Mauro Orbini, Il regno degli Slavi (Pesaro 1601; Nachdruck München 1985) PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Topper, Uwe   
Sonntag, den 17. April 2011 um 19:49 Uhr

Übersicht von Uwe Topper



Das besonders Verdienstvolle an diesem Nachdruck ist das Vorwort von Sima Cirkovic aus Belgrad, das Mark R. Stefanovich ins Englische übersetzt hat. Darin werden wir in ausführlicher Weise über die Person Orbini und ihr Werk unterrichtet.

Mauro Orbinis Eltern stammten aus Cattaro (Kotor) und zogen nach Ragusa (Dubrovnik), das damals eine selbständige Republik war. Dort ist der Autor der "Slawengeschichte" 1563 geboren. Mit 15 wurde er Mönch und trat ins Benediktinerkloster auf der Insel Meleda (Mljet) ein und nahm den Namen Mauro an. Sein erstes Buch schrieb er vor 1590, "De ultimo fine humanae vitae vel summo bono", von dem eine Handschrift in der Bibliothek von Padua erhalten sei, das aber keinen weiteren Einfluss ausgeübt habe.

Die beiden letzten Jahrzehnte seines Lebens, zwischen 1590 und 1610, sind von zahlreichen Turbulenzen gekennzeichnet. Sie ihn zeitweise als Günstling, dann wieder als Feind der Republik Ragusa oder der oberen Leitung seines Ordens und der Curie in Rom erscheinen. Orbini war Klosterabt und Bischof, ohne jedoch seine Aufgaben ständig zu erfüllen. Er musste sich vor der Inquisition in Rom rechtfertigen, wurde aber durch Fürsprache des Erzbischofs von Ragusa freigesprochen. Er starb am 30. November 1610.



Obgleich die Patrizier von Ragusa ihre Herkunft auf adlige römische Familien zurückführten, unternahm es Orbini doch, in seinem Geschichtswerk die große Bedeutung der Slawen hervorzuheben. Einige Dinge, die er darin verbreitete, mögen das Heilige Büro in Rom dermaßen geärgert haben, dass das Buch schon kurz nach Erscheinen 1601 auf den Index gesetzt wurde. Vermutlich aus demselben Grunde aber war es in Ragusa beliebt und wurde viel zitiert. 1638 erschien sogar eine lateinische Fassung in Versform. Es entsprach dem Freiheitsbewusstsein der ragusischen Republik, sich durch einen slawischen Hintergrund von der zentralisierenden Macht Roms loszusagen. Das mag der Hauptbeweggrund für die Abfassung des Buches gewesen.

Rom war selbstverständlich antislawisch. Die Menschen in Dubrovnik wollten politisch frei sein und fühlten sie sich als Slawen, natürlich auch die Mönche; auch wenn sie Italiener waren, um ihre Freiheit betonen zu können. Darin lag die politische Bedeutung von Orbinis Buch.



Der volle Titel von Orbinis "Slawengeschichte" wäre so zu übersetzen:

"Das Reich der Slawen, die heute richtigerweise Slawonen genannt werden. Geschichte des Herrn Mauro Orbini aus Ragusa, Abt von Meleda, in welcher der Ursprung fast aller Völker slawischer Sprache mit ihren vielen und verschiedenartigen Kriegen in Europa, Asien und Afrika, der Entwicklung ihres Reiches, dem antiken Kult und der Zeit ihres Übertritts zum Christentum dargestellt sind. Insbesondere werden die aufeinanderfolgenden Könige, die einst in Dalmatien, Kroatien, Bosnien, Serbien, Ragusa und Bulgarien herrschten, aufgezählt. Mit Genehmigung der Oberen gedruckt in Pesaro durch Girolamo Concordia 1601."

Der Nachdruck ist in sehr gutem Zustand, zeigt ein klares, gut lesbares Schriftbild, das nur bei einigen der viel kleineren Randglossen, meist Abschnittstitel, etwas schwierig ist. Der Inhalt ist oft sprunghaft und lässt dadurch erkennen, wo Orbini von einer Quelle zur nächsten wechselt. Denn das ist sicher: Nur die Anlage (Legenden, vermutete Geschichte und "echte" Geschichte) und Zielsetzung des Buches ist original, die Nachrichten stammen zum allergrößten Teil aus Werken, die damals im Umlauf waren, zum Teil aber heute verloren sind.

Dabei verfolgt der Autor die Linie, die in seiner Zeit allgemein Mode war: Man schafft Geschichte, indem man sie niederschreibt, ohne nach dem Wahrheitsgehalt der benützten Quellen zu fragen. Die Benützung der Vorlagen erfolgt nach rein dogmatischen Grundsätzen.

Unter den gleich zu Anfang aufgezählten über 250 Autoren sind so bekannte Namen wie Cicero, Joseph Flavius und Tacitus, Augustin und Euseb, Prokop und Zosimos, der Abt Tritheim und Hartmann Schedel oder Albert Krantz und Buesbeck verteten, aber auch eine große Zahl von Namen, die einzuordnen mir nicht mehr möglich scheint.

Indirekt hat die heutige Geschichtsschreibung fast alle diese von Orbini benutzten Quellen verwendet, nämlich indem sie das Garn weitergesponnen hat, das Orbini spann. Nur einige wenige hat man fallen gelassen, weil sie dogmatisch ketzerisch waren oder durch Skandal in Verruf gekommen.



Andererseits hat er aber gerade seine Hauptquellen verschwiegen, wie es Sima Cirkovic behauptet. So besonders Vinko Pribojevic (Vincenz Priboevius, De origine successibusque Slavorum, Venedig 1532), der neuerdings als Vorläufer der Panslawisten gilt und aus dem Orbini große Partien wörtlich übernahm, wie erst durch neueste Untersuchungen (1975) bekannt wurde.



Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil ist die Vor- und Frühgeschichte der Slawen beschrieben, ihre Entwicklung als Nachfahren von Noahs Sohn Japhet, Herkunft aus Skandinavien, Wanderungen durch Osteuropa und Kriege mit dem Römischen Weltreich. Die Christianisierung durch die beiden Apostel Method und Kyrill ist ebenfalls besprochen.

Der Autor der Einleitung, Cirkovic, sagt bündig, dass dieser Teil historisch zuverlässig, ohne zuviel Pfuscherei oder erfundenen Quellen angelegt sei. Im Gegensatz zu dieser seiner Bemerkung bin ich jedoch der Meinung, dass gerade hier weitgehend erfundene Geschichte vorgelegt wird. Geschichte, wie sie damals gerade im Entstehen begriffen war und von jedem Autor ein paar Schritte weitergesponnen wurde. Die Tatsache, dass man sie immer wieder abschrieb und heute als Ersatz für echte Daten als "gesichert" hinnimmt, besagt nicht, dass sie stimmen könnte.

Dabei brauche ich mich nicht bei der Erfindung der biblischen Abstammung von den Sintflutüberlebenden aufzuhalten - das ist ohnehin als Fabelei entlarvt - sondern kann kleine Ausschnitte auswählen, die zur Genüge zeigen, was ich meine.

Der Auszug der zuviel gewordenen Slawen aus Skandinavien, das hier auch mit Thule gleichgesetzt wird (wegen Telemarken, einer Landschaft in Südnorwegen), und die Eroberung Sarmatiens, das vom Mäotischen Meer bis zur Weichsel und vom Baltikum bis zu den Karpathen gedacht wird, soll im Jahr der Schöpfung 3790 gleich 1460 vor Christi Geburt erfolgt sein. Derartige Geschichten kennen wir von vielen anderen europäischen Völkern, z.B. den Spaniern, und wissen heute, dass sie reine Erfindung sind.

Die Feststellung, dass eine fortlaufende Reihe von den Geten oder Goten über die Skythen, Sarmaten und Wenden zu den Slawen verlaufe und diese Ostgermanen mit Alexander dem Großen in Kontakt traten, zeigt uns schon, wie die späteren Ableitungen sich immer noch auf diese Märchen stützen und so schließlich die These von den Indogermanen entstehen ließen. Dabei werden die Vorarbeiten hierzu mit Namen genannt, z.B. Giovanni Aventino (De Boii) und Albert Krantz, der mehrfach erwähnt wird.

Die Sprachverwandtschaft ist als Annäherungsbewegung der großenteils künstlich erstellten Sprachen verständlich. Mit einer Völkerverwandtschaft hat das nichts zu tun.



Die ersten "echten" Jahreszahlen nennt Orbini im Zusammenhang mit den Kriegen der Anten oder Wenden gegen Ostrom: Einfall in Dalmatien 548, Überfall auf Thrakien 549, Griechenland 550, Makedonien 552. Hier treten sie schon als die Vorläufer der Slawonen auf. Justinian wird erwähnt, wobei ihm die Jahreszahl 585 zugeteilt wird, d.h. 20 Jahre später als man heute glaubt, während der nächste genannte Kaiser Mauritius und sein siebtes Jahr mit 591 nur noch zwei Jahre vom heutigen Datum fernliegt.

Da die Wenden das Hauptvolk der Slawen ausmachen, ist die Geschichte Venedigs natürlich von großer Bedeutung in diesem Werk. Aber was heißt slawisch? Wendisch ist slawisch und Wendisch ist Ostgermanisch. Slawisch ist demnach ein ostgermanischer Dialekt mit persischen und griechischen Beimischungen usw.

Method und Kyrill werden einem Papst Hadrian III und dem Jahr 887 zugeordnet, der aber nach modernen Tabellen schon 885 starb.

Während Kyrill als Erfinder der kyrillischen Schrift gilt, sei das Glagolitische, hier Buchwiza genannt, von St. Hieronymus eingeführt worden. Die von Orbini in diesem Sinne abgebildeten Lettern stimmen allerdings nicht ganz mit den in modernen Lexika abgebildeten glagolitischen Buchstaben überein. Jedenfalls sollen diese beiden Schriftarten bei allen Slawen in Gebrauch sein, besonders den Böhmen und Polen. Wir wissen jedoch, dass gerade diese beiden Völker heute die lateinische Schrift verwenden. Darum muss dieser Hinweis von Orbini überprüft und chronologisch untersucht werden.

Dann werden zwei Ahnherren der beiden slawischen Völker Böhmen und Polen eingeführt, die Czecho und Lecho heißen, wiederum eine der typischen Konstruktionen der Renaissance. Von Helmold übernimmt er einige interessante Ausdrücke betreffend der alten Götternamen der Slawen.

Den Nachweis, dass die Vandalen echte Slawen sind, führt Orbini mit einer Wortliste, die rund 190 Eintragung aufweist, aus Carlo Vagriese und Lazzio entnommen. Von Pietro Suffrido übernimmt er, dass die Vandalen sich besonders unter Alexander dem Großen als Krieger hervortaten, unter Kaiser Augustus (laut Biondo) das rechte Rheinufer mit 80 000 Leuten besetzten, usw. Die zweite Angabe wird heute zwar noch verwendet, jedoch rund vier Jahrhunderte später angesetzt. Natürlich fehlt Genserich und seine Brandschatzung Roms 457 nicht, sowenig wie der Name des letzten Vandalenkönigs Gelimir. An anderer Stelle sagt er, dass die Wandalen in Afrika 200 Jahre regierten, was nach heutiger Ansicht um fast ein Jahrhundert zuviel ist.

Mit anderen Worten: Die Mischung zahlreicher Einzelnotizen, die uns hier serviert wird, hat noch stark den Charakter von Legenden und ist eher eine Protogeschichte, in der wir den Entstehungsvorgang verfolgen können. Das Chronologie-Gerüst Scaligers ist teilweise schon eingearbeitet, ohne dass dessen Name auftauchen würde.


Das zeigt uns noch einmal, dass Scaliger keineswegs ein völlig neues System aufgebracht hat, sondern die in den letzten 100 Jahren entstandenen Chronologieteile zusammengefügt und normiert.



Im zweiten Teil wird eine eher homogene Geschichte vorgestellt, die eine großzügige Übersetzung der "Letopis Popa Dukljanina" sei, wie der Verfasser der Einleitung ausführt. Sie reicht von 495 bis 1161.

Der dritte Teil ist mit einem Kunstgriff daran angebunden, indem der letzte Herrscher der "Letopis", Desa, zum Vater des ersten der neuen Chronik, Stefan Nemanja gemacht wird. Auch dies ist ein beliebter Trick, um ursprünglich nebeneinander stehende Herscherreihen in eine Linie zu bringen. Dass dabei Zeitstreckungen erzielt werden, steht außer Frage. Es hat den Anschein, dass in diesem dritten Teil schon fast historische Begebenheiten erzählt werden, was bedeuten würde, dass die von Orbini benützten Quellen schriftliche Dokumente der letzten Jahrhunderte gewesen sein müssten.

Das Register am Schluss umfasst 26 Seiten, eine selbst für damalige Zeit beachtliche Arbeit.


Zusammenfassend kann man folgendes sagen: Es ist eine interessante Historiographie der Slawen im 16. Jh., aber es ist keine zuverlässige Quelle für die Erforschung der Slawenentstehung. Die darin verbreiteten Legenden sind z.T. heute noch im Umlauf, nur einige sind bereinigt worden. Das Buch ist empfehlenswert zum Studium der Geschichtsschreibung im Zusammenhang mit der Frage: "Wie entstand die Slawenlüge?"

 

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