Von den Merowingern bis zu Karl V. und darüber hinaus - die Systeme der Königsnamen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Basileus   
Dienstag, den 14. Dezember 2010 um 22:08 Uhr

Dies ist eine Fortsetzung des Artikels Die Systeme der Namen der römisch-deutschen und französischen Könige des Hochmittelalters .

 

Gesamtinhalt:

1. Das römisch-deutsche System der Königsnamen von 911 bis 1313
1.1. Das System
1.2. Weiteres zur inneren Struktur des Systems
1.3. Die Könige vor und nach dem System
1.4. Ein paar wichtige Zahlen, aber keine Mystik
2. Das französische System der Königsnamen von 929 bis 1322
2.1. Das System
2.2 Die Struktur innerhalb des Systems


3. Die Erweiterung auf 768 bis 1493 und darüber hinaus
3.1. Die formale Struktur des Systems von 911-1313
3.2. Die Erweiterung in die Zukunft bis 1493
3.3. Die Erweiterung in die Vergangenheit bis 768
3.4. Die Gesamtstruktur des Systems von Karl Martell bis zu Karl V.
3.5. Ein 8. Abschnitt bis 1740
3.6. Eine Berechnung der Wahrscheinlichkeit für das System von 911-1313
4. Das System der Namen der Merowinger-Könige 428-752
4.1. Die Struktur des Systems
4.2. Die Einbettung in ein Gesamtsystem von 428-1740

 

 

3. Die Erweiterung auf 768 bis 1493 und darüber hinaus

3.1. Die formale Struktur des Systems von 911-1313

Das Muster (engl. pattern) des analysierten Systems der Königsnamen von 911-1313 in ostfränkischen und römisch-deutschen Landen, das sich viermal wiederholt, sieht wie folgt aus:

a) Konrad
b) Heinrich
c) Liste beliebiger Namen der Länge x, wobei x-1 die Länge des vorherigen Abschnitts ist, mit x1=3.
d) Heinrich

Kürzt man den Namen Konrad mit "K", und den Namen Heinrich mit "H" ab, so erhalten wir folgende kompakte Darstellung des Systems (die einzige Ausnahme Lothar III. genau in der Mitte wird hier außen vor gelassen):

911
1) KH(3)H
2) KH(4)H
3) KH(5)H
4) KH(6)H
1313

Das schreit ja förmlich nach nach einer Erweiterung um 2 und 1 bei den Königen des mittleren Teils in die Vergangenheit, und um 7 in die Zukunft. Wir werden sehen, daß das System noch wesentlich größer ist als bisher erkannt, und werden feststellen, daß die einzige Ausnahme, König Lothar (auch Luther geschrieben), exakt in der Mitte angeordnet ist.

Dazu ist eine weitere Abstraktion nötig. Da es außerhalb von 911-1313 keine Könige mit Namen Konrad oder Heinrich mehr gibt, wird die Eigenschaft Heinrichs wichtig, immer der jeweils zweite und der jeweils letzte Name eines in seiner Länge genau definierten Abschnitts zu sein. Die Funktion der Namen Konrad und Heinrich übernehmen also andere Namen.

 

3.2. Die Erweiterung in die Zukunft bis 1493

Nach dem letzten König des 4. Abschnitt (Heinrich VII., 1313) ist der erste König Ludwig IV., der den bisherigen Part des Konrad übernimmt. Zweiter gewählter und gekrönter König ist Friedrich der Schöne (Gegenkönig). Da der 4. Abschnitt insgesamt 9 Könige umfaßte (davon 6 im Mittelteil), muß der 5. Abschnitt 10 Könige umfassen (davon 7 im Mittelteil). Die Reihenfolge der 10 Könige nach 1313 ist wie folgt:

Ludwig IV.
Friedrich der Schöne
Karl IV.
Günther von Schwarzburg
Wenzel von Luxemburg
Ruprecht von der Pfalz
Jobst von Mähren
Sigismund
Albrecht II
Friedrich III.

Der 10. und letzte König hat dann auch tatsächlich den Namen Friedrich, Friedrich III.. Somit ist das System bis 1493, dem Jahr seines Todes, erweitert worden.

 

3.3. Die Erweiterung in die Vergangenheit bis 768

Im Jahre 911, dem bisherigen Beginn des Systems, starb der andere Ludwig IV., vor Konrad I.. Der Name Ludwig übernimmt also vor 911 die Rolle des Heinrichs danach. Da der Abschnitt mit Konrad I. bis Heinrich II. 6 Könige umfaßte (davon 3 im Mittelteil), muß der Abschnitt davor 5 umfassen (davon 2 im Mittelteil). Und wir sehen:

Karl
mann (ab 876 König)
Ludwig III.
Karl III. der Dicke
Arnulf von Kärnten
Ludwig IV.

Und tatsächlich, der Name Ludwig taucht wieder als zweiter Name des 5 Namen umfassenden Abschnittes von 876-911 auf, mit dem Namen Karl als erster Position anstelle des Konrad.

Geht man noch einen Schritt weiter zurück – Abschnitt mit insgesamt 4 Königen, davon 1 im Mittelteil, so muß man Folgendes beachten: Da der Herrschaftsbereich von fränkischen Königen (rex) außer Karl dem Großen vor der Teilung des Reiches 843 (Vertrag von Verdun) regional begrenzt war, muß die Person genommen werden, die Herrscher des Gesamtreiches war. Das war in dieser Zeit der Kaiser (imperator). Da die späteren ostfränkischen und römisch-deutschen Könige, auch die Gegenkönige, immer Herrscher des Gesamtreiches waren (jedenfalls dem Anspruch nach), ist das die einzig sinnvolle Vorgehensweise – sonst müßte man ja z.B. auch die Könige von Böhmen innerhalb des HRR mitzählen.
Wir sehen also:

Karl I., der Große….........(ab 768 König)
Ludwig I………………...(ab 813/14 Kaiser)
Lothar I………………….(ab 817/40 Kaiser)
Ludwig II., "der Deutsche"(ab 843 König des Ostfränkischen Reiches)

Auch hier ist wieder der Name Karl der erste, und der Name Ludwig der zweite und letzte des in der Länge genau definierten Abschnitts.

 

3.4. Die Gesamtstruktur des Systems von Karl Martell bis zu Karl V.

Das gesamte bisher beschriebene System mit insgesamt 7 Abschnitten beginnt also im Jahre 768 (Karl der Große wird König), und endet 1493 (Friedrich III. stirbt).

Rein formal geschrieben: Bezeichnet man mit A den Namen des jeweils ersten Königs eines Abschnitts, und mit B den Namen des jeweils zweiten und letzten, so sieht das gesamte System so aus:

Karl Martell -> Pippin der Kleine ->
AB(1)B -> AB(2)B -> AB(3)B -> AB(4)B -> AB(5)B ->AB(6)B -> AB(7)B
-> Maximilian -> Karl V.

Kurz eine Bemerkung zu den "Karlmanns" vor der Reichsteilung 843. Es gibt jeweils einen Karlmann als Bruder von Pippin dem Kleinen, dem Vater Karls des Großen, und einen Karlmann als Bruder Karls des Großen. Beide werden am selben Tag wie ihre Brüder gekrönt, und sterben wenige Jahre später. Auch Karl der Große hat einen Sohn namens Karlmann in Italien. Dieser wird später unter dem Namen Pippin König von Italien. Wir lassen daher die seltsamen Brüder Karls des Großen und Pippins des Kleinen namens "Karlmann" außen vor.

Beginnend von der Krönung Karls des Großen, 768, sind es 356 Jahre bis Lothar III. 1125 König wird. Er stirbt im Jahre 1137, genau 356 Jahre vor dem Tod des letzten Königs des Systems, Friedrich III. im Jahre 1493. Somit wurde die einzige Ausnahme exakt in der Mitte platziert.

Vor Karl dem Großen (768) herrschte im Frankenreich sein Vater Pippin der Kleine, davor war faktisch seit 717 Karl Martell als "dux et princeps Francorum" der politische Führer des Landes. Karl Martell gilt als der 1. Karolinger.

Nach 1493 (Tod Friedrichs III.) herrschte im HRR Maximilian I.. Der Name Maximilian(der Größte) ist ein Antonym zu Pippin dem Kleinen, der vor 768 König war. Nach diesem Gegensatz klein/groß kommt vor Pippin Karl Martell, der 1. Karolinger, und nach Maximilian Karl V.. Es ist daher anzunehmen, daß das ganze System entweder frühestens während seiner Herrschaft (1520-1556) entworfen wurde, oder zumindest in wesentlichen Teilen erweitert wurde.

Die Geschlossenheit des Systems von 768-1493 zeigt sich daran, daß
1) Lothar III., die einzige Ausnahme, genau in der Mitte angeordnet ist, und daß
2) der erste und der letzte König, Karl der Große und Friedrich III., auch der erste und letzte König waren, die vom Papst in Rom zum Kaiser gekrönt wurden. Sie bedurften daher offensichtlich einer anderen Herrschaftslegitimation als die Herrscher der Antike und die Herrscher der Neuzeit

 

3.5. Ein 8. Abschnitt bis 1740

Nach Friedrich III. hatten die römisch-deutschen Könige alle den Titel "Erwählter Römischer Kaiser" (außer Ferdinand IV., der vorher starb), ohne Legitimation durch den Papst. Auch Karl V. trug diesen Titel bereits seit 10 Jahren, als er sich 1530 in Bologna noch einmal, als letzter römisch-deutscher Kaiser überhaupt, die Krone vom Papst aufsetzen ließ.

Zählte man also ab Maximilian I. nur die Kaiser, so würde sich folgender 8. Abschnitt nach dem beschriebenen System ergeben (gleichsam ein Neubeginn nach den 7 Tagen der Schöpfung), der insgesamt 11 Herrscher umfassen muß, und dann bis zum Jahre 1740 reicht:

Maximilian I.
Karl V.
-> 8 Kaiser
Karl VI. (bis 1740)

 

3.6. Eine Berechnung der Wahrscheinlichkeit für das System von 911-1313

Einige Eigenschaften des beschriebenen römisch-deutschen Systems von 911-1313, eingerahmt von einem Ludwig IV. direkt davor und direkt danach, lassen sich recht einfach formalisieren, so daß zumindest für diesen Teil eine Wahrscheinlichkeit konkret berechnet werden kann. Wir hatten dieses System oben so dargestellt:

911
1) KH(3)H
2) KH(4)H
3) KH(5)H
4) KH(6)H
1313

Der leichteren Verständlichkeit wegen wird auf eine Gewichtung der einzelnen Namen verzichtet. Es werden nur drei Gruppen gebildet, wobei sich bei einer genauen Gewichtung die Größenordnung des Ergebnisses nicht verändert:

K – Konrad (insgesamt 5mal)
H – Heinrich (insgesamt 10mal)
A – Alle anderen Namen außer Lothar (insgesamt 15mal)

Je Abschnitt gibt es drei Positionen, die jeweils von einer der drei Namensgruppen belegt werden können. Insgesamt gibt es daher 3³ = 27 Möglichkeiten je Abschnitt, z.B.:

KK()K, HA()K, AH()H usw.

Die Wahrscheinlichkeit dafür, daß sich ein gegebenes beliebiges Muster des 1. Abschnitts im 2. Abschnitt wiederholt (d.h. zufällig genauso ist), ist:

1 : 3³ = 1 : 27.

Die Wahrscheinlichkeit, daß sich ein gegebenes beliebiges Muster des 1. Abschnitts sowohl im 2., 3. als auch im 4. Abschnitt genauso wiederholt ist somit

1 : 3³ x 3³ x 3³ =1 : 19683

Also ca. 1 : 20000, d.h. 0.005 %.

Da es darüber hinaus noch weitere Regelmäßigkeiten gibt, verringert sich die Wahrscheinlichkeit noch wesentlich weiter.

 

4. Das System der Namen der Merowinger-Könige 428-752

4.1. Die Struktur des Systems

Im Folgenden wird das System der Namen der fränkischen Könige der Merowinger-Dynastie (428-737 und 743-752) beschrieben.
Für eine Schnellübersicht der Merowinger-Könige: [wikipedia, 
en.wikipedia.org/wiki/List_of_French_monarchs ]

Die Analyse ergibt, daß auch die Namen der Könige der fränkischen Merowingerzeit nach einem System konstruiert wurden. Die überlieferte Abfolge der Namen kann aufgrund von Wahrscheinlichkeits-Überlegungen nicht auf natürlichem Wege zustande gekommen sein.

Es sind zunächst zu streichen:
a) die drei Könige mit Namen Chlothar. (Lothar war bereits im System der römisch-deutschen Könige eine Ausnahme und ist es auch hier.)
b) die zwei Könige mit Namen Theuderic. (= Theoderich, der "Doppelgänger" Ottos des Großen)

Folgendes Namensmuster wiederholt sich zweimal:

0. zwei beliebige Namen
1. Childeric
2. Clovis
3. Childebert
4. (Chari-/Dago-)bert
5. Chilperic

Die Königsnamen sind dann in der überlieferten Reihenfolge folgende:

ca. 428:
Chlodio
Merovech

1. Childeric I.
2. Clovis I.
3. Childebert I.
4. Charibert I.
5. Chilperic I.
---------------------------

629:
Dagobert I.
Clovis II.

1. Childeric II.
2. Clovis IV.
3. Childebert III.
4. Dagobert III.
5. Chilperic II.
--------------------------

737:
(Karl Martell als Herrscher)
(Pippin der Kleine als Herrscher)

1. Childeric III.

4.2. Die Einbettung in ein Gesamtsystem von 428-1740


Der zweite Teil ab 629, mit König Dagobert I., beginnt 200 Jahre nach dem Anfang des 1. Teils (ca. 428), und genau 300 Jahre vor dem System der französischen Königsnamen des Mittelalters im Jahre 929 (Tod Karls III., des Einfältigen).

Zusammen mit dem durchgehenden System der Namen der fränkischen/ostfränkischen/römisch-deutschen Könige bis 1740 ergibt sich insgesamt ein Zeitraum von 428-1740. Das sind 1312 Jahre.
1312 v.Chr.: Errettung/Erlösung aus der Knechtschaft in Ägypten
1312 : Heinrich VII. wird der erste Kaiser des Heiligen Römischen Reiches




 

Literatur:

Auf eine ausführliche Liste wird an dieser Stelle verzichtet. Alle genannten Daten sind verfügbar in der 
-
"Monumenta Germaniae Historica", entsprechende Einträge,
- MGH digital = http://bsbdmgh.bsb.lrz-muenchen.de/dmgh_new/
- wikipedia-Artikel

 

 

Mario Arndt, 14.12.2010

 

 

 

 

 

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