigene Echtheit: beim Phantasieren hat man auch mit der der chinesischen Tradition entsprechenden Detailliertheit die Beschreibungen angefertigt.

8) Für Datierung historischer Ereignisse sind Kometenlisten nicht gebräuchlich: die entsprechenden Beschreibungen enthalten zu viel Ungewissheit und sind selten glaubwürdig (in Europa ist die Lage dieselbe). Die einzigen Kometen, die für die Datierung im Prinzip in Frage kämen, sind die sogenannten periodischen Kometen. Aber auch für solche ist die Situation nicht in Ordnung, wie das Beispiel des bekanntesten dieser Kometen – des Halley-Kometen – zeigt.

9) Angaben zum Halley-Kometen vor dem 15. Jh. sind falsifiziert worden. Das geschah (vermutlich im 19. Jh.) folgendermaßen: Man hat für die Erscheinungen des Kometen eine sinusoidale Abhängigkeit in den Jahrhunderten 15.-19. festgestellt und entsprechend dieser Funktion alte „Erscheinungen“ apokryphiert. Diese Abhängigkeit hat sich aber schon im Jahr 1910 nicht bewährt (der Fehler erreichte ca. 3,5 Jahre).

 

Schlusswort

 

Fast alles, was wir über die chinesische Astronomie wissen oder zu wissen glauben, muss mit Skepsis genossen werden. Die allgemeine Tendenz, die chinesische Geschichte mit „zusätzlichem Material“ zu füllen (s. [8,9]), ist auch in der Geschichte der chinesischen Astronomie ausschlaggebend. Bei einer sorgfältigen Analyse dieser „Überlieferungen“ (die oft Phantasiegebilde und Fälschungen darstellen und fast immer falsch interpretiert und datiert wurden) sieht man, dass die alte chinesische Geschichte erst im +14. Jh. ihre mythischen Anfänge hat.

Für diese „späte“ Datierung haben wir zwei unabhängige Überlieferungen benutzt, so dass hier kaum noch Zweifel existieren kann: die beschriebene chinesische Geschichte beginnt, wie auch die europäische, im 14. Jh. Also ist sie nicht viel älter als die europäische, aber auch nicht viel jünger (oder vielleicht doch etwas jünger).

Weil Geschichtsschreibung in Wirklichkeit eine europäische Angelegenheit war, der europäischen (und nicht ostasiatischen) Mentalität entsprach und erst im Zuge der Kolonisierungsversuche nach China importiert und zuerst von aus Europa eingereisten Jesuiten betrieben wurde, ist die wirkliche Geschichtsschreibung in China relativ jung und von der eingepflanzten westlichen Mentalität geprägt. Die Analyse der Geschichte der chinesischen Astronomie liefert uns noch einen Beweis für diese Tatsache, die wir schon im Zusammenhang mit der Entstehung des europäisch geprägten Mythos von der Großen Chinesischen Mauer [10] kennengelernt haben: die Chinesen erzählten den Jesuiten wahre Geschichten, die Jesuiten (und später auch europäisch gebildeten Chinesen) machten aus diesen Geschichte, die oft falsch und fast immer völlig falsch datiert wurde.

 

Literatur

 

1. Chen Xiaozhong, Records of Astronomical Events, in: Ancient China’s Technology and Science, Foreign Languagea Press, Beijing, 1987 (Second printing), S. 5-14.

2. Chen Jiujin, Chinese Calendars, in. Ancient China’s Technology and Science, Foreign Languagea Press, Beijing, 1987 (Second printing), S. 33-49.

3. Shen Fuwel, Cultural Flow Between China and Outside World Throughout History, Foreign languages press, Beijing, 1996.

4. A.T. Fomenko und G.V. Nossovski, Imperium, Faktorial, Moskau, 1996 (Russ.).

5. John Williams, Observations of Comets from B.C. 611 A.D. till 1640, extracted from Chineses Annaly, 1871.

6. N.A.Morosov, Christus, Band. VI, Kraft & Lean, Moskau, 1998 (Russ.).

7. Stanislai de Lubieniezki, Historia universalis omnium Cometarum a Diluvio usquae praesente Annum 1665.

8. Eugen Gabowitsch, China: wie entstand und wie richtig ist die Chronologie des Altertums?, Zeitensprünge,

1999, Heft 1, 118-129.

9. Eugen Gabowitsch, Überzeugen oder informieren? Noch einmal zu Morozows HYPO-Thesen, Zeitensprünge,

1999, Heft 1, 130-137.

10. Eugen Gabowitsch, Die Große Mauer als ein Mythos: Errichtungsgeschichte der Chinesischen Mauer und deren Mythologisiereng , EFODON-SYNESIS, Nr. 36, 1999, Heft 6 (November/ Dezember), 11-14.

 

(Der Artikel wurde auch in EFODON-SYNESIS Nr. 3/2001 veröffentlicht).

Die Misere der indischen Chronologie

© 2001 Eugen Gabowitsch; veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 6/2001

Indien ist ein Land der ältesten Kulturen der Welt, vielleicht die Wiege der Zivilisation schlechthin. Und es ist – trotz der Behauptungen der Historiker – das Land mit der kürzesten Geschichte unter den wichtigsten Kulturen der Welt (unter der Geschichte verstehe ich nicht die historische Vergangenheit, sondern die geschriebene Berichterstattung über diese und all das, was man auf Grund von geschriebenen und materiellen Zeugnisse über die Vergangenheit streng logisch – ohne die üblichen Märchen der Geschichtler beweisen kann).

Indien ist das Geburtsland von mindestens zwei wichtigen Religionen (Hinduismus und Buddhismus), die Heimat von originellen philosophischen Systemen und reicher Literatur, das Land von Yoga und Tantra, aber Indien ist – bis ins späte Mittelalter ein Land ohne geschichtliche Tradition und Chronologie. Darum muss man sehr skeptisch die heutigen chronologischen Behauptungen der Berufshistoriker bezüglich der alten Teile der indischen Geschichte zur Kenntnis nehmen.

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Siegel mit dem dreiköpfigen Gott der Tiere [1, S. 18] Obwohl ich die drei Köpfe des Gottes hier nicht unbedingt sehe, muss ich sagen, dass die Entzifferung der Inschrift durch Kurt Schildmann auch auf eine Gottheit hindeutet: va'siva.acara carana PATI oder Gott vom Nichtbeweglichen und Beweglichen.

 


Für einen traditionellen Historiker, der sich auf die Indologie nicht spezialisiert hat, klingt diese Behauptung schrecklich, als eine Beleidigung der ganzen historischen Zunft (die fast axiomatisch annimmt, dass jede Hochkultur unbedingt auch das historische Bewusstsein im europäischen Sinne früh entwickelte, was für die östlichen Kulturen einfach nicht stimmt). Für mich ist das keine negative Beurteilung einer Hochkultur, die ihre eigenen Wege der Entwicklung fand und in ihrer Originalität einige der verlogenen europäischen geistigen Spielchen für unnötig hielt. Es lebe die große indische Kultur, auch wenn sie ohne Chronologie und Geschichtsschreibung im westlichen Sinne auskam!

Wenn wir dabei noch bedenken, wie viel erfunden und gefälscht wurde, um in jeder europäischen Ecke eigene tausendjährige Geschichten zu erfinden, dann erscheint die alte orientalische Gleichgültigkeit gegenüber Chronologie, Herrschergenealogie und historischer Aufzeichnungen als eine weise und durchdachte Position: gegen die Macht der Zeit steht der Mensch sowieso auf verlorenem Posten.


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Vielleicht sind das oben die Ruinen einer mittelalterlichen Stadt? [Aus: 14, S. 77].

Schade, dass die heutige herrschende Mentalität (oder eher die Mentalität der Herrschenden) auch im Orient (in Indien wie in China, aber auch in allen anderen Ländern) unter dem westlichen Einfluss der europäischen Gier nach einer total durchdatierten multitausendjährigen Geschichte mit östlichem Fanatismus verfallen ist. Heute kümmern sich die asiatischen Länder leider mehr um den quasihistorischen "Glanz", als um das Wohlergehen der eigenen Bevölkerung.

Wenn wir von der Geschichte Indiens und von indischer Chronologie sprechen, dann verstehen wir unter Indien den indischen Subkontinent, das Land, wo sich heute die Republiken Indien, Pakistan und Bangladesch befinden, um die Grenzen Indiens grob zu ziehen. Das sind etwa vier Millionen Quadratkilometer: eine durchaus mit ganz Europa vergleichbare Fläche. Oft wird auch die Republik Sri Lanka zum gleichen historischen Raum gezählt. Bei einigen historischen Betrachtungen werden auch Teile der benachbarten Länder wie Afghanistan, Birma (Miamar), Nepal, Tibet zum indischen historischen Kulturkreis zugeordnet. Das Buch [1] versteht unter Groß-Indien zusätzlich auch noch solche Länder wie Indonesien, Thailand und Kambodscha.

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Warum soll das Gesicht unbedingt das eines Priesters sein? Vielleicht war es ein Händler oder Bordellbesitzer oder irgendein reicher Mann, der sich verewigen ließ? Phantasielose Archäologen machen aus fast jeder Statuette einen Priester oder eine Gottheit [Aus: 14, S. 77].

Noch eine Bemerkung zum Vergleich mit Europa: die Ausdehnung und die Vielfalt von Völkern und Sprachen entsprechen in Indien und in Europa etwa der gleichen Größenordnung. Die Bevölkerung Europas ist dagegen etwa um den Faktor 2 bis 3 kleiner. Das muss unbedingt ins Auge gefasst werden, wenn wir über die Geschichte und die Chronologie von Indien sprechen.

Was bedeutet "alt"?
Die ganze indische Chronologie beruht auf Vergleichen mit den "römischen", "antiken" griechischen und "alt"ägyptischen Chronologien. Eigene direkt datierten Denkmäler oder Quellen fehlen. Ganz ernsthafte Wissenschaftler sind gezwungen zu behaupten, dass Indien keine eigene Geschichte besitzt. Sie kennt nicht einmal eigene historische Quellen zur Eroberung von Indien durch Alexander d. Gr. (was auch die ganze Geschichte um Alexander d. Gr. unglaubwürdig macht). Beginnt die indische Geschichte erst mit der moslemisch-"mongolischen" Unterwerfung und dem Kolonisieren durch die Europäer? Sind die indischen Arier in Wirklichkeit die Nachfolger der Arianer? Und stammen sie aus einer viel späteren Epoche, als geglaubt wird? Ist Krishna gleich Christus? Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich von der Ähnlichkeit des Gottesdienstes in den hinduistischen Tempeln mit dem Ritual in einer orthodoxen Kirche berichten.

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Dieser Zaunpfeiler soll aus dem 2. Jh. v. Chr. stammen. Eine erstaunlich gut erhaltene Darstellung aus Sandstein. Wer den erbärmlichen Erhaltungszustand der meisten europäischen SandsteinSkulpturen aus der Zeit um 1000 n.Chr. vor Augen hat, muss begreifen, dass in Indien keine Winde wehen, kein Tropfen vom Himmel fällt und keine Temperaturänderungen im Laufe des Tages oder des Jahres vorkommen. Ein gelobtes Land für chronologische Phantasien!

In der Ankündigung seines Vortrags "India obscura Rätsel aus der Vorzeit" im Karlsruher Geschichtssalon (07. 04.2000) schrieb Thomas Ritter folgendes:

  • "Zeitangaben und historische Daten sind in Indien - auch und gerade in den Reiseführern - mit äußerster Vorsicht zu genießen. "Very old" kann da schon mal ein Alter von fünfzig Jahren (oder weniger) bedeuten. Wir haben es hier mit einer Art von ,Geschichtslosigkeit' zu tun" (...)
  • "Sie dürfte ihre Hauptgründe in der Kolonialzeit haben. Dennoch existiert parallel dazu unter indischen Pandits, den traditionellen Schriftgelehrten - eine Tradition, die auf eine lange Geschichte zurückblicken kann. Auf diese Tradition will ich aufmerksam machen und zu ihrer Erforschung beitragen."

Trotzdem konnten die Hörer keine historische Tradition in Indien auch nach dem Vortrag erkennen. Und das liegt daran, dass gerade die Kolonialzeit nicht für die praktisch fehlende indische Geschichte zuständig ist, sondern umgekehrt für die Versuche, den aus dem Westen kommenden Gedanken des Historismus in die indische Gesellschaft hineinzubringen.
Diese Bestrebung, eine indische Geschichte zusammenzubasteln, diente gerade dem Zweck der Rechtfertigung der kolonialen Umstände. Leute mussten überzeugt werden, dass die indische Geschichte direkt die Notwendigkeit einer britischen Kolonialmacht beweist, diese legitimiert und begründet. [2, S. 3].

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Diese berühmte große Stupa von Sanchi [1, S. 29] soll ein massiver Ziegelbau mit Sandsteinverkleidung aus dem 2.1. Jh. v. Chr. sein. Stellt sich die Frage, ob man solche Stupas ohne Mörtel baute? Die Stupa erinnert mich an die russischen Kurgane, die Mounds der Nordindianer und die etruskischen Grabhügel. Der Vergleich zeigt, dass auch in der vorgeschichtlichen Zeit die nützlichen technologischen Entwicklungen kaum auf nur einen Teil der Erde begrenzt blieben: Technologietransfer ist keine moderne Erfindung, sondern war ein natürliches Phänomen im Laufe der ganzen Entwicklung der Menschheit.

Was wussten unsere nahen Vorfahren über die Geschichte Indiens?
Reichlich wenig – so klingt die vorweg genommene kurze Antwort. Mindestens die zweibändige (insgesamt 1428 Seiten) "Urgeschichte der Welt" von Rheinhardt [3], die immerhin auch in das erste Jahrtausend n. Chr. hereinschaut, kennt kein Indien als ein Land mit Geschichte: es gibt kein Kapitel zur indischen Geschichte und Indien selbst wird im ganzen Buch nur wenige Male erwähnt. Nämlich, nach Index (Register) beurteilend:

  • Im Band I nur einmal und im negativen Sinne, als Land, das kaum als Goldlieferant für Ägypten in Frage kommt, und
  • im Band II auch einmal als das vom legendären Alexander d. Gr. eroberte Land.

Na, gut, vielleicht wussten die anderen Wissenschaftler mehr über Indien, als der "nach den neuesten Forschungsergebnissen" schreibende Rheinhardt. Im ersten als "Geschichte des Altertums" betitelten Band der "Weltgeschichte" [4] von Oskar Jäger wird Indien immerhin dreimal erwähnt:

  • Zuerst wird über die arische Besiedlung Indiens erzählt und betont, dass die indische Zivilisation keine Auswirkung auf die europäische ausgeübt habe,
  • danach wird die Eroberung Indiens durch Darius I. erwähnt,
  • und endlich werden dem Zug Alexanders nach Indien zwei Seiten gewidmet, der von ihm gewonnenen Schlacht und seinem Rückzug aus Indien.

Reichlich wenig für die Geschichte eines dicht besiedelten Subkontinentes vom Ausmaße der "europäischen Halbinsel" des Eurasiens!
Ein von der schulischen Geschichtsschreibung verhypnotisierter aber im gewissen Sinne gut ausgebildeter Leser wird auch danach noch zweifeln, ob man vor mehr als hundert Jahren wirklich noch nichts über die Geschichte Indiens zu berichten wusste. Vielleicht fällt ihm ein folgendes Gegenargument ein: für Oskar Jäger war doch die ganze Weltgeschichte eine klare europäischmediterrane Angelegenheit. Darum ist es auch nicht verwunderlich, wird er sagen, dass im zweiten Band von [4] Indien nur einmal auftaucht: wenn "der Mongole" Timur 1398 die Stadt Delhi erobert haben soll.

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Stifterfiguren am Eingang eines Höhlentempels, Staat Bombay, 1. Jh.n.Chr. nach traditioneller Datierung [1, S. 53], Sandstein. Sind das die indischen Adam und Eva? Trägt "Adam" einen mittelalterlichen Turban?

Dazu sage ich folgendes: Immerhin heißt dieser Band "Geschichte des Mittelalters". War denn die Rolle Indiens auch im Mittelalter für die Länder um den Mittelmehr von keiner Bedeutung? Übrigens war der "Mongole" Timur in Wirklichkeit ein Europäer, wie die Rekonstruktion seiner Büsten durch den sowjetischen Paläoanthropologen Gerassimow klar zeigte. Vermutlich war er ein Kreuzritter, was auch sein Name, der so viel wie "Der Eiserne" bedeutet, andeutet. (Vgl. meinen SYNESIS-Artikel über die Mongolen in Heft 4/2001, S. 11)

Und was wusste man über die Geschichte Indiens im 18. Jh.?
Um die Frage zu beantworten, schlagen wir das Buch [5] auf. Ende des 18. Jh. war das ein Bestseller, der eine wichtige Rolle bei der geistigen Vorbereitung der Französischen Revolution gespielt hat. Es erschien zuerst nur unter dem Namen von G. Raynals, weil D. Diderot um Konsequenzen fürchtete. Und er hatte Recht: das Buch wurde 1781 verboten. Trotzdem wurde es mehrere Male gedruckt und in alle wichtigsten europäischen Sprachen übersetzt, auch um die vierzig illegalen Nachdrucke sind bekannt.
Insbesondere die von Diderot eingeführten allgemeinen historischphilosophischen Überlegungen machen das Buch auch für die Geschichte der Historiographie zu einem wichtigen Werk. Trotzdem wollen wir an dieser Stelle das Buch nur aus der chronologischen Perspektive betrachten: welche Daten und welche chronologisierte Geschichte Indiens war den Autoren bekannt. Im von Diderot geschriebenen Teil "Altertum von Hindostan" dieses zuerst in französischer Sprache 1770 in Genf erschienenen Buches können wir folgendes lesen:

"Noch vor Pythagoras reisten die Griechen dahin, um sich zu belehren. Die ältesten der handelnden Völker holten Leinwand daher, welches beweist, wie weit es die Geschicklichkeit daselbst schon damals gebracht hatte." (S. 48)

Welche präzisen historischen und chronologischen Ausführungen! Des weiteren schreibt der Autor hauptsächlich über den fruchtbaren Boden, wunderbares Klima und andere natürlichen Gegebenheiten, die zu einer sehr frühen Besiedlung von Hindustan führen sollten. Und das tut er noch weniger historisch: so sollte es sein (Und wenn es auch so war, woran heute keiner zweifelt, ist das noch keine Geschichte und jedenfalls keine Chronologie!).
Überhaupt beschreiben die in dieser "Geschichte beider Indien" zitierten oder erwähnten Autoren alles mögliche, außer Geschichte: die indische Philosophie, Religionen, Literatur, Geographie etc. Und das vermutlich aus einem einzigen Grund: weil die Geschichte für dieses Land noch nicht erfunden wurde (Pardon, noch nicht geschrieben – oder ist das fast das Gleiche?).
Ja, es wird der spätmittelalterliche Herrscher Kaiser Mahmud Akbar erwähnt: er "hatte den Einfall, die Grundsätze aller in seinen weitläufigen Ländern ausgebreiteten Religionen kennen zu lernen" (S. 51; eine Legende, die oft in Geschichte vorkommt). Aber auch das hat nichts mit der Chronologie zu tun.

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Das herrliche Osttor der abgebildeten Stupa mit perfekt erhaltenen Skulpturen untermauert meinen Zweifel an der Richtigkeit der Datierung der frühbuddhistischen Phase in der Geschichte Indiens [1, S. 31]. Soll das ein Ergebnis der Restauration im 20. Jh. sein? Wenn ja, dann möchten wir wissen, wie viele solche Restaurationen im Laufe der Jahrhunderte dokumentiert wurden.

Eine der wenigen chronologischen Angaben im Buch lautet: "Eine alte Überlieferung sagt, dass, da die Araber im achten Jahrhundert anfingen, sich in Indien festzusetzen", dann entschloss der Herrscher von Malabar nach Mekka zu gehen um dort zu sterben. Aus dieser Passage kann man nur schließen, dass in der Zeit schon das Märchen von der Islam-Entstehung im 7. Jh. in Frankreich verbreitet war.
Die ersten historischen Betrachtungen des Buches sind der kolonisatorischen und missionarischen Tätigkeit der Portugiesen in Indien gewidmet. Aber sogar das geschieht auf eine Weise, die uns demonstriert, wie wenig die Chronologie in dieser Zeit beachtet wurde.
In der ersten Hälfte des 18. Jh. war die Lage mit der Chronologie und Geschichte Indiens übrigens auch nicht besser. Johann Heinrich Zedlers Universallexikon aus dem Jahr 1735 kann über eineinhalb Jahrtausende indischer Geschichte nicht mehr berichten, als das Folgende: "Die Könige in Persien besaßen vor Zeiten einige Theile von Indien; als aber Alexander Magnus Darium geschlagen, marschierte er dahin, und überwand Porum, deren Indianer vornehmsten König. Nach Alexandri Zeiten haben Indianer mit ihren Fürsten sehr friedsam gelebt, und sind durch keine fremde Völker verunruhiget worden."

Auch in früheren Jahrhunderten wusste man nichts von der indischen Chronologie
Die ersten intensiven Begegnungen der Europäer mit Indien seit Anfang des 16. Jh. brachten eine Fülle interessantester Informationen über den Subkontinent nach Europa, nur keine chronologischen Angaben und keine Geschichtsschreibung der vergangenen Zeiten. Im äußerst interessanten Buch [6] beschreibt die Autorin die deutschsprachige Auseinandersetzung mit Indien "noch vor der Entstehung der Indologie als eigenständiger wissenschaftlichakademischer Disziplin" bis Mitte des 18. Jh.
Interessant ist zu analysieren, welche Themen von Indienreisenden betrachtet und folglich die Leserschaft im Laufe eines Vierteljahrtausends interessiert haben, welche Rolle dabei Geschichte und Chronologie gespielt haben. Die allgemeine Schätzung des Ergebnisses dieser Analyse kann man so kurz präsentieren: alles Mögliche, nur nicht die Geschichte der entfernten Zeitepochen und keinesfalls die Chronologie.
Indien wurde in erster Linie als ein exotischer Weltteil, als ein irdisches Paradies und eine potenzielle Schatzkammer Europas gesehen. Man interessierte sich für die Topographie und Geographie des Subkontinents, für klimatische und physikalisch-geographischen Gegebenheiten. Man las sehr gern über Monstrositäten und Befremdliches, über Sensationelles und Wissenswertes. Aber die Chronologie gehörte nicht dazu. Man interessierte sich für die Sexualität der Inder und die eigenartigen Essgewohnheiten, für die Nacktheit und für die vegetarischen Einstellungen. Man versuchte zu verstehen, wie die indischen Gesellschaften ökonomisch funktionieren und welche unerschöpfte Ressourcen man in Indien noch hat. Aber auch die Beschreibungen zur Ökonomie und zur Infrastruktur beschränkten sich auf das, was zu beobachten war und beinhalteten keine ernsthafte historische Komponente.
Ein besonderes Augenmerk verdiente in Augen der deutschen Reisenden die indische Gesellschaftsordnung. Das Kastenwesen überraschte die europäischen Beobachter sehr. Hatten sie doch nicht einmal einen entsprechenden Terminus in der deutschen Sprache gehabt (was kaum für die tiefen Kontakte mit Indien vor 1500 spricht). Einzelne soziale Gruppierungen, ethnische Gruppen und Sprachen, geographische Unterschiede in der Gliederung der Gesellschaft in verschiedene soziale Schichten – all das war im Blickpunkt der Berichterstatter. Nur nicht die Chronologie all dieser Gesellschaften.

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Stehender Buddha aus Sandstein mit einem katholischen Heiligenschein. Soll aus dem 5. Jh.n.Chr. stammen (warum nicht aus dem 15.?) [1, S. 57]

Großes Interesse zeigten die Reisenden, welche zu einem großen Teil Jesuiten und andere Geistliche und Missionare ausmachten, zur religiöser Vielfalt in Indien und zu "vergleichender Religionsforschung": Man wollte herausfinden, in welchen Punkten die indischen Religionen den christlichen ähneln und in welchen Punkten sie sich stark unterschieden. Tempelrituale und religiöse Zeremonien, Religionskulte und die Lebensweise der Brachmanen und Mönche wurden detailliert beschrieben. Zahlreiche Übereinstimmungen wurden gefunden und bei der Missionarsarbeit ohne Skrupel benutzt.
Ja, man kann aus den Berichten über Indien eine Menge wichtiger Angaben zur politischen Organisation des Mogulnreichs erfahren, über die administrativen, politischen und regionalen Gegebenheiten des Reiches und weiterer Staaten des Subkontinents. Aber kein Staat in Indien besaß eine geschriebene Geschichte oder mindestens eine Chronologie der Herrscher und der wichtigsten Ereignisse der Vergangenheit.
Selbstverständlich sind viele der Beobachtungen von enormer Wichtigkeit für die Geschichte Indiens ab 1500. Aber sie beweisen auch unsere Hauptthese: vor der Kolonisation Indiens durch die Europäer existierten in diesem Teil der Welt keine historische Tradition, keine Historiographie und keine Chronologie.
Eine Bestätigung dafür liefert auch Friedrich Wilhelm in [7]. Er erzählt von Kaufleuten, Missionaren, Diplomaten und Forschungsreisenden nach Indien und ihren Berichten im 17. Jh. und muss feststellen, dass "keine neuen Erkenntnisse über die Zeit vor den Großmoguln in den Westen" gelangten.
Lesen wir weiter: "Zwischen Alexanders Indienzug im 4. Jahrhundert v. Chr. und den Großmoguln (seit 1525) klafft eine große historische Lücke, die erst die neuere Forschung zu schließen wusste" [7, S. 85]. In Wirklichkeit sind diese "fehlenden" fast 2000 Jahre "erstunken und erlogen": der Indienzug des Alexanders gehört wahrscheinlich in das späte 15. Jh. (die Eroberung des Westen des asiatischen Kontinents durch den OsmanenSultan Isakander alias Machmud II.). Also liegen in dieser "großen historischen Lücke" in Wirklichkeit nur einige Jahrzehnte!

Wann wurde die indische Geschichte geschrieben?
Jedenfalls nicht vor der Ankunft der Europäer. Im Kapitel "Indiens Verhältnis zu seiner Geschichte" schreibt Wilhelm [7, S. 86] "Das alte Indien hat keine Geschichtswerke hervorgebracht, die die historischen Fakten über längere Zeiträume aufzeichnen [...] Geschichte war für sie mit Legenden vermischt. Anstelle von Annalen haben sie alte Sagen und Epen. Die späte Kaschmirchronik aus dem 12. Jahrhundert nach Christus versteht sich als Kunstdichtung."

Unser Kommentar: Vermutlich ist die indische zivilisatorische Entwicklung viel intensiver gewesen, als die Geschichtler sich das vorstellen. Wie in Europa, sind am Anfang des zweiten nachchristlichen Millenniums alle Völker noch nicht imstande gewesen, die Idee der Geschichte zu entwickeln. Auch die Entwicklung der Sprachen und der Literatur wurde bisher falsch eingeschätzt: die alten Sagen und Epen entstanden, als die Schrift sich noch nicht durchsetzte, also um 1000 n.Chr. nach unseren Vorstellungen.

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Die klugen Inder haben Götter, die himmlischen Herrscher, aber fast nie die Herrscher ihrer Staaten abgebildet. Hier eine seltene Ausnahme (Hinduistisches Herrscherpaar, angeblich aus dem 10. Jh.n.Chr.) [1, S. 100], falls es stimmt, dass es wirklich Herrscher gewesen sind und dass sie im 10. Jh. und nicht erst viel später porträtiert wurden.

Auch vor dem Beginn der englischen Eroberung Indiens, wie wir oben gesehen haben, können wir keinesfalls von geschriebener indischer Geschichte sprechen, obwohl 15001750 wichtige Quellen für die neuzeitliche indische Geschichte entstanden sind.

"In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann die wissenschaftliche Erforschung des indischen Subkontinents. Die ersten historischen Arbeiten stammen von Angestellten der britischen und französischen Handelsgesellschaften in Indien. Die Engländer gründeten 1784 in Calcutta die Asiatische Gesellschaft, in deren Veröffentlichungen bahnbrechende Untersuchungen unter anderem zur indischen Geschichte, Inschriftenkunde und Numismatik erschienen." [7, S. 86].

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Mutter und Kind (Maria mit Jesus?) angeblich aus dem 10. Jh.n.Chr. [1, S. 101]. Mich erinnert die Statue an die Bilder der italienischen Renaissance.

Trotz dieser Anfänge dauerte auch im ganzen 19. Jh. die Suche nach dem historischen Material für die indische Geschichte weiter. Und so lautet die verblüffende Antwort auf die oben gestellte Frage (also die Frage nach dem "wann?"): Etwa in der ersten Hälfte des 20. Jh. Wem das wenig plausibel erscheint, sollte sich fragen, welche Bücher zur indischen Geschichte aus der früheren Zeit er kennt, in welchen diese Geschichte etwa in der heutigen Form präsentiert wurde und welche von den Unsicherheiten in der Chronologie frei wären.
Betrachten wir das Buch [8]. Im Kapitel "Das alte Indien" fand ich nur ein Datum: Gautama Buddha soll 486 vor Christus gestorben sein. Noch bescheidener sieht die indische Geschichte im Kapitel "Indien und China. Der Islam" aus, in dem man anstatt der indischen Geschichte die Sanskritliteratur den Lesern präsentiert und kein einziges Datum aus der indischen Geschichte nennt. Und am Ende des Buchs ist die folgende "sehr ausführliche" chronologische Tabelle der alten indischen Geschichte (bis ca. 1000 n. Chr.) präsentiert:

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Teil des Großen Tempels von Madurai mit dem Goldlilienteich und einem Gopura (Torturm). 17. Jh.n.Chr. [1, S. 116]. Diese Datierung kann sogar stimmen: in dieser Zeit neigte man in der ganzen Welt zu Großbauten. Die ägyptischen Pyramiden, die Große Chinesische Mauer, die riesigen Paläste und Tempelanlagen – sie alle stammen vermutlich aus der Zeit nach 1500.

  • 4000 v. Chr. Höhepunkt der alten Induskultur
  • nach 2000 Einwanderung arischer Stämme in Indien
  • nach 1400 Eroberung des Gangeslandes durch die Indoarier. Das Heldenepos.
  • 600 Abschluss der Entstehungszeit der Veden
  • 550-477 Gautama Buddha (Vergl. mit 486 v. Chr. Das einzige Datum der indischen Geschichte aus dem Text des Buches wird in zwei unterschiedlichen Varianten gegeben!)
  • Seit 400 Entstehung des Sanskrit
  • 264-227 König Ashoka. Der Buddhismus wird herrschende Religion
  • 350 Entstehung des Brahmanismus. Blüte der Sanskritliteratur

Schon angesichts der vielen Nullen kann man diese Zahlen kaum als genaue historische Daten betrachten. Und überhaupt gehören alle diese Ereignisse vermutlich zu der uns kaum bekannten mittelalterlichen Periode der indischen Geschichte und müssen radikal verjüngt werden.

Warum wurde die indische Geschichte geschrieben?
Die Frage um das "warum?" ist leicht zu beantworten: es gab mehrere Gründe. Jede Gruppe der Geschichtler wurde durch andere Beweggründe inspiriert.

Für Engländer war wichtig zu zeigen, wie positiv die englische Herrschaft für Indien war. Ihr habt mehrere Staaten gehabt, wir haben euch die Vereinigung beschert. Ihr habt keine gute Armee gehabt, wir haben euch gezeigt, wie man Kriege führt und gewinnt. Ihr habt keine besondere Infrastruktur geschaffen, wir bauten Straßen und Festungen, Häfen und Eisenbahnen, Schulen und Universitäten (selbstverständlich alles nach westlichem Vorbild!).

Für die Geschichtler im alten Europa war es wichtig zu zeigen, dass auch in anderen Teilen der Welt eine alte Geschichte existiert. Dann, dachten sie, wird man auch ihnen das Märchen von der 2,5-tausend Jahre langen europäischen Geschichte abnehmen.

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Tanzender Shiva mit Engelsflügeln. Angeblich aus dem 10. Jh.n.Chr. [1, S. 131]

Eine ganz besondere Situation entstand für die junge indische europäisierte Wissenschaft. Wie man im Krieg die gegnerische Taktik und seine Militärausrüstung kopiert, falls sie erfolgreich ist, so hat auch die indische nationale Renaissance und Befreiungsbewegung die Taktik der britischen Kolonisatoren kopiert. Die Briten haben die indische Geschichte für eigene Zwecke instrumentalisiert. Die Befreiungsbewegung entschied, dass sie eine solche Geschichte braucht, die viel länger ausfällt, als die britische, und viel imposanter aussieht, als jede andere europäische.
Und schon produziert einer der Ideologen der indischen Befreiungsbewegung, der künftige indische Regierungschef Jawaharlal Nehru, das umfangreiche Buch [9]. Das Buch ist nicht nur der politischen Situation im noch für die eigene Unabhängigkeit kämpfenden Indien, sondern auch der indischen Geschichte gewidmet. Und er tut das nicht in der Abgelegenheit einer Bibliothek oder des eigenen Arbeitszimmers, sondern mitten im antikolonialistischen Kampf und in der Einsamkeit einer Gefängniszelle (das Buch wurde 1944 abgeschlossen, er saß im Gefängnis vom 9. August 1942 bis zum 28. März 1945 und schrieb das ca. 650 Seiten dicke Buch in nur fünf Monaten).

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Kein Herrscherpaar, sondern Gott Shiva mit seiner Partnerin Parvati. Bronze, angeblich aus dem 11. Jh.n.Chr. [1, S. 132]

Bei allem Respekt vor dieser schriftstellerischen Leistung muss man sagen, dass der künftige Regierungschef versucht, die indische Geschichte als fast lückenlos darzustellen [9]. Das soll der Verherrlichung der eigenen Geschichte dienen, wobei dieser Inder schon die westlichen Kanonen für die Schätzung einer Geschichte übernommen hat. Trotzdem kann man auch bei ihm Bemerkungen finden, die gegen dieses Bild der kontinuierlichen Geschichtsschreibung verstoßen. Am Ende des Abschnitts über die Kultur des Industals muss er zum Beispiel gestehen, dass zwischen dieser Kultur – welche übrigens auch keine historischen Werke hinterlassen hat und uns nur aus archäologischen also nicht besonders umfangreichen und detaillierten Quellen bekannt ist – und der neuesten Geschichte Indiens eine Menge von Lücken existiert und viele Perioden vorhanden sind, über die wir wenig (oder überhaupt nichts?) wissen.

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Heiliger Stier Nandi. Sandstein. Angeblich aus dem 11. Jh.n.Chr. [1, S. 127]. Er hätte sich vielleicht sogar in einer spanischen Arena gegen die Matadoren behaupten können.

Nehru ist gezwungen zu schreiben, dass die alten Inder keine Historiker waren (für solche hält er die alten Griechen, Römer und Chinesen). Diese Tatsache, schreibt er, hat es ihm erschwert, Daten festzustellen und eine genaue Chronologie zu schaffen. Die Historiker seiner Zeit sollen mühsam einen Schlüssel zum Labyrinth und zu den Rätseln der indischen Geschichte gefunden haben (ob die Schlüssel auch zum Schlüsselloch der indischen Geschichte passen?).
Noch mehr, er schreibt sogar darüber, dass die nationalistische Weltanschauung und die falsch verstandenen Interessen der Nation viele bewegt haben, die ausgedachten "Fakten" in der indische Geschichte zu implantieren. Viele hochgebildete (im westlichen Sinne?) Inder sollen das für eine legitime und selbstverständliche Tätigkeit gehalten haben. Diese sehr wichtige Beobachtung wurde leider von Nehru im weiteren Verlauf des Buchs nicht berücksichtigt: er wiederholt viele kaum begründete Behauptungen der Geschichtler, die an der Erdichtung langer indischer Geschichte in vorangegangenen 100 bis 150 Jahren aktiv Teil genommen haben.

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Endlich mal eine Festung! Maharaja Takhat Singh von Jaipur, 1850.

Die Misere der indischen Chronologie war so offenkundig, dass sogar die Vertreter der jungen indischen historischen Pseudowissenschaft gezwungen waren, dies anzuerkennen und die anfänglichen Probleme der indischen Geschichtsschreibung zu artikulieren. So schrieb Kavalam Madhava Panikkar in seiner populär gewordenen "Geschichte Indiens" [10] im Vorort zur zweiten englischen Auflage (1954) auf der S. 5 folgendes: "Diese 'Indische Geschichte im Überblick' wurde ursprünglich am 15. August 1947, dem Tag der Unabhängigkeitserklärung Indiens, veröffentlicht. [...] Ein bekannter chinesischer Gelehrter, Dr. Yu TaWie, hat einmal zu mir gesagt, er habe die oft wiederholten Versuche , ein Buch über die Geschichte Indiens zu lesen, nach wenigen Seiten stets wieder aufgeben müssen, weil sie ihm sämtlich weniger historische Darstellungen zu sein schienen als Telefonverzeichnisse – zusammenhanglose Aufzählungen von Namen."
Panikkar hält diese Kritik an indischer Geschichtsschreibung für übertrieben, muss aber anerkennen, dass die Historiker mit ihren Versuchen, aus dynastischer Sicht die Vergangenheit zu beschreiben, auf die Tatsache reagierten, dass "zu der Zeit, als die Geschichte Indiens Gegenstand erster Studien wurde, kein dynastischchronologischer Rahmen vorlag, mit dessen Hilfe das Wachsen des indischen Volkes historisch hätte verfolgt werden können". Aus der Reaktion auf das Fehlen der historischen Tatsachen wurde m. E. eine Überreaktion, die zum Sammeln aller möglichen Herrschernamen aus literarischen Werken, von Münzen und aus anderen Quellen führte.

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Vishnu nimmt die Gestalt eines Fisches an, um den Seedämonen zu töten. Eine noble Absicht, die aber mit der Chronologie der indischen Geschichte kaum etwas Gemeinsames hat. 17. Jh.n.Chr. [1, S. 155]

In der neuesten historischen Forschung hat sich angesichts der in der indischen Chronologie herrschenden Misere und der schier unübersichtlichen Vielfalt von Königtümern, Fürstentümern und Ländern der Standpunkt durchgesetzt, dass eine allumfassende chronologisierte Geschichte Indiens nicht zu schaffen ist. Diese im konkreten Fall [6, S. 244] formulierte These wird in seiner Allgemeinheit durch Vergleich der Einleitungen zu einzelnen Bänden [2] mit der Einleitung des Bandes 3 der gleichen Serie gezogen.
Mit anderen Worten, die heutige indische Geschichtsschreibung verwendet eine Fülle von Herrschernamen, die aus verschiedenen – meist literarischen Quellen zusammengetragen wurden und für die oft kein Beweis der reellen Existenz in der Vergangenheit zu finden ist. Darum kann auch heute noch keine umfassende Chronologie der indischen Geschichte erarbeitet werden. Und für die angenommenen Daten fehlen oft die handfesten Beweise.

Wann existierte die Kultur im Industal?
Die Schätzung von Veit Valentin haben wir schon erwähnt: Höhepunkt der alten Induskultur ca. 4000 v.Chr. Nehru nennt sogar 50004000 v.Chr. Panikkar gibt auf der S. 16 eine andere Schätzung: 35002750 v.Chr. Im gleichen Buch in der Zeittafel zur indischen Geschichte heißt es: Industal-Kultur (Mohendjo Daro, Harappa) – etwa 30001500.
Diese Datierungen hängen mit den Datierungen der Zivilisation der Sumerer zusammen, weil die Archäologen Kontakte zwischen diesen zwei Gesellschaften ausgemacht haben. Nun ist aber die Datierung der Sumerer total falsch, wie schon G. Heinsohn in seinem Buch "Die Sumerer gab es nicht" [12] bewiesen hat. Er verkürzte die entsprechende Datierung um ca. 2000 Jahre, was aber nicht bedeutet, dass man nicht mit noch späteren Zeiten für die Industal-Kultur als 1000 v. Chr. bis 500 n.Chr. rechnen kann.
Seine Vorstellungen von der Industal-Zivilisation im ersten Jahrtausend v.Chr. untermauert Heinsohn in [13] durch stratigraphische Analysen und die Vergleiche mit den "antiken" griechischen Historikern. Diese seine Datierung muss man aber als eine relative Zeitschätzung betrachten: er nimmt an, dass die griechische und persische Chronologie (und Geschichtsschreibung) stimmen, was für uns keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist.
Kurt Schildmann entzifferte [14] die Indusschrift als eine, die Altsanskrit verwendete (früher behaupteten russische Forscher, dass die Sprache der Indusschrift eine dravidische war). Wenn das stimmt, dann kann sich die betrachtete Datierung noch weiter erheblich verkürzen. Nach Meinung des russischen Universalgelehrten N. Morosov, die auch die heutigen Geschichtskritiker aus Moskau teilen, ist Sanskrit – wie auch Latein, AltGriechisch, Hebräisch, Arabisch, Jiddisch eine der Kultursprachen, die am Anfang des zweiten Jahrtausend n.Chr. künstlich geschaffen wurden, um neuen kulturellen Bedürfnissen Entsprechung zu gewährleisten. Ob das noch vor der letzten großen Katastrophe in der Mitte des 14. Jh. oder sofort nach der Katastrophe geschah, sei hier dahingestellt.
Auch eine Bemerkung bei Nehru brachte mich auf die Idee, dass die Industal-Kultur vielleicht noch im frühen Mittelalter existierte. Er beschreibt, wie die Häuser in Mohedjo-Daro aufgestockt wurden, weil das Erdreich immer höher wurde, und bemerkt, dass nur im Mittelalter eine so starke Änderung der klimatischen Bedingungen stattfand, dass die Wüste sich bildete und ausbreitete und man in der Gegend nicht mehr weiter leben konnte.

Wurde die indische Geschichte durch die "antiken" Griechen im Mittelalter entdeckt?
Im Kapitel "Die Entdeckung der indischen Geschichte" [7] liest man "Die Griechen (also keine Inder! – E.G.) waren die ersten, die Ereignisse der indischen Geschichte überliefert haben. Schon Herodot hatte im 5. Jahrhundert v.Chr. merkwürdige Dinge über Indien berichtet, beispielsweise, dass es dort goldgrabende Ameisen gäbe." Eine wirklich herausragende historische Leistung!

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Zwei landwirtschaftliche Szenen aus Kashmir. Eine persische Handschrift aus dem 19. Jh. Gut, dass es keinem Geschichtler gelang, dieses Manuskript in das 10. oder sogar 1. Jh. zu datieren (Aus: D.D. Kosambi, Das Alte Indien, Berlin, 1969, S. 3233)

Wie wir heute mit großer Sicherheit wissen, lebten die "antiken" Griechen im 1315 Jh. nach Chr., und ihre Werke, wie die von Herodot, wurden in der Renaissancezeit apokryphisch erdichtet oder unter einem Künstlernamen geschrieben. In diese – für die Geschichtskritiker sehr frühe historische Zeit passen auch die Vorstellungen von "Herodot", oder wie auch immer er wirklich hieß, von einem Wunderland Indien gut hinein.
Die nächsten sollen [7, S. 84] die Alexanderhistoriker sein, die nicht nur "Alexanders Indienzug detailliert beschrieben", sondern auch noch "dem Westen genauere Kunde von indischen Königen wie Poros" brachten. Also wieder waren es keine Inder, die dies zu leisten wussten. Und weil wir auch im Falle des Alexanders die Ereignisse des späten 15. Jh. vermuten (die Eroberung des Westen des asiatischen Kontinents durch den Iskander alias Mehmed oder Mohammed II.) oder sogar des 16. Jh., als die Armeen von Suleiman des Prächtigen wirklich bis nach Indien vordrangen, sind das keine besonders uralten Anfänge der indischen Geschichte.

"Von den Alexanderhistorikern und antiken Berichten aus erster oder zweiten Hand bezog auch das europäische Mittelalter sein vages Bild, das nun durch neue Kontakte, wie sie der Welthandel , aber auch die Kreuzzüge herstellten, neue Konturen erhielt". Eine sehr detaillierte historische Beschreibung von mehr als 1000 Jahren "indischer Geschichte"!
"Die Beziehungen zwischen Indien und der griechischrömischen Welt haben seit der Frühzeit der Indologie zu Forschungen und Spekulationen Anlass gegeben" schreibt W. Halbfass [11, S. 250] über die Kulturbeziehungen Indiens. Auch ohne entsprechende archäologische Funde und kulturhistorische Analyse hätten wir an solchen Beziehungen nicht gezweifelt. Aber uns geht es nicht um die bloße Existenz von Beziehungen, sondern darum, dass diese Beziehungen von den Indern historisch nicht dokumentiert wurden. Folglich gibt es auch keine Chronologie dieser und anderen ähnlichen Beziehungen, nur die erwähnten Spekulationen.
"Bedeutsame, im einzelnen freilich umstrittene Kontakte entwickeln sich im griechisch-bakrischen Nordwesten. [...] Die Frage der kultureller Wechselwirkungen, zu denen es in der kosmopolitische Atmosphäre Alexandrias gekommen sein mag , ist oft, jedoch selten mit definitivem Ergebnis diskutiert worden." [11, S. 251]. Mit anderen Worten: wo keine Geschichtsschreibung und keine Chronologie vorhanden waren, kann man heute nur deuten, annehmen, spekulieren, von Spekulationen profitieren etc. Aber aus Nichts entsteht trotzdem nur ein Nichts.

Sogar der Name "Indien" stammt von den Europäern
Wirklich, bis heute betrachten die Inder diesen Namen als ein englisches Wort (Erbe der Kolonialzeit: Englisch wird auch heute noch in Indien als eine der Staatssprachen behandelt). Die Inder kennen nur den Fluss Sindhu (den wir heute als Indus bezeichnen) und nennen ihr Land Bhârat, nach dem sagenhaften Weltherrscher. Bhârata (BRT sind im Russischen die Konsonanten der Wörter "brat" = "nehmen", "borot" = "jemanden bekämpfen", aber auch "brat" = "Bruder").
"Die Bezeichnung 'Indien' und 'indisch' haben erst in der Neuzeit ihren heutigen geographischen und historischen Sinn erhalten" [7, S. 83]. Vermutlich waren auch hier die Großmoguln die ersten (wie auch bei der ganzen indischen Geschichte): sie nannten das große Land Hindustan oder Hindostan.
Das Wort Indien stammt nach Überzeugung von Fomenko und Nossovski vom russischen Wort "inde", was so weil wie "weit entfernt", "irgendwo" bedeutet. Die westlichen Geschäftsleute sollen auf den osteuropäischen Märkten gefragt haben, von wo die exotischen Waren kommen, die dort verkauft wurden, und hörten gerade diese Antwort: "Aus einem weit entfernten Land, inde". Das Wort hat auch im Latein eine ähnliche Bedeutung: weit, von dort, entfernt. Soll das bedeuten, dass die Moguln aus dem russischen Norden kamen oder mindestens mit den Russen im engen Kontakt standen? Der Eroberer Babur soll aus Samarkand gekommen sein.

  • Das Wort Mogul (Moguln) kann als Weltherrscher interpretiert werden: MGLN sind die Konsonanten der Wörter
  • Mongole, Menge, mnogo (russ.) = viel
  • Megalç (Alt-Gr.) = Große Göttin = lat.: Magna Mater,
  • megalion (Alt-Gr.) = groß,
  • magnâlia (lat.) = Wunder, große Errungenschaften

Das Wort Mogul ist auch mit den russischen Worten "mogu, mogushchij, mogushchestwennyj" verbunden, die soviel bedeuten wie "kann, derjenige, der kann, mächtiger".

Wussten die Araber vielleicht etwas über die Geschichte Indiens?
Ich fand folgende Stelle: "Der Inschriftenkunde und Numismatik [...] kommt als Geschichtsquelle erhöhte Bedeutung zu, da die alten Inder der Historiographie wenig Aufmerksamkeit schenkten, was bereits 1000 n. Chr. al-Biruni [...] beklagte" [11]. Zu diesem Satz fielen mir zwei Überlegungen ein:

1) Erstens möchte ich die Leser auf die listige Art und Weise aufmerksam machen, auf die Kasuistik, mit der die Geschichtler den ganz klaren Stand der Dinge zu vertuschen versuchen. Wenn man in den Taschen kein Geld hat, wirklich keine einzige Kleinmünze, dann ist es vielleicht noch möglich zu behaupten, dass man wenig Geld in den Taschen hat (man hat doch früher Geld in den Taschen gehabt). Aber wenn man in Indien überhaupt keine Historiographie hatte, auch in den früheren und noch früheren Zeiten nicht, weil die Idee der Geschichte im westlichen Sinne des Wortes in Indien gar nicht existierte, dann ist die zitierte Behauptung ein glatte Lüge. Mit gleicher Gelassenheit könnte man heute schreiben, dass die alten Inder der Atomenergie leider wenig Aufmerksamkeit schenkten.

2) Zum zweiten veranlasste mich dieser Satz, noch einmal im Buch von Biruni zu blättern, das ich in der reichlich kommentierten russischen Ausgabe [15] besitze. Man findet in diesem umfangreichen Buch (ca. 500 S. in russischer Übersetzung) alles Mögliche über Indien, so dass man mit Recht das Buch als eine Enzyklopädie des geistigen Lebens Indiens bezeichnet (eine andere Frage ist, welcher historischen Periode diese Aufzeichnungen zuzuordnen sind), nur keine Geschichte und keine historische Chronologie.

Übrigens wurde das Buch erst 1887 von E. Sachau in London zuerst in Arabisch und dann 1888 in englischer Übersetzung veröffentlicht. Er schätzte, dass das Buch etwa 1030 n.Chr. geschrieben wurde. Wie die russischen Kommentatoren des Buchs [15] schreiben: "Das ist wirklich ein glücklicher Zufall, dass dieses wunderschöne Werk bis zu unserer Zeit überlebte und in Form von einem so schönen Manuskript erhalten blieb, das eine Datierung 4. Dschumada 554/24 Mai 1159 beinhaltet und vom Autograph des Autors abstammt." (S. 50).
Auf der gleichen Seite beklagen die Kommentatoren, dass das Werk im Laufe der Jahrhunderte praktisch unbekannt geblieben ist und kaum durch andere arabischen Autoren zitiert wurde. Sie beklagen auch das Fehlen von positiven Rezensionen auf das Buch in der ganzen arabischen Literatur. Mit den Wörtern "kaum", "wenig" umschreiben die Geschichtler normalerweise das totale Fehlen. Wir können nur sagen: Was noch nicht existierte, konnte auch kaum erwähnt, zitiert oder rezensiert werden.
Jeder, der nur ein bisschen mit Apokryphen Erfahrungen hat, sollte eigentlich in dem Werk eine klare spätere Fälschung erkennen. Und wenn doch einige wenige arabischen Autoren das Buch von Biruni zitierten, dann sollte die falsche Datierung dieser Autoren behoben werden (oder diese Zitate als spätere Einschübe entlarvt werden). Vermutlich wurde die Fälschung erst im 19. Jh., vielleicht auch etwas früher produziert. Das würde auch den gelobten guten Zustand des Manuskripts erklären. Ob dem wirklichen Autor des Indienbuchs Werke aus der Zeit vor dem Ankunft der Europäer in Indien zur Verfügung standen oder er die späteren Quellen benutzte und er jede Erwähnung von Europäern mied, um sein Werk für den künftigen Käufern interessanter zu machen, das sollten künftige Forscher herausfinden.

Endwort, das noch kein endgültiges Wort ist
Die kritischen Bemerkungen zur indischen Geschichte (oder genauer: zur Pseudogeschichte) sind damit noch keinesfalls abgeschlossen. Aber auch aus diesen unseren Ausführungen sollte jedem klar sein, dass:

  • Indien vor 1500 n. Chr. keine Geschichtsschreibung kannte,
  • in Indien keine Chronologie vor der westlichen Eroberung existierte,
  • die Geschichtler versuchen, eine lange indische Geschichte zu erdichten

Unsere hier nicht präsentierten Zweifelsmomente beziehen sich auf die ganze heutige Geschichtsschreibung für die Zeit vor 1500. Insbesondere zweifle ich an der Existenz eines Imperiums der Mauryas (und überhaupt jedes großen Imperiums in der Vormogulnzeit). Waren das vielleicht die Mauren (die Moslems) etwa im 15 Jh. und deren uns heute nicht mehr bekannten Staaten? Eine Islamisierung im 15. Jh. könnte die unglaublichen Erfolge der Moguln bei der Indieneroberung erklären.
Auch das spätere Kaiserreich der Guptas ist vermutlich eine reine Phantasie der Geschichtler. "Die nationale indische Geschichtsschreibung sucht den Weg zum unabhängigen Einheitsstaat als große Linie herauszuarbeiten". [11, S. 187]. Für eine solche ideologisch geprägte Gerade können die imaginären Reiche vielleicht von Bedeutung sein. Für eine der geschichtlichen Vergangenheit entsprechende ehrliche Geschichtsschreibung ist nur ein Kriterium wichtig: Belegbarkeit der historischen Behauptungen. Und damit tut sich die indische "Geschichte" bis heute sehr schwer.
Viele Quellen der vor kurzem geschriebenen indischen "Geschichte" sind noch weniger glaubhaft als die "Indische Enzyklopädie" von AlBiruni. Andererseits sprechen die zahlreichen Ähnlichkeitsmomente bei Religionen und in der Kunst für intensive Kontakte zwischen Indien und der christlichen Welt in vorgeschichtlicher Zeit, also vermutlich im 14. und 15. Jahrhundert. Pech für die indische Geschichte, dass diese Kontakte von den Beteiligten historisch nicht erfasst wurden und heute mit großer Mühe verstanden werden müssen. Auch die Erwähnung von "antiken" Griechen im Zusammenhang mit kulturellen Kontakten spricht für die Geschichtskritiker für die Datierung dieser Kontakte in die erwähnten zwei Jahrhunderte am Ende des Mittelalters.

Literatur
1. Hugo Münsterberg, Der indische Raum, Holle, Baden-Baden, 1970 (Reihe "Kunst im Bild").
2. The New Cambridge History of India, Bd. 1 / 2, Cambridge, 1989
3. Dr. Ludwig Reinhardt, Urgeschichte der Welt, Die Kulturen der Vor und Frühgeschichtlichen Metallzeit. Nach den neuesten Forschungsergebnissen, Benjamin Harz, Berlin-Wien, 1924 (I. Band: Der Orient, 718 S., II. Band: Der Occident, 712 S.).
4. Oskar Jäger, Weltgeschichte in vier Bänden, Bielefeld/Leipzig, 1894.
5. Guillaume Raynal, Denis Diderot, Die Geschichte beider Indien, Nördlingen, 1988
6. Gita Dharampal-Frick, Indien im Spiegel deutscher Quellen der Frühen Neuzeit (15001750). Studien zu einer intellektuellen Konstellation, Niemeyer, Tübingen, 1994.
7. Friedrich Wilhelm, Geschichte, in: Heinrich Gerhard Franz, Das alte Indien, Geschichte und Kultur des indischen Subkontinents, C. Bertelsmann, München, 1990, S. 83146.
8. Veit Valentin, Weltgeschichte. Völker, Männer, Ideen, Amsterdam, 1939,
9. Jawaharlal Neru, The Discovery of India, London, 1951
10. Kavalam Madhava Panikkar, "Geschichte Indiens", Düsseldorf, 1957.
11. Heinz Bechert, Georg von Simson (Hrsg.), Einführung in die Indologie, Stand, Methoden, Aufgaben, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1993.
12. G. Heinsohn, Die Sumerer gab es nicht, Frankfurt/M, 1988.
13. Gunnar Heinsohn, Wer herrschte im Industal? Die wiedergefundene Imperien der Meder und Perser, Mantis, Gräfelfing, 1993
14. Kurt Schildmann, Als das Raumschiff "Athena" die Erde kippte. Indus, Burrows-Cave und Glozel-Texte entziffert, Suhl, 1999
15. Abu Reichan Biruni, India, Ladomir, Moskau, 1995 (in Russisch)