Scaliger I PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: eino Gabowitsch   
Donnerstag, den 14. Mai 2009 um 22:56 Uhr

27 Feb. 2007 11:33


DIE GESCHICHTE AUF DEM PRÜFSTAND


Eugen Gabowitsch





St.-Peterburg, Verlagshaus "Neva", 472 S., 2005



ISBN: 5-7654-4398-2



erschienen in russischer Sprache (Originaltitel: Istorija pod snakom voprossa)




Autorisierte Übersetzung von Sören Kliem (Dresden)





Kapitel 10: Der geniale Schöpfer der modernen Chronologie: Joseph Justus Scaliger



. Gäbe es keine Chronologie, so müsste man sie erfinden.

. Marx, Karl: Geschichte – Heroin für das Volk.

. Gesammelte Werke, Band 128, S. 27.



Inhalt





Teil 1.

Einleitung

Der Vater der Chronologie: der Wahrsager Scaliger

Scaliger und andere über Scaliger

Diese merkwürdige Autobiographie

Der weise Gelehrte Scaliger (aus Wainstein, S.375-377)

Kritik an und Verherrlichung von Scaliger im Buch von Ideler.


Teil 2.

Scaliger und sein Neuentdecker Fomenko

Moderne Scaligerkunde

Der Weg vom Autodidakten zum Experten

Krieger und Gelehrter

Die Berichtigung des unkorrigierbaren chronologischen Schatzes.


Teil 3.

Chronologiekonstrukteur Scaliger

Mein ergebener Freund Isaac Casaubon

Eine sensationelle „Entdeckung“

Das Rätsel der „alten“ Manuskripte

Schlussfolgerung: Über die Unmöglichkeit des Unmöglichen

Literatur





Teil 1.

Die Historiker erzählen liebend gerne über angebliche sporadische Fälle der Verwendung von Daten ab Christi Geburt im sechsten (Dionysius Exiguus), am Anfang des siebten (angeblich in Papstdokumenten) und von 965 bis 972 (angeblich während der Zeit von Papst Johannes XIII.). Aber die Existenz der Päpste und selbst der katholischen Religion in diesen fernen Zeiten wird von der Geschichtsanalytik in Zweifel gezogen.

Auch die Behauptung der Historiker, dass beginnend mit dem Jahr 1431 unter Papst Eugen IV. in der päpstlichen Kanzlei die reguläre Verwendung der „christlichen“ Jahreszählung begonnen wurde, ist wenig wahrscheinlich. Höchstwahrscheinlich wurden die entsprechenden Dokumente nachträglich geschrieben oder datiert, als das System der Jahreszählung sich wirklich zu verbreiten begann.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass dessen tatsächliches Erscheinen mit der gregorianischen Kalenderreform verbunden ist und dass es nach dieser, die angeblich im Jahr 1582 stattfand, noch sehr lange Zeit gedauert hat (Jahrzehnte), bis die Verwendung dieser Jahreszählung zumindest bei den Katholiken durchgesetzt wurde. Einige westliche Autoren, so z.B. Pfister, zweifeln weiter an der Richtigkeit der Datierung der gregorianischen Kalenderreform und meinen auch, dass unsere Vorstellungen über sie in einer späteren Zeit ausgedacht wurden.

Wenn die Katholiken wirklich Daten u.Z. seit 1431 verwendet hätten, so wäre ihnen sehr bald aufgefallen, dass nicht alle historischen Daten Ereignissen entsprechen, die nach Christi Geburt stattgefunden haben. Das betrifft praktisch alle Ereignisse, die im Alten Testament – dem heiligen Buch der Katholiken – beschrieben sind. Aber die Historiker sind davon überzeugt, dass Daten vor Christi Geburt erst seit 1627 verwendet werden. Daraus folgt, dass entweder die Katholiken im 15., im 16. und selbst im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts das Alte Testament noch nicht kannten (einige deutsche Autoren der Geschichtsanalytik halten dies für möglich) oder dass das System der Jahreszählung ab Christi Geburt bis 1627 praktisch noch nicht verwendet wurde.

Das Vorhandensein solcher Daten in der berühmten „Weltchronik“ von Hartmann Schedel aus dem Jahr 1493 widerspricht scheinbar der zweiten Schlussfolgerung. Aber meine Zweifel bezüglich der richtigen Datierung des Erscheinens dieser „Chronik“ habe ich im vorhergehenden Kapitel dargelegt.



Der Vater der Chronologie: der Wahrsager Scaliger

An den Anfängen der modernen Chronologie stand nicht irgendein unbekannter Scholastiker, sondern ein führender Wissenschaftler vom Endes des 16. und Beginn des 17.Jahrhunderts. Es war Joseph Justus Scaliger (angeblich 1540-1609), der letzte große Vertreter der Renaissance, wie man ihn nach seinem Tod nannte. Scaliger war der Sohn eines anderen berühmten „Humanisten“, des italienischen Arztes, Philologen und Kritikers Julius (Kai Julius) Cäsar della Scala (angeblich 1484-1558). Im Verlauf von einhundert Jahren bestimmten erst der Vater und dann sein Sohn das Denken ihrer Zeitgenossen in Westeuropa.

Der italienische Namenszusatz „della“ ist dem deutschen „von“ gleichwertig und soll auf die adlige Herkunft der Scaligers hinweisen: das Geschlecht der „Scala“ gehörte zu den bedeutendsten Adelsfamilien Italiens. Dieses Geschlecht hat in seiner Zeit Verona regiert. Auf dem Gedenkstein für Scaliger, der an der Stelle seiner Umbettung in Pieterskerk im Jahr 1819 aufgestellt wurde, steht geschrieben, dass er ein Nachkomme der Herrscher von Verona ist. In Wahrheit allerdings standen die Scaligers in keinerlei Beziehung zum Geschlecht der Scala. Sie stammten nach Gerüchten aus einer verarmten Adelsfamilie von Bourdon (nach anderen Informationen kann die Familie aus Bordeaux und hieß italienisch Bordoni). In einem Brief an seinen Freund Casaubon im Jahr 1597 beschwert sich Scaliger darüber, dass viele an seiner adligen Herkunft zweifeln.

Später hat Scaliger Junior behauptet, dass das Märchen über die Abstammung von den Veroner Fürsten habe sein Vater erfunden. Er hat angeblich an seine aristokratische Vergangenheit geglaubt und hat sich immer bemüht, sich entsprechend diesen Vorstellungen zu verhalten. Im Allgemeinen führte das zu Hochmut und Arroganz, aber auch zu hahnenkampfartigen Angriffen auf Gegner.

Der freie Umgang mit der Wahrheit über die eigene Herkunft war die erste, aber bei weitem nicht die letzte Ungenauigkeit in der Geschichte dieser Wissenschaftlerfamilie. Nebenbei gesagt, diese und auch ihre weiteren Erfindungen entsprachen völlig dem Zeitgeist: der Humanismus der Renaissance anerkannte in erster Linie eine extrem humane Einstellung zu allen Umänderungen, die zum eigenen Vorteil gereichten. Scaliger behauptete in seiner Autobiographie, dass weder er noch sein Vater jemals fremde Gedanken wiederholt hätten. Grafton bringt zahlreiche Beispiele des mehr als freien Umgangs mit fremden Texten.

Julius Cäsar Scaliger (Scaliger Senior) „der ein umfangreiches Wissen über die klassische Antike besaß“ [Anonym], lebte angeblich zuerst in Venedig oder Padua ehe er nach Frankreich übersiedelte, wo er die zweite Hälfte seines bewussten Lebens verbrachte. Hier in Frankreich wurde dem über 50jährigen Julius Cäsar sein 10. Sohn Josef Justus geboren, der jüngste der fünf überlebenden. Mit elf wurde er zu einer lateinischen Schule geschickt. Einige Jahre später übernahm sein Vater selber seine Ausbildung. Täglich sollte Josef Justus eine lateinische Rede zum vorgegebenen Thema schreiben. Der Vater tat viel dafür, seinem Sohn eigene Kenntnisse der klassischen und östlichen Sprachen weiterzugeben. Joseph Scaliger, der in den Universitäten von Paris und Bordeaux studierte, beherrschte diese Sprachen mehr oder weniger frei.

Im Alter von 22 Jahren trat Joseph Justus der Reformationskirche bei. Er nahm an zwei Kriegen auf Seiten der Hugenotten teil und flüchtete nach der Bartholomäusnacht nach Genf (dort lebte er bis 1574, wobei er die letzten zwei Jahre eine Professur innehatte). Den Endrest seines Lebens verbrachte er im lutheranischen Leiden, nachdem er letztendlich 1593 schon im für die damalige Zeit recht fortgeschrittenen Alter (heutzutage werden in Deutschland Professoren in der Regel nur bis zu einem Alter von 53 Jahren berufen) eine Professur erhielt. Aber dafür was für eine! Es war der Lehrstuhl des berühmten Lipsius.

Zwischenzeitlich lebte er in verschiedenen Ländern, u.a. in Frankreich, wo er aktiv an theologischen Disputen zwischen Katholiken und Lutheranern teilnahm. Er zeichnete sich durch wissenschaftliche Arroganz und einer Leidenschaft für Dispute aus: „Die Gegner der Reformationskirche konnte er durch ungewöhnlich umfangreiches und fundiertes Wissen einschüchtern und besiegen.“, wie uns ein russischer Autor am Ende des 19. Jahrhunderts mitteilt [Mischtschenko].

Damit endet aber die Verherrlichung der Persönlichkeit des großen Gelehrten und Humanisten durch Mischtschenko noch nicht:

„Seine Biographie als genialer Wissenschaftler und unermüdlicher Kämpfer für Gewissensfreiheit und Freiheit der Forschung ist eng verwoben mit den Ereignissen der Religionskriege, mit den Erfolgen der Wissenschaften und mit den damals die ganze christliche Welt bewegenden Fragen von Theologie und Jahreszählung. ... Durch Scaliger befreiten sich die europäischen Wissenschaften von der Bevormundung durch die Wissenschaften der alten Griechen. Die Gelehrtheit von Scaliger ließ das Wissen und die Methoden der Gelehrten Alexandrias weit hinter sich.“

Es wird klar, wie viel Glück die Wissenschaft der Chronologie hatte, dass an ihren Anfängen so ein großartiger und vielseitiger Mensch stand. Denn genau er hat sie zu einer wissenschaftlichen Disziplin (selbstverständlich nach den Vorstellungen dieser Zeit) gemacht. Er führte auch die bis dahin fehlende Systematik ein. Nebenbei gesagt sollte man nicht vergessen, dass auch große Leute manchmal schummeln oder sich zumindest irren, besonders wenn sie eine wissenschaftliche Arroganz besitzen. Schon gar nicht davon zu sprechen, dass wir alle mal Fehler machen...

„Er war der Erfinder der wissenschaftlichen Chronologie, er verjagte den Nebel aus Vorurteilen und scholastischen Winkelzügen aus den historischen Wissenschaften. Er zeigte die Überlegenheit von vorurteilsfreien genauen Untersuchungen. Der Einfluss Scaligers erstreckte sich weit über die Grenzen Frankreichs und Hollands hinaus; seine wissenschaftliche Autorität wurde überall anerkannt. [...] Seine Fähigkeiten, seine wundersamen Kenntnisse der Sprachen, der Geschichte vieler westlicher und östlicher Völker, aber auch seine mathematischen, astronomischen und theologischen Kenntnisse traten in ihrer ganzen Pracht in seinem Werk „Korrektur der Zeit“ («De emendatione temporum», 1593; die beste Ausgabe: Genf, 1609) hervor. Im „Hort der Zeit“ (Thesaurus temporum, Leiden, 1606; zweite Ausgabe: Amsterdam, 1629) vervollständigte er diese Arbeit und brachte Korrekturen an. [...] Vor Scaliger herrschten nahezu ausschließlich mittelalterliche Methoden der Zeitrechnung nach den Kalendern der Heiligen und dem Kirchenkalender, die sehr unvollkommen und nicht verlässlich waren. Fast die gesamte Chronologie besaß die ausschließliche Aufgabe, die Daten für Ostern, Pfingsten u.s.w. zu bestimmen. Die Zeitrechnung bezog sich auf einige wenige Ereignisse in der Vergangenheit.“ [Anonym]

Ich habe dieses ausführliche Zitat gebracht, um zu zeigen, wie hoch der Beitrag von Scaliger-Junior zur Schaffung der modernen Chronologie noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingeschätzt wurde und wie man den Zustand dieser Wissenschaft vor ihm charakterisierte. Aber auch die Details über den Zustand der Chronologie vor Scaliger sind hochinteressant.

„Zur Grundlage der Chronologie machte Scaliger die chronologischen Aufsätze von Eusebius, seines Vorgängers Julius Africanus und seiner Nachfolger Hieronymus und Idacius. Alle diese Arbeiten schließen an die astronomischen und chronologischen Forschungen der Gelehrten Alexandrias an. Nach den Texten der alten Chronologen, deren Wiederherstellung ein Wunder divinatorischer Kritik waren, ließ Scaliger die „Bemerkungen zur Chronik von Eusebius“ folgen: hier werden alle Mittel der wissenschaftlichen Analyse der gegenseitigen Beziehungen der Völker des Altertums vorgestellt, und die biblische Geschichte wird auf Basis zahlreicher Quellen beleuchtet. Den „Bemerkungen“ folgte eine systematische Darlegung der Grundlagen der Chronologie mit Berechnungstabellen, bestätigenden Dokumenten und ähnlichem. Durch die Kraft der Eingebung (beide Hervorhebungen durch mich - E.G.) und auf Basis genauen Wissens hat Scaliger das Zeitgerüst der Weltgeschichte errichtet. Er ordnete ihr Material den Völkern zu, verteilte Ereignisse auf Perioden vom Beginn des assyrischen Reiches bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts u.Z.“ [Mischtschenko]

Hinter dieser Lobeshymne steht eine – möglicherweise unbewusste - Kritik, die sich in ihrem ganzen Ausmaß nur den heutigen Chronologieskeptikern erschließt. Das aus der Mode gekommene Adjektiv „divinatorisch“ (durch Einbildungskraft, durch Vorhersehen zukünftiger Ereignisse, durch Vermutungen, göttlich) spricht für sich. Durch die Verwendung in der seltsamen Kombination mit dem Substantiv „Kritik“ spricht Mischtschenko offen darüber, dass Scaliger die Chronologie auf der Grundlage von Annahmen, Vermutungen und künstlichen Konstrukten, und nicht auf der Basis genauer historischer Informationen erstellt hat. Genauer werden wir über die wundervollen Vermutungen und die reiche Einbildungskraft von Scaliger weiter unten sprechen.



Scaliger und andere über Scaliger

Nebenbei gesagt, mit der Erschaffung der Chronologie und der Wiederherstellung der historischen Quellen durch die Kraft der Eingebung endet die Liste der Verdienste von Scaliger für die Geschichte noch nicht. 1606 gab er den Aufsatz „Über Münzen“ heraus, in dem „er die Wichtigkeit der Münzen für die historischen Wissenschaften herausarbeitete“ [Anonym]. Es ist auch wichtig, auf folgendes interessante Detail hinzuweisen: trotz der durch niemanden bestrittenen Rolle (die allerdings unseren zeitgenössischen Historiker völlig unbekannt ist) des Begründers der Chronologie der Weltgeschichte, sind seine Werke – auch die wichtigsten davon – in keine moderne Sprache übersetzt worden.

Die einzige Ausnahme bilden hier seine Autobiographie und einzelne Briefe. Der größte Teil der Autobiographie wurde 1873 in die französische Sprache übersetzt. Die Briefe von Scaliger wurden im Jahr nach seinem Tod veröffentlicht. Ihre vollständigste Ausgabe erschien 1627 und wurde im Jahr darauf erneut verlegt. In den nächsten zwei Jahrhunderten wurden in verschiedenen Ausgaben die Briefe veröffentlicht, die nicht Bestandteil der ersten Kollektion waren.

Natürlich müssen Leute, die sich für die Grundlagen der Chronologie interessieren, Sprachen kennen. Dazu zählt selbstverständlich auch die heute tote Sprache Latein, in der Scaliger hauptsächlich schrieb. Aber auch die „römischen“ Klassiker sollte man besser im „Original“ lesen. Aber praktisch alle führenden Autoren des „antiken“ Roms und auch des Mittelalters, die auf lateinisch schrieben, sind in alle großen Sprachen der Welt übersetzt worden. So kann sie ein gebildeter Mensch lesen, selbst wenn er des Lateinischen nicht mächtig ist.

Aber unseren Scaliger liest besser niemand! Interessant, warum wohl? Vielleicht entstehen durch das Lesen seiner Arbeiten beim Leser zu viele „unrichtige“ Vorstellungen über die Anfänge dieser Wissenschaft. Vielleicht beginnt der Leser an der Stichhaltigkeit der Erörterungen und Resultate unseres großen Chronografen zu zweifeln. Oder er bemerkt mit Erstaunen, dass in der Mehrzahl der Fälle Erörterungen und kritische Analysen der historischen Daten bei Scaliger komplett fehlen und er nur Hinweise auf durch ihn divinatorisch korrigierte „antike“ Autoren, d.h. Autoritäten findet.

Interessanterweise findet man im Buch „Die Geschichte der Kultur der westeuropäischen Staaten in der Renaissance“, das unter der Redaktion von L.M. Bragina verfasst wurde, keinen einzigen Hinweis auf Scaliger. Dieses Buch ist durch das entsprechende Ministerium als Lehrbuch für Hochschulstudenten in Geisteswissenschaften zugelassen worden. Obwohl es im Kapitel „Die Kultur Frankreichs vom Ende des 15. bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts“ einen Abschnitt „Die Entstehung der Geschichte“ gibt, findet man dort über ihn kein Wort. Ach ja, zu dieser Zeit war Scaliger schon nach Leiden übergesiedelt. Aber er wird weder im entsprechenden Kapitel über den Humanismus in den Niederlanden noch im Abschnitt über Justus Lipsius und in den Kapiteln „Wissenschaft“ und „Literatur“ erwähnt.

Dieses totale Verschweigen eines genialen Gelehrten, des Gründers einer ganzen Reihe von neuen wissenschaftlichen Disziplinen und des glänzendsten Humanisten seiner Epoche spricht Bände. Nebenbei gesagt, beim Vergleich dieses Buches mit dem Buch von Wainstein fiel mir auf, dass praktisch alle Hinweise auf die Aufdeckung historischer Fälschungen im Buch von Bragina fehlen, während das Buch von Wainstein damit gespickt ist. Dieses Thema wird aktiv verschwiegen. Eine Ausnahme bildet ein kurzer Hinweis auf die Chronik des polnischen Autors M. Stryjkowski (1582), in dem gesagt wird, dass auf Grund von historischer Unkenntnis die blühende Phantasie des Autors Eingang in die Chronik fand (ich sehe überhaupt keinen Grund, dies nur Stryjkowski vorzuwerfen: War das nicht charakteristisch für alle historischen Arbeiten des Humanismus?). Ist nicht diese schreiende Art des Verschweigens von Scaliger eine spezifische – und völlig hilflose – Form der ideologischen Reaktion auf die Entstehung der Neuen Chronologie in Russland.

Autoren, die auf lateinisch geschrieben haben, werden natürlich auch in die russische Sprache übersetzt. Vor kurzem erschien „Das Leben Karl des Großen“ von seinem angeblichen Zeitgenossen Einhard (Einhard, sage mal, hat man Karl schon zu Lebzeiten den Großen genannt?) unter der allgemeinen Überschrift „Historiker der Epoche der Karolinger“ zusammen mit einigen recht zweifelhaften historischen Arbeiten (Moskau, 1999). Zweifelhaft sind sie in dem Sinne, dass die durch sie beschriebene Epoche aller Wahrscheinlichkeit nach genauso wenig existiert hat (die erfundene Epoche der Karolinger) wie die „Historiker“, denen die übersetzten Chroniken zugeschrieben wurden.

Aber was ist mit den Arbeiten von Scaliger? Er hat doch wenigstens mal irgendwann real existiert! Kürzlich wurde auch die „Methode des leichten Verstehens der Geschichte“ (Moskau, Nauka, 2000) von Jean Boden (angeblich 1539 – 1596) auf Russisch übersetzt. Dessen Beitrag zur Schaffung der Chronologie ist eindeutig kleiner als der von Scaliger. Schauen wir, ob man in den nächsten Jahren wenigstens die grundlegenden chronologischen Arbeiten von Scaliger übersetzt.



Diese merkwürdige Autobiographie

Die Biographie von Scaliger war wenigstens seinen Zeitgenossen und den nachfolgenden Generationen bekannt. Er hinterließ eine kurze aber sehr informative Autobiographie (siehe [Scaliger3]). Sie umfasst allerdings nicht die letzten 15 Jahre seines Lebens. Weiterhin sind sein Testament und zwei Reden von Schülern und Kollegen, die auf seiner Beerdigung verlesen wurden, bekannt. Diese Texte existierten allerdings auch hunderte von Jahren nur auf lateinisch. Erstmalig wurde ihre englische Übersetzung 1927 in [Robinson] veröffentlicht.

Im Vorwort zu diesem Buch wird Scaliger durch den Herausgeber und Übersetzer George Robinson zum größten Gelehrten aller Zeiten erklärt und die Frage gestellt, ob er diesen Titel mit Aristoteles teilen soll oder nicht. In jedem Fall, so unterstreicht Robinson, kann keiner der Gelehrten der Neuzeit (eine Definition dieses Begriffs wird nicht gegeben, aber es scheint um die letzten fünf bis sechs Jahrhunderte zu gehen) mit ihm konkurrieren. Der Phönix von Europa, der Leuchtstrahl der Welt, der unendliche Ozean der Wissenschaft, der Allwissende, der unermüdliche Verfasser von Briefen, das höchste Werk und Wunder der Natur, der Sieger über die Zeit – das sind einige der Attribute und Charakteristiken, mit denen man Scaliger zu Lebzeiten und nach dem Tode ausgezeichnet hat.

Robinson versucht zu erklären, warum sich trotz allem – bis zum Erscheinen seines eigenen Buches mit der Autobiographie – niemand ernsthaft an die Aufgabe gemacht hat, eine ausführliche Biographie dieses großen Gelehrten zu verfassen. Er stellt die Behauptung auf, dass solch einer Aufgabe nur ein zweiter Scaliger gewachsen sei. Marc Pattison versuchte, diese grandiose Idee in die Tat umzusetzen, indem er eine ausführliche Betrachtung des Buches [Bernays] verfasste. Leider starb Pattison, bevor er die begonnene Sache zu Ende führen konnte. Robinson ist der Meinung, dass diese Aufgabe kaum vollständig umsetzbar ist, und so können wir uns glücklich schätzen, dass uns wenigstens das relativ kleine Buch von Bernays einen Eindruck vom Leben und Wirken Scaligers vermittelt. Robinson zählt auch eine Reihe von Aufsätzen über Scaliger auf, die in Enzyklopädien und speziellen Sammelbänden veröffentlicht sind.

Ganz bescheiden hat Scaliger seine Autobiographie 15 Jahre vor seinem Tod verfasst (in weiser Voraussicht, dass nach seinem Tod niemand mit dieser Aufgabe fertig werden würde). Er veröffentlichte sie 1594, genau in dem Jahr, in dem er die Leitung des Lehrstuhls in Leiden übernahm. Vor Robinson stand die schwierige Aufgabe, aus der großen Zahl der Briefe Scaligers die auszuwählen, die seinen letzten Lebensabschnitt am besten charakterisieren.

Bücher über Scaliger gibt es nur wenige. Das ist umso mehr verwunderlich, als wir es mit einer Persönlichkeit zu tun haben, die Spuren in der Geschichte hinterlassen hat, die man ohne weiteres mit denen Martin Luthers oder Erasmus von Rotterdam vergleichen kann. Letztendlich beherrscht die Religion, die letztere erschufen (Evangelismus, Protestantismus, Lutheranertum) nur ein paar Millionen Menschen. Aber die traditionelle Chronologie, deren rein religiöser Charakter den Vergleich Scaligers mit den Gründern einer der christlichen Religionen rechtfertigt, ist heute Pflicht für alle sechs Milliarden Bewohner unseres Planeten.

Das erste Buch über Scaliger, seine Biographie [Bernays], ist zur Hälfte auf Latein geschrieben. Die zweite Hälfte besteht aus einer Reihe von Zitaten aus seinen Werken und Briefen mit kurzen deutschen Erläuterungen. Das Buch wurde auf der Grundlage von sehr begrenztem biographischem Faktenmaterial verfasst, wie man aus der Einleitung, die in Form eines Briefes an seinen Lehrer, einen Professor in Bonn, geschrieben ist, schließen kann. Der handschriftliche Nachlass von Scaliger wurde über viele Bibliotheken verstreut, obwohl viele seiner Briefe veröffentlicht wurden. Aber das wichtigste ist, wie der Autor Bernays meint, dass aus unerfindlichen Gründen das vorliegende Material vollkommen unterschätzt wurde (d.h. niemand hat Bücher über Scaliger auf Grundlage dieses Materials geschrieben).

Das ist diesem Autor auch deshalb so unverständlich, als er die Persönlichkeit Scaligers äußerst hoch einschätzt. Allerdings sieht er ihn als großen Schriftsteller und nicht als Historiker (In der Mitte des 19. Jahrhunderts betrachtete man die Geschichte – und das völlig zu Recht – noch als Teil der Literatur, als ihr spezifisches Genre. Erst im 20. Jahrhundert versuchten die Historiker, sich als Vertreter einer gewissen „historischen Wissenschaft“ zu etablieren.). Er schreibt über ihn folgendes: „Niemand hätte größere Aufmerksamkeit seitens der modernen deutschen Philologie verdient!“

Literatur über Scaliger auf Russisch ist so selten, dass ich mir das Vergnügen nicht entgehen lassen konnte, die Scaliger gewidmeten Seiten aus [Wainstein] vollständig zu zitieren. Seine Einschätzung passt vollständig zu der absolut positiven Sichtweise – die allerdings in der neuesten Zeit nicht mehr so großartig zur Schau gestellt wird - der Tätigkeit Scaligers im Rahmen der traditionellen Geschichte. In dieser Hinsicht stimmt sie vollständig mit dem Buch von Bernays überein, obwohl Wainstein über dieses Buch im Rahmen der Informationen über Scaliger als Fußnote folgendes vermerkt:

„In diesem hervorragenden Buch werden allerdings die Verdienste der italienischen Humanisten über alle Maßen herabgewürdigt. Fälschlicherweise wird Valla als „Einzelgänger“, der keine Nachfolger hatte, betrachtet. Die Verdienste von Scaligers Kontrahenten und Vorgänger auf dem Lehrstuhl der Universität von Leiden Justus Lipsius (1547-1606) werden deutlich unterbewertet.“

Nebenbei gesagt, teilt Wainstein nichts Konkretes über diese Verdienste mit. Augenscheinlich lagen sie nicht im Bereich der Historiographie sondern eher in der Philologie, der Philosophie und im politischen Denken, obwohl dieser bekannteste holländische Humanist nach Erasmus (angeblich 1547-1606) auch Professor für Geschichte in Jena (Deutschland), Löwen (heute Belgien, in der damaligen Zeit dank der 1425 gegründeten katholischen Universität das geistige Zentrum der Niederlande), Leiden (Holland, an der durch Wilhelm von Oranien 1575 gegründeten protestantischen Universität) und am Ende seines Lebens erneut in Löwen war. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass Lipsius, der in die Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen hineingezogen wurde, mehrmals seine eigene Konfession ändern musste. Seine wichtigste geistige Waffe waren seine hervorragenden Kenntnisse der „antiken“ Literatur und der lateinischen Stilistik. Zeitgenossen, die seinen Stil nachahmten, nannten sich stolz Lipsiusisten. Seine Ausgaben der Werke der lateinischen Autoren von Tacitius bis Seneca nennt man epochal. In der politischen Philosophie gilt er als der Begründer der Idee des Absolutismus. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass man Scaliger, der den Lehrstuhl von Lipsius in Leiden übernahm, als dieser in die damals berühmtere Universität von Löwen zurückkehrte, als Gegner des berühmten Niederländers betrachtete. Persönlich sind sie sich nie begegnet, obwohl Leiden und Löwen nicht sehr weit voneinander entfernt sind. Aber im Verlaufe von 30 Jahren, bis zum Tode von Lipsius, standen sie im Briefwechsel.



Der weise Gelehrte Scaliger (aus Wainstein, S.375-377)

Die Gründlichkeit der kritischen Methoden, die Reichhaltigkeit der verwendeten Quellen, das wissenschaftliche und vergleichsweise vollständige Bild der frühen Geschichtsperioden Frankreichs – das sind Merkmale der Untersuchungen von Fauchet und Pakee, den Vorläufern der komplett neuartigen Arbeiten des glänzendsten Vertreters der französischen Wissenskultur des 16. Jahrhunderts – Scaliger.

Joseph Justus Scaliger (Lescale, 1540 – 1609) wurde in der Familie des italienischen Humanisten und herausragenden Philologen Julius Cäsar Scaliger, der im Jahr 1528 in Frankreich eingebürgert wurde, in der Stadt Agen geboren. Nach der Beendigung der Hochschule in Bordeaux beschäftige sich Josef Justus mit großem Erfolg mit der Untersuchung und der Kommentierung römischer Autoren, speziell von Poeten. Scaliger erreichte dank seiner hervorragenden Kenntnisse der antiken Sprachen und der staunenswerte Gabe der Divination (!!! – E.G.) Ergebnisse in der philologischen Kritik, die die Errungenschaften aller seiner italienischen Vorgänger in den Schatten stellte. Seine Arbeiten zur der Korrektur von Texten, seine Kommentare zu einer Reihe von römischen Lyriker (Varro, Festus u.a.) zählten zu den beispielhaftesten seiner Zeit. Ihre wissenschaftliche Bedeutung behielten sie, entsprechend der Expertise von J. Bernays, auch im 19. Jahrhundert. Völlig zu Recht zählt man ihn zu den Gründervätern der neuen klassischen Philologie.

Was die historischen Wissenschaften angeht, so hat er hier durch die Schaffung zweier historischer Hilfswissenschaften – der Chronologie und der Metrologie - völlig neue Wege eröffnet. Weiterhin erkannte er als einer der ersten die Wichtigkeit der Numismatik für die Geschichtswissenschaften („De re nummaria“, Leyden, 1606).

Die Entstehung der wissenschaftlichen Chronologie ist eines der stärksten und überzeugendsten Beispiele der engen Verbindung von aktuellen gesellschaftspolitischen Interessen selbst mit solchen Wissensbereichen, die auf den ersten Blick völlig losgelöst von der Gegenwart erscheinen.

Zu dieser Zeit erschien das erste Werk von Scaliger, mit dem er die Grundlagen der erwähnten historischen Hilfswissenschaften legte – „Korrektur der Chronologie“ („De emendatione temporum“, 1583). Die Probleme der Chronologie erlangten eine wichtige Bedeutung im ideologischen und politischen Kampf zwischen den Kräften der Reformation und denen der katholischen Reaktion. Papst Gregor XIII. veranlasste auf Vorschlag des Mathematikers und Astronomen Aloisius Lilius, der auf grobe Fehler im julianischen Kalender hingewiesen hatte (Ganz so einfach war das alles aber dann doch nicht! – E.G.), am 4. Oktober 1582 die Einführung des neuen (gregorianischen) Kalenders, der für das 16. Jahrhundert alle Daten um 11 Tage nach vorn verschob. Die Protestanten sahen in dieser Neuerung den Ausdruck des Anspruchs des Papstes auf die Führung der „gesamten christlichen Welt“ und bewahrten dem alten Stil ihre Treue. Die Wellen schlugen besonders hoch, als Heinrich III. in einem speziellen Edikt seine Untertanen dazu aufforderte, sich an den neuen Stil zu halten. Unter diesen Bedingungen wurde die Arbeit von Scaliger, in der er die Berechnungen von Lilius durch wissenschaftliche Argumente zu widerlegen versuchte, besonders enthusiastisch von den Protestanten begrüßt. Die Einwände des protestantischen Gelehrten gegen den neuen Kalender waren falsch, aber trotzdem hatte die „Korrektur der Chronologie“ eine große wissenschaftliche Bedeutung. Sie enthielt eine Reihe spezieller Untersuchungen über verschiedene chronologische Systeme beginnend mit der alten Antike. Die Forschungsergebnisse beeindruckten durch Genauigkeit der Analysen und durch das riesengroße Wissen des Autors. Nach den Worten von Bernays „wurde die Chronologie von nun an zum Licht der Geschichte (Lumina historie)“.

1598 wurde die „Korrektur der Chronologie“ in einer radikal überarbeiteten Ausgabe neu herausgegeben. Sie enthielt neue kritische Untersuchungen der biblischen, frühchristilichen (patriotischen) und weiterer kirchlicher Dokumente. Im Prinzip wurde die gesamte römische Kirchentradition einer genauesten Analyse unterzogen. Die römische Kurie hat nicht gestört, dass hier durch bessere wissenschaftliche Methoden als bei Valla endgültig bewiesen wurde, dass die „Konstantinische Schenkung“ und die älteste Sammlung von Papsterlässen (pseudoisidorische Dekretalen) Fälschungen sind. Aber als großer Schlag erwies sich für Rom der Beweis der Fälschung von Dionysius Areopagita, der als historische Begründung für eine Existenz der Kirchenhierachie schon in der alten Antike, des Mönchtums, vieler kirchlicher Bräuche u.s.w., die angeblich seit der Entstehung des Christentums existieren, diente.




Kritik an und Verherrlichung von Scaliger im Buch von Ideler.

Es geht um das Buch [Ideler], das im 19. Jahrhundert das Standardwerk über die Grundlagen der Chronologie war. Im zweiten Band merkt der Autor eine ganze Reihe von Fehlern, die Scaliger gemacht hat, falscher Interpretationen oder Schlussfolgerungen an. Danach schreibt er auf S. 603 folgendes:

„Ich nutze die Gelegenheit (Es geht darum, dass Scaliger übersehen hat, dass in irgendeinem Text die Satzzeichen fehlen. Er verwendet diesen Text dann auch noch in dieser falschen Form und interpretiert ihn dreimal in verschiedenen Büchern bzw. Abschnitten auf unterschiedliche Art und Weise, indem er ihn erst einer, dann einer zweiten und noch einer dritten Schlacht mit verschiedenen Heerführern zuordnet. – E.G.), um kurz auf die chronologischen Arbeiten der zwei Helden dieses Fachs, Scaliger und Petavius, hinzuweisen. Joseph Scaliger schrieb am Ende des 16. Jahrhunderts sein wissenschaftliches Werk „Opus de emendatione temporum“, deren Genfer Ausgabe von 1629 die gelungenste ist. Weiterhin hat er Fragmente der Chronik des Eusebius bearbeitet, die er „Thesaurus temporum“ nannte. Scaliger ergänzte sie durch detaillierte chronologische Untersuchungen, die den Namen „Isagogici chronologiae canones“ (Zweite Auflage: Foliant, Amsterdam, 1658) erhielten. In beiden Werken hat er das Wissen der chronologischen Wissenschaft festgehalten und viele Fragen der Zeitzählung erhellt. Überhaupt war er der erste, der gezeigt hat, wie mit diesem Fach umzugehen ist. Bei all seiner Gelehrtheit und Geistesschärfe trägt er allerdings die Schuld an vielen wesentlichen Fehlern, die seiner blühenden, zu Hypothesen neigenden Phantasie und seinen begrenzten astronomischen Kenntnissen zuzuschreiben sind.“

Weiter führt Ideler aus, dass viele Fehler von Scaliger durch seinen Nachfolger und Kritiker Dionysius Petavius (auch Denis Petau oder Denis Petavius, siehe weiter unten) berichtigt wurden. Dieser stand Scaliger in Geistesschärfe und Gelehrtheit in nichts nach, war aber im Gegensatz zu seinem Vorgänger zur Selbstanalyse und Fehlersuche fähig. Auch hatte er ein deutlich größeres astronomisches Wissen. Nebenbei gesagt, in letzterem sehe ich nicht so sehr ein persönliches Verdienst von Petavius. Es ist vielmehr ein Resultat der gewaltigen Entwicklung der Astronomie am Beginn des 17. Jahrhunderts und der allmählichen Abkehr von der Astrologie, die in der Zeit von Scaliger noch eine führende naturwissenschaftliche Disziplin war.

Wenn man Ideler liest, darf man nicht vergessen, dass er zu 100 % im Rahmen der traditionellen Chronologie gearbeitet hat. Nirgends stellt er die prinzipielle Richtigkeit des gesamten chronologischen Systems in Frage. Es geht bei ihm nicht um die Kritik der Chronologie als künstliches und fantastisches System, das das Modell der Vergangenheit um das Zehnfache verlängert. Es geht nur um Kritik von Fehlern im Rahmen der traditionellen Chronologie. Letzteres im Blick schreibt er schon im Vorwort zu seinem zweibändigen Werk:

„Bei näherer Bekanntschaft mit diesem Genre der Literatur (es geht um die alten Texte, die die astronomischen Beobachtungen der antiken Sterngucker beschreiben – E.G.) konnte ich mich davon überzeugen, dass es ungeachtet einzelner verdienstvoller Werke trotzdem an einer ausführlichen Darstellung fehlt, aus der ein Geschichtsforscher, Philologe oder Astronom, kurz gesagt, jeder gebildete Mensch ein klares Bild über die Zählung der Zeit bei den antiken und neueren Völkern schöpfen könnte, ohne darauf angewiesen zu sein, die Werke von Scaliger, Petavius und der anderen Helden des Fachs zu vergleichen oder sogar selbst die Quellen zu analysieren.“

Beide angeführten Zitate von Ideler demonstrieren klar, dass es für diesen Klassiker der Chronologie des 19. Jahrhunderts selbstverständlich ist, dass Scaliger trotz seiner zahlreichen Fehler an der Wiege der modernen Chronologie der Weltgeschichte stand. Darüber spricht auch E. Bikerman auf S. 80 seines Buches [Bikerman], wo Scaliger und Petavius die Begründer der modernen Chronologie genannt werden. Beim Beschreiben ihrer Methoden spricht er über die durch sie durchgeführten Quervergleiche synchroner Informationen und über die Verwendung von astronomischen Daten. Auf S. 82 unterstreicht er noch einmal, dass „Joseph Scaliger der Begründer der modernen Chronologie als Wissenschaft ist und er versucht hat, das gesamte Werk von Eusebius zu rekonstruieren“.

Über den „Wert“ dieser schöpferischen Herangehensweise und des gesamten Kanons von Eusebius schreibt Bikerman auf S. 82: „Die Datierungen von Eusebius, die in den Handschriften oft falsch wiedergegeben sind, nutzen uns heute recht wenig, außer in den Einzelfällen, in denen wir keine verlässlicheren Informationen haben.“ Er ergänzt noch folgende abfällige Einschätzung des aktuellen Zustandes der Chronologie:

„Wie auch immer, ein moderner „Eusebius“, in dem kenntnisreich die modernen Errungenschaften der angewandten Chronologie zusammengefasst sind, existiert noch nicht. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass es unmöglich ist, anwenderfreundliche (und vor allem wahrheitsgetreue – E.G.) chronologische Tabellen zu erstellen, ohne auf die Tabellen, Listen und anderen Aufzählungen der antiken Gelehrten zurückzugreifen. Diese aber konnten ihrerseits auf Grund der fehlenden Normierung der Zeitrechnung Fehler machen.“

Über die Möglichkeit dieser Fehler sprach ich schon in den beiden vorangegangenen Kapiteln. Auf S.83 schreibt Bikerman:

„Das Fehlen verlässlicher Informationen in den chronologischen Angaben ermöglichte es der sasanidischen Tradition, den zeitlichen Abstand zwischen Alexander von Mazedonien und den Sasaniden von 557 auf 226 Jahre zu verkürzen. Die Judäer geben der persischen Periode ihrer Geschichte auch nur 52 Jahre, obwohl Kirus II. von Alexander von Mazedonien 206 Jahre trennen.“

Lasst uns noch auf den abschließenden Aufruf zur Vorsicht durch E. Bikerman hinweisen:

„Einfach gesagt, jeder der versucht, antike Datierungen in Daten unserer heutigen Zeitrechnung umzurechnen, soll an die einfache juristische Regel erinnert werden: der Käufer soll sich vorsehen.“ (S. 86)

Nebenbei gesagt, auch im in der Serie Studia Historica herausgegebenen Buch „Geschichte und Zeit“, das der Rolle der Geschichte im System der Geisteswissenschaften gewidmet ist, erkennen die Autoren Saweljeva und Poletaev an, dass Scaliger an der Wiege der modernen Chronologie stand. Auf S. 180 schreiben sie:

„Die Begründer der modernen Chronologie sind die französischen Gelehrten Joseph Scaliger (1540-1609), Dionysius Petavius (1583-1652) und G. Cassini (1677-1756). Eine allgemeine Theorie und Geschichte der Chronologie wurden durch den deutschen Gelehrten L. Ideler am Beginn des 19. Jahrhunderts erschaffen (1825-1826). Aus den zahlreichen folgenden Arbeiten in diesem Bereich muss man vor allem die fundamentalen Forschungen eines anderen deutschen Gelehrten – F. Ginzel, die am Anfang des letzten Jahrhunderts veröffentlicht wurden (1906-1914), hervorheben. (...)

Nebenbei gesagt, die Erörterung der mit der Datierung historischer Ereignisse verbundenen Probleme geht über den Rahmen unserer Arbeit hinaus. Sie ist Gegenstand zahlreicher spezieller Untersuchungen. Unsere Aufgaben sehen wir vor allem in der Analyse der bekanntesten chronologischen Systeme, die als Grundlage der historischen Zeit dienen, und der Herausarbeitung allgemeiner Prinzipien ihres Aufbaus.“


Die Geschichte der Chronologie hat Ideler mehr geschrieben als erarbeitet: zu seiner Zeit gab es schon soviel Literatur, dass es nicht mehr nötig war, sich die Geschichte der Chronologie auszudenken. Es war völlig ausreichend, nicht in den Widersprüchen, um die es im vorliegenden Buch geht, herumzustochern.



Geändert von Eino am 8.Mar.2007 17:32
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